Aufstand der Sikh-Bauern unter Baba Banda Singh Bahadur
1710 bis 1715 in Indien
(Entwurf 29.3.2007)
- In der Geschichtsschreibung wird zu gern vergessen, das der Aufstand unter Baba Banda Singh Bahadur ein Aufstand der Bauern war. Über Bauernaufstände schrieb man nicht so gern, sie gehörten nicht in das Weltbild der Reichen! In Wirklichkeit muß dieser Aufstand geradezu ein Musterbeispiel für eine Bauernerhebung gewesen sein. Dazu passt z.B. die Vermengung von religiösen und sozialen Komponenten, wie sie bei fast allen Bauernrevolten zu finden ist. In Indien betraf es die relativ junge Religion der Sikhs, die um 1500 vom Guru Nanak begründet wurde. Genauso in`s Bild passt die Vorgehensweise der Bauern, beginnend mit der Bestrafung der schlimmsten Herrscher und weiterführend bis zur Ausrufung eines eigenen "Königs", selbstverständlich nach dem Vorbild der existierenden Staatsmacht, nur eben gerechter und "bäuerlicher". Genauso passend war die soziale Zusammensetzung der bewaffneten Bauernarmee, die nicht nur aus Sikhs bestand, sondern auch aus armen landlosen Moslems und Hindus! Nicht ganz neu, aber durchaus qualifiziert erschien bereits die Herausgabe eigenen Geldes im neu gegründeten Staat. Denn die eigene Staatsbildung ist schon an sich großes weiterführendes Ziel im Unterschied zu vielen anderen Erhebungen der Bauern.
Kein Unterschied dagegen ist in der Art und Weise zu finden, wie die Herrscher ihre Macht zurück eroberten: durch Gewalt und Betrug! Und wir finden überall auf der Welt die unglaubliche Brutalität wieder, mit der besiegte Bauern behandelt werden !
- Der Sikh-Aufstand fiel in die Niedergangszeit des indischen Mogulreiches. Der Staat unter dem Mogul Aurangzeb (gest. 1707) war bankrott, gekennzeichnet von Korruption und Auflösung der Verwaltungsstrukturen. Zentralindien war unpassierbar geworden, Hindu-Tempel in Vielzahl zerstört, islamische Religionsabweichler wurden verfolgt, alle Kunsttätigkeit von Malerei bis Musik offiziell eingestellt und das Land stöhnte unter Steuerabgaben. Während sich die Armee des Moguls bei der Niederschlagung der Rajputen (eine Art Ritter-Aufstand) verzettelte, wurden in vielen indischen Dörfern Feuerwaffen heimlich nachgebaut. Die Bauern hatten die Erfahrung gemacht, das man damit bestens die Steuereintreiber verjagen konnte! Das hatte seinen guten Grund im System der Steuererhebung. Es gab Steuern auf Land und Boden, Zoll, Münz-Steuern, Erbschaftssteuern und Kopfsteuern. Es gab Steuern wegen religiöser Zugehörigkeit und Steuern, weil es einem neueingesetzten Statthalter einfach so einfiel. Das System der Dschagir, das waren nichterbliche Lehen anstelle von Gehältern für Beamte, hatte furchtbaren Nachteile. Damit vom Mogul belohnte Leute konnten sich kein Interesse an langfristigen Aufbauerfolgen leisten. Sie mußten so viel wie möglich aus den Dörfern heraus holen, denn der Besitz blieb zeitlich begrenzt. (Wenn man so will, das feudale Vorgängermodell des heutigen Heuschrecken-"Wirtschaftens". )
Hof des Mogul-Kaisers in Dehli
Darstellung aus dem Jahr 1688
- Der Kampf war also längst längst eröffnet, als Banda Bahadur auf den Plan trat.
Er muß in einer gewissen Weise von höherer Geburt gewesen sein (16.10.1670 im Dorf Rajori in Jammu), denn seine Jugendzeit verbrachte er mit Ringen, Pferdereiten und Wildern, nicht unbedingt der Zeitvertreib armer Bauern. Eine Legende sagt jedoch viel über sein Herz aus: Während einer Jagd erlegte er ein kapitales Tier. Aber er mußte feststellen, das er eine trächtige Hirschkuh niedergeschossen hatte, die gerade ein Junges gebären wollte. Die düstere Szene des Sterbens beider Tiere veränderte sein ganzes Wesen und er zog in die Einsamkeit einer Hütte am Fluß Godawari.
- Vielleicht war es Zufall, ein Sikh-Guru Gobind Singh war auf Suche nach mutigen Gleichgesinnten. Die damalige politische Verfolgung der Sikhs kann man vergleichen mit den Verfolgungen, denen die evangelistischen Bauern einst im mittelalterlichen Europa ausgesetzt waren. Aus verständlichen Gründen sammelte der Guru seine Leute in einer Untergrundbewegung.
