Auswirkungen der preußischen Reformen zur Befreiung aus der Leibeigenschaft
in Deutschland im 19.Jahrhundert


Reform und Abbau der bürgerlichen Rechte

Angesichts einer dubiosen Privatisierungswelle, die seit 1989 nicht nur die Bundesrepublik überschwemmt, sondern sich in auffallender Weise über die ganze Welt verbreitet, ist es notwendig daran zu erinnern, das zu Beginn des 19.Jahrhunderts eine ähnliche Bereicherungswelle die Menschenmassen Europas in Armut, Verzweiflung und zur Auswanderung trieb. Diese Bereicherungswelle geht mit zwei Merkmalen einher: zum einen mit dem ständig benutzten Begriff der Reform und zum anderen mit einem gleichzeitigen Abbau der Rechte des Einzelnen! Beiden Erscheinungen begegnen wir bereits in der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts.

Währungsreformen

Nach den napoleonischen Kriegen und der Kleinstaaten-Verteilung Europas entsprechend der Verhandlungen des Wiener Kongresses war die Welt noch lange nicht in Ordnung gebracht. Die Aufhebung der Kontinentalsperre durch die Siegermächte ließ die gewerbliche Produktion auf dem Festland erst einmal zusammen brechen! Unter dem Druck billiger englischer Waren kam statt Fortschritt eine wuchtige Krise! Zudem waren die meisten Staaten "hoch verschuldet" - kein Historiker führt auf, wer hier wem was schuldete. Scheinbar lassen sich weder die Namen der Geldgeber noch die der Schuldner finden. Die Zahler bildeten in jedem Fall die unteren Bevölkerungsschichten der betroffenen Länder, die durch Gesetze stets zu Steuern und Abgaben verpflichtet wurden.

Ein noch nicht allzu häufig probiertes Mittel, den "Staats-Verschuldungen" beizukommen, waren damals Währungsreformen! Geldverschnitte und Münzabwertungen kannte man bereits. Papiergeld war noch nicht allzu weit verbreitet und in den deutschen Ländern nicht so gern gesehen. Aber gerade das bot neue Möglichkeiten!
In Österreich brachten Papiergeldreformen 1811 und 1816 eine Entwertung von 80% und von 60%. (1) Die Papiergeldbesitzer, also diejenigen, bei denen es nicht zu Gold und Silber reichte, waren kleine Beamte, kleine Gewerbetreibende und die Bauern. Die Verluste trafen deren Ersparnisse .
Preußen nahm 1821 seine Geld-Reform vor, aus anderen Gründen, aber mit dem gleichen Motiv! Hier wurde eine Vereinheitlichung der Zahlungsmittel deswegen erforderlich, weil der Immobilienhandel infolge der Ablösereformen dringend übersichtlicherer Zahlungsmittel bedurfte. So sind in nebenstehender Vergleichungstabelle von 1821 (2) allein unter den gängigsten Silbermünzen 15 Sorten Geld aufgeführt!