An dieser Stelle ist es wichtig, einiges über die Religion der Sikhs zu erklären. Unabhängig von hier nicht zu betrachtenden Aspekten dieser Glaubensrichtung trägt diese jedoch markante moderne Sozialauffassungen. Um 1700 ist diese Religion etwa 200 Jahre alt. Aber bereits damals empfanden ihre Anhänger das vorherrschende Kastenwesen als menschenunwürdig! Sie lehnten auch die Witwenverbrennungen ab und kritisierten die generelle Ausgrenzung der Frauen! Die Sikhs stellen berechtigt die Frage: Wie kann man Frauen als minderwertig bezeichnen, wenn sie doch Königen das Leben schenken!
Doch damit nicht genug: Zu den Tugenden, die die Sikhs lehren, zählt, das nur ein ehrlicher Verdienst in der Gesellschaft gilt, die Betonung liegt hier auf ehrlich! Und zu den Tugenden zählen sie, das der Verdienst mit den Bedürftigen zu teilen ist!
Diese Religion entsteht gewissermaßen zur gleichen Zeit, wie die Rupie und der goldene Mohur als Währung eingeführt werden und sich die Geldwirtschaft ausbreitet. (Die Parallelität zu Europa ist geradezu auffallend!)
- Ausgerechnet, als die Mogul-Regierung beschlossen hatte, diesem "Irrglauben" ein Ende zu setzen, traf der Guru Gobind Singh auf den einsamen Banda und ermunterte ihn zur Teilnahme an der Revolte. Der Legende nach antwortet der zukünftige Held : "Ich bin Ihr banda (Sklave)"! Der Guru tauft ihn auf den Namen Gurbakhsh Singh (Löwe), aber Banda selbst will Baba Banda Singh Bahadur heißen und wird mit diesem auch in die Geschichte eingehen. Sein Auftrag ist es von nun an, mit fünf beigegebenen Getreuen den Widerstand im Punjab zu organisieren - den bewaffneten Widerstand. Genau genommen einen Bauernaufstand!
- Anfangs besaß Banda keine Armee. Aber auf seinen ersten Wanderungen bestrafte er mit seinen Getreuen die schlimmsten Steuereintreiber und er rief zu den Waffen! So wurden es immer mehr Aufständische, denn die Bestrafung der Herrschenden gefiel den Bauern sehr gut. So gut sogar, das sie der Legende nach ihr Hab und Gut und ihre Tiere verkauften um an Waffen zu kommen und um den Aufständischen anzugehören. Auch die armen Muslime und die unbegüterten Hindus schlossen sich Banda an. So eroberten sie Sonepat und Kaithal. Am 11. November 1709 fiel ihnen nach schweren Kämpfen die Stadt Mughal in die Hände und damit das Finanzwesen des Mogulen!
- Für die Mogulen wurde es ernst. Wazir Khan, der Gouverneur von Sirhind sammelte Söldner und rüstete für den bevorstehenden Kampf, denn die Sikhs ließen ihn wissen, das die gerechte Strafe auf ihn zukommt.
Eine andere Sikh-Einheit sammelte sich in Anadpur Sahib und marschierte in Richtung Sirhinds . Aufgehalten von den Mogul-Truppen entbrannte ein blutiger Kampf bei Ropar (Roop Nagar). Durch den Sieg konnten sich die Aufständischen vereinen. Sie rüsteten für ihren Kampf im Cis-Satlej Bereich des Punjabs. Am 12.Mai 1710 war es soweit für den Sturm auf Sirhind, am 14. Mai konnte es erobert werden. Der Tod des Wazir Khans und seiner Lakaien brachte die lang ersehnte Befreiung . Die erste Verwaltungshandlung Bandas: die Bodenübergabe an die Bauern!
- Im Nordosten des Punjab, zwische Sadhora und Nahan, machte Banda das Dorf Mukhlis Garh zu seiner Hauptstadt, nannte es Lohgarh (Festung aus Stahl).
Banda führte seine eigene Münzprägung ein. Auf einer Münze ist zu lesen: "Ausgegeben aus der schönen Haupstadt des Glücks, einer Stelle des Friedens für die Welt". Und Banda schickte seine Leute zum Uttar Pradesh in den Norden von Delhi. Immer dorthin, wo die Leute über die Belastungen durch Staatsbeamte und Verwalter klagten. So übernahmen die Sikhs Saharanpur und befreiten Jalalabad. Auch im Westen des Satlejs und in der Region von Jallandar und Amritsar wurden die Bauern rebellisch. Korrupte Beamte wurden abgesetzt und durch aufrichtige Leute ersetzt.
- Die Sikhs hatten nun die Verbindung zwischen den Hauptstädten Delhi und Lahore erfolgreich unterbrochen. Der Mogul-Kaiser, gezwungen seinen Kampf gegen die Ritter in Rajasthan aufzugeben, ließ seine Truppen in Richtung Punjab marschieren. Er gab den Großalarm an alle Einheiten in Indien Banda Singh zu besiegen und zu töten! Alle Gouverneure hatten ihre Krieger zu alarmieren. Diese sammelten sich bei Srhind und besetzten die Umgebung. Die Sikhs rüsteten sich für ihren letzten Kampf bei Lohgarh. Der endlose Nachschub für die kaiserliche Armee zwang Banda jedoch zur Flucht in die Berge und er blieb dort unauffindbar.