Bauernbefreiung

Bei einer wirtschaftlichen Nachkriegserschöpfung ist es ein schwieriges aber nicht glückloses Unterfangen, neue Steuern einzuführen. Man muß nur einen richtigen Namen dafür finden: Reform! Reform für Freiheit! Und Freiheit wollten die Bauern, Freiheit von der feudalen Abhängigkeit! Die war möglich, das hatten ihnen die Franzosen zu erzählen gewußt!
Unter dem Druck der militärischen Niederlage Preußens bei Jena und Auerstedt entwarf ein Reichsfreiherr Stein das sogenannte Oktoberedikt von 1807, das den Bauern diese Freiheit versprach. Vier Jahre später realisierbar mit dem Edikt, die Regulierung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse betreffend v. 14.September 1811 (3), war die Freiheit bereits nicht mehr kostenlos!
Vielleicht mag es noch guter Wille einiger Reformer gewesen sein, die die reale Wirkung ihrer Befreiungsgedanken nicht abzuschätzen wußten.(a) Die materielle Durchsetzung jedoch offenbarte brutalste Habgier! Fast unberücksichtigt bleibt in der offiziellen Geschichtsschreibung die Tatsache, das die ehemaligen Leibeigenen per Gesetz verpflichtet wurden, sich frei zu kaufen! Und gar nicht genannt werden solche Fakten wie z.B. die Beibehaltung der laufenden Abgaben.
Die Bauern trugen als "Freiheit" nun doppelte Last: die alten Zwangsabgaben und die neuen Verpflichtungen zum Freikauf!
Nur aus erhalten gebliebenen Steuerlisten kann man eine unglaubliche Verdopplung der Bereicherung der alten und neuen Großgrundbesitzer ablesen, die sich in kürzester Zeit vollzog! Leider haben die Bauern damals ihre Geschichten nicht aufschreiben können. In den deutschen Ländern verloren die Bauern etwa 1/3 ihres Bodenbesitzes. Die Gewinner waren nicht nur alte Rittergutsbesitzer! Viele der sogenannten Rittergüter kamen in bürgerlichen Besitz! Die neuen Herren waren Kaufleute, Bankiers, Steuereinnehmer, Finanz- und Justizräte usw. (4).
Es ist bemerkenswert, aber oft unerwähnt, diese Neureichen erhielten mit den Gütern deren alte feudale Privilegien! Dazu gehörte das Jagdrecht auf Bauernfeldern, die Steuerfreiheit, die Gerichtsbarkeit (sog. Patrimonialgerichtsbarkeit), die lokale Polizeihoheit, das Schul- und Kirchenpatronat und das Recht Lehrer und Pfarrer auszuwählen.
Die Entwicklung ging so rasant, das knapp zwanzig Jahre später mindestens die Hälfte der alten Rittergüter von neuen "Rittern" besetzt war, die nicht selten schlimmer als die alten agierten. Leider muß man feststellen, das wir in der Geschichtsschreibung darüber so gut wie keine Untersuchungen finden können - weil ab diesem Zeitpunkt die Aufmerksamkeit der Historiker der Industriebildung gewidmet wird und die massenhafte Umverteilung des Land-Besitzes so gut wie keine Rolle zu spielen scheint. Aber diese Neureichen waren die Gesetzemacher und Staatsministeriellen, die in den deutschen Kleinstaaten die Politik mitzubestimmen begannen! (5)
Und man muß die Logik nur weiter führen: das Kapital für die Industrialisierung haben nicht etwa mutige und risikofreudige Bankiers bereitgestellt, sondern es wurde per Gesetz den Bauern einfach gestohlen!

Hungerrevolten

Die Historiker wechselten statt die massenhafte Umverteilung des Besitzes zu analysieren, lieber in die Wetterberichte, um die Ursachen der Hunger- und Teuerungsjahre nach 1815 zu finden. Es soll das schlechte Wetter gewesen sein, das die Preise für Lebensmittel 1816 ins Unerschwingliche für die Bevölkerung steigen ließ!(b)
In Deutschland wütete der Hunger besonders in der Eifel, in der Lausitz, in Baden, und im Erzgebirge 1816 und 1817. In Österreich dagegen gingen die Höfe der kleinen und der größeren Bauern massenhaft zugrunde - weil die Getreidepreise fielen! In Südwestdeutschland startete die erste Ausreisewelle der Kleinbauern nach Amerika!

Unter dem schlichten Wort Pauperismus (= Verelendung) der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbergen sich entsetzliche Schicksale von einst in Lohn und Brot stehenden Landbevölkerungen. Diese hatte infolge der Befreiungsreformen im wahrsten Sinn des Wortes den Boden unter den Füßen verloren. Die sich massenhaft ausbreitende Unterschicht der Landlosen blieb in den zwanziger und dreißiger Jahren auch ohne Arbeit in der entstehenden Industrie, deren Erfolge in Geschichtsbüchern heute noch gefeiert werden, die in Wirklichkeit dank fehlender Risikobereitschaft der Besitzenden (die tatsächlich mehr in Landbesitz investierten) eher dahinschwächelte, man kann in jener Zeit viel über Kapitalmangel lesen. Die neuen Land- und Arbeitslosen aber wurden dem Verhungern überlassen. Nur wenn sie Glück hatten, durften sie als Zeitpächter auf ihren ehemaligen Böden ohne Lohn arbeiten oder als Tagelöhner und Saisonarbeiter wenigstens im Ort bleiben! So mußten Beispielweise in der Niederlausitz annähernd 15 000 Bauern 95 000 Morgen Land abtreten (etwa 30 % ihres Bodenbesitzes), über 700 000 Taler als einmalige Kapitalzahlung entrichten, dazu kam jährliche Zahlungen von Renten und Naturalien in vergleichbaren Dimensionen.(6)
Der neu entstandene Großgrundbesitz sah sich in vielen Gebieten Deutschlands gar nicht in der Lage, das abgenommene Ackerland zu nutzen, obwohl Arbeitskräfte und Geldkapital nun durch Ablösungen vorhanden waren. Die englischen Importsperren durch Zollschranken taten ein Übriges und Rußland exportierte sein eigenes Getreide!
Den gebliebenen Bauern aber fehlten Kapital und Land, an beidem hatten sie mit der Ablösung verloren, beides wäre notwendig für den Ausbau ihrer Höfe!
So blieb die Landwirtschaft unproduktiv, aber die Bauern galten als befreit! Es gibt also durchaus Zusammenhänge zwischen den Regulierungsedikten, den Agrarkrisen und den Hungersnöten!