Über die Tatsache, das seine riesige Heermacht nicht in der Lage war den Aufrührer zu fassen, verlor der Mogul-Kaiser tatsächlich den Verstand und er starb am 18.2.1712.
Sein Nachfolger Farakhsyar suchte Banda´s Leute unnachgiebig mit seiner ganzen Armee in den Jammu-Bergen .
- Dort konnten sich die Aufständischen in einer Festung sichern, die seit dem Frühling 1715 belagert wurde. Die Belagerung dauerte bis zum 7.Dezember 1715, als die hungernden und erschöpften Kämpfer den Versprechungen der Regierungstruppen glaubten und auf den Vorschlag zu einem Kommandantentreffen eingingen. Bei seinem Eintreffen am Verhandlungsort wurde Banda entgegen allen Versprechungen sofort festgenommen und in einen Eisenkäfig gesperrt. Seine Getreuen wurden in Ketten gelegt und alle Gefangenen in einem entwürdigenden Aufzug nach Dheli getrieben. Ihnen voran trug man die Schädel der erschlagenen Bauern.
- Das letzte Kapitel dieses Bauernkrieges ist voller Bitterkeit und Heldentum!
Keiner der Gefangenen konnte durch Folter zum Abschwören gebracht werden. Keiner übte Verrat trotz der Tatsache, das jeden Tag hundert Häftlinge willkürlich für die Hinrichtung ausgesucht wurden. Statt Demütigung zu zeigen oder zu klagen sangen die Opfer ihre stolzen Hymnen! Dieses tapfere Sterben schockierte selbst die Vertreter einer zukünftigen Kolonialmacht. Mit den Aufzeichnungen der britischen Gesandten am Hof des Moguls wurden die grausamen Hinrichtungen für die Historie überliefert. Die Legende berichtet über einen der Gefangenen, das er selbst seine Mutter nicht wiedererkennen wollte, obwohl sie eine Begnadigung für ihn erreicht hatte. Täglich mußten alle hundert Männer getötet werden, weil keiner der Delinquenten seinen Stolz aufgab. Die kopflosen Körper der Tapferen wurden deswegen außerhalb der Stadt in die Bäume gehangen, damit niemand sie nachzählen konnte.
Als letztem war der Tod dem Anführer beschieden. Auf besonders grausame Art, denn auch Banda hatte allen Bestechungsversuchen widerstanden und alle Folter ertragen. Sie setzten ihn mit Narrenkleidern in einen eisernen Käfig und führten ihn so zur Hinrichtungsstätte. Dort forderten sie ihn auf, seinen vierjährigen Sohn zu töten! Da er diese Tat ablehnte, rissen sie das Kind in Stücke und steckten Banda die noch zuckenden Fetzen in den Mund. Anschließend trennten sie mit glühenden Zangen die Glieder von Bandas Leib ...
So starb Banda Singh Bahadur am 19.Juni 1716.
- Es ist interessant, wie die Herrscher nach besiegten Bauernrevolten weiter regierten. Auch da finden wir weltweit Parallelen zu den vielen sozialen Kämpfen. Man muß dabei bedenken, das die Aufständischen tatsächlich fast immer eine soziale Alternative in Form friedlicher Arbeit zu bieten hatten, die aber mit ihrer Niederlage von den Herrschenden ausgeschlagen wurde. So auch im Fall der Tragödie des Aufstandes der Sikh-Bauern. Denn in den Folgejahren zersplitterten zahllose Machtkämpfe der einzelnen Mogule untereinander das Land. Klein- und Kleinststaaten wurden von Maharajas und Rajas "regiert". Bei Hof vergeudete man die Steuereinnahmen und ständig wurden die Statthalter von ihren Posten abgelöst oder neu ernannt, was gleichbedeutend ist mit dem Ausbrechen lokaler Kriege. Von außen drängten Perser, Afghanen und die neuen Kolonialherren aus Europa. Und schließlich endete das Mogulreich ruhmlos 1857, nachdem die Engländer eine letzte große Erhebung (Sepoy-Aufstand) niederschlugen. Aber das ist schon wieder eine neue Geschichte wert.
Verwendete Literatur
Prof.Markov,W.;Prof.Anderle,A.;Prof.Werner,E.; Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1964 /
Lambert, M.; Ketzerei im Mittelalter Augsburg - Bechtermünz 2002 /
Prof.Kosminskij,E.A.; Geschichte des Mittelalters Volk und Wissen Verlags GmbH Berlin / Leipzig 1949 /
Internet: 01.02.2007 über Sikh-Märthyrer
(Druckversion Entwurf v. 01.02.2007 als PDF-Datei)
(Druckversion Entwurf v. 29.03.2007 als PDF-Datei)
(Notizen zum Thema Bauernkrieg / Entwurf v. 29.3.2007 / Hans Holger Lorenz / HLorenz500@aol.com)