Die Aufstände, die 1830 in einem Drittel der deutschen Bundesstaaten ausbrachen, begannen nicht grundlos in Preußen, Österreich und Sachsen. Deren Niederschlagungen, wie in Hessen beim Blutbad von Södel, fanden ihre Fortsetzung in den Hungerunruhen (7) von 1847. Aber erst die Wucht der 1848er Revolution machte den Herrschern Europas deutlich, das eine ungezügelte Bereicherung auf revolutionären gewalttätigen Widerstand stoßen konnte.


Hungerrevolten im Frühjahr 1847
Hungerrevolten im Frühjahr 1847

Privatisierung des Gemeindeeigentums

Ursprünglich als Genossenschaft von miteinander Wirtschaftenden, wurde die dörfliche Gemeinde im 19. Jahrhundert systematisch ihrer materiellen Grundlagen entblößt. Was heute unter dem Begriff der Bio-Produktion im ständigen Sprachgebrauch genutzt wird, galt in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts als rückständig und überholt. Die dem Fortschritt dienen sollenden Reformen haben jedoch keineswegs ausschließlich zur Modernisierung der Landwirtschaft beigetragen. Sie verhalfen vornehmlich der Bereicherung einiger weniger, wenn man sie in gesamter Wirkung betrachtet: "Regulierungsedikt" v. 14.9.1811 ; "Edikt über die bürgerlichen Verhältnisse" v. 11.3.1812 ; "Gendarmerie-Edikt" v. 30.7.1812 ; "Regulierungs- und Ablösebestimmungen" v. 29.5.1816 und v. 7.6.1821, die Münz- und Währungsreform v. 30.9.1821 u.s.w.

Die Reformen, die eigentlich einer Befreiung der Bauern von feudalen Abhängigkeiten zugedacht waren - wenn es denn wirklich in dieser Absicht lag, erwiesen sich in der harten Realität für die Landbevölkerung als Ursachen für Verelendung und Verarmung. Die bäuerlichen Gemeinden wurden mit unlösbaren Problemen des Pauperismus konfrontiert die zu den Hungerepidemien der 1830er und 1840er Jahre führten. Die sozialen Spannungen zerrissen schließlich miteinander wirtschaftende Gemeinden. Aus nicht enden wollender Not versuchten sich hunderttausende Angehörige einst fester Familienverbände in großen Abwanderungswellen vor dem Verhungern zu retten. Diese Folgen einer drastischen kulturellen Rückentwicklung für etwa fünfzig Jahre werden in der traditionellen Geschichtsschreibung als erfolgreiche Industrialisierung verherrlicht während die unglaublichen Bereicherungsorgien einiger weniger fast grundsätzlich verschwiegen werden.
Wir wissen heute, das die sogenannten Reformen in der Regel von Staatsbehörden angeordnete Bereicherungen für oben waren. Sie orientierten wie beispielsweise die Preußische Gemeinheitsteilungsordnung vom 7.Juni 1821 auf die Durchführung von Privatisierungen des genossenschaftlichen Nutzungsverbandes der Gemeinden.
Was sollte in Privatbesitz? Wonach gierten die ohnehin an der Befreiung schon reich geworden?
Sie krallten nach allem, was die Dörfer als Gemeinde hergaben: Wiesen, Weiden, Äcker, Heiden, Wälder, Gewässer und Moore, Gebäude, Brunnen ... u.s.w.
Abgeschafft und verboten wurden das Ährenlesen und die Stoppelhude auf den Feldern, das Sammeln von Streumaterial und von Brennholz, Schweinemast und Rinderhude in den Forsten, Torf- und Soodenstechen in Mooren und Heiden und das Frühjahrsweiden.
Wie schön auch für einen Durchschnittsbauern im Havelland, der, wenn er früher 96 Parzellen besaß, nach den Reformen nur noch auf 24 zu fahren brauchte (8). Diese sogenannte Flurbereinigungen machten nicht nur aus alten Junkern sondern auch aus den Städten stammende Geldgeber (heute Investoren genannt) neureiche Großgrundbesitzer.
Generell bildete sich eine Struktur heraus, die mit der Einteilung: Gutsbesitzer - Bauer - Landarbeiter beschrieben werden kann, darin sind jedoch jene nicht enthalten, die in (bodenlose) Verarmung fielen, auswanderten oder einfach verhungerten:

Prozentuale Verhältnisse
der Bauernstellen (spannfähig), der Kleinstellen und der Gutsbesitzer
in der Provinz Brandenburg von 1816 bis 1867 (9)



1816 1837 1851 1859 1865 1867
Bauernstellen 54,8 52,0 45,7 43,6 39,1 38,2
Kleinstellen 43,6 46,4 52,9 55,0 59,6 60,6
"Ritter"-Güter 1,6 1,6 1,4 1,4 1,3 1,2


Wo man diese Veränderungen nicht allein per Gesetz durchsetzen konnte und wo die Dorfgemeinschaften diese Reformen geschlossen ablehnten und zuweilen auch ganz in praktischer Art des Bauern einfach unterliefen, wurde Gewalt eingesetzt.
Wir kennen heute nur wenige Anhaltspunkte, aber eine Quelle dafür haben wir: die Justiz-Bürokratie stellte damals ein sprunghaftes Ansteigen von Gesetzesverstößen wie Waldfrevel, unerlaubtes Abfischen oder Weidenmißbrauch fest - nicht weil es tatsächlich mehr Vergehen gab - sondern weil alltägliche Gewohnheitsrechte von einem Tag auf den anderen strafbar wurden!
Besonders betroffen waren die Armen und die Alten in den Dorfgemeinschaften. Sie konnten ihr wenn auch nicht reiches aber so doch auskömmliches Leben dadurch fristen, das ihnen die Allmende ungehindert zugänglich war. Wenn man will, eine etwas urtümliche Form einer Rente oder Stütze, die durch die seit Generationen sich bewährende Duldung der anderen Gemeindemitglieder gesichert wurde und niemandem etwas stahl!
Die Reformen per Gesetz schafften, was Napoleonkrieg und Epidemien nicht vermocht hatten: eine Massenverelendung und eine Massenkriminalität!

Pauperismus

Die Massenverarmung betraf nicht nur die deutschen Länder. Das Elend in Schlesien Dafür wurden neben Wetterkapriolen auch Mißernten an Getreide oder Kartoffeln (1845 - 1847) als Ursachen herausgefunden. In der neuzeitlichen Literatur hält man eine Bevölkerungsexplosion für den eigentlichen Grund. Nicht ausreichend erwogen wird dabei, das in jenem Jahrhundert die erste wirklich wissenschaftliche Bevölkerungsstatistik ihren Anfang nahm und die Zahlen immer näher an die zeitgenössische Realität herankamen, gewissermaßen genau so explosionsartig wie sich die Wissenschaften selbst entwickelten. Auch wenn es einen Anstieg der Bevölkerung nach den napoleonischen Kriegen gab, so war der Pauperismus in fast allen europäischen Ländern nicht allein Folge einer agrarischen Überbevölkerung.
Grassierende Epidemien an Typhus, Cholera oder Pocken, die in genau jenen Zeiten schlimmste Verheerungen in der Bevölkerung anrichteten, stehen dazu im krassen Widerspruch. Die wirklichen Ursachen für den Pauperismus dieser Jahrzehnte beschrieb schon der Zeitgenosse Marx wesentlich genauer.(10)

Auswanderung

Mit dem Verlust ihres kleinen Teil Bodens oder ihrer kleinen Liegenschaft verloren die Menschen Auswandererschiff
                 Illustrierte Zeitung 1847 viel mehr als es sich vielleicht die Reformplaner ausgedacht hatten - wenn man immer noch bereit ist, ihrer Gutwilligkeit Glauben zu schenken. Die Bewohner der Dörfer verloren mit ihrem Stückchen Land auch ihre alten Rechte, ihre alten Verdienstmöglichkeiten und ihre alten sozialen Bindungen. Die Reformen vertrieben die Menschen aus ihrer Heimat! (11) Sie verließen ihre Dörfer, stellten als arbeitsloses Armutspotential die willfährigen Kräfte für die Unternehmer oder wanderten gleich ganz aus Deutschland ab - mit ihnen ging der aktivste und arbeitsfähigste Teil der Bevölkerung und davon sollten sich die deutschen Kleinstaaten bis in die 1860er Jahre nicht mehr erholen.
Hätte die erste Auswanderungswelle nur ein Land wie das Großherzogtum Baden betroffen, wären diese 15000 Quadratkilometer in nur fünf Jahren menschenleer gewesen! Interessant ist die Zeitbezogenheit der Auswanderungswellen mit der Wirksamkeit der Reformedikte! Deck eines Auswandererschiffs
                 Illustrierte Zeitung 1847 Das sprunghafte Ansteigen der Auswandererzahlen ausgerechnet in den Jahren 1816, 1817, 1828, 1831 und 1847 spricht dazu eine deutliche Sprache! (12)
Noch heute werden wider besserem Wissen die Auswanderungszahlen als Erfolge der Industrialisierung interpretiert. Dabei waren die ca. 10 000 Menschen, die jährlich zwischen 1815 bis 1829 aus Deutschland auswanderten, vorwiegend von Armut gekennzeichnet!
Zwischen 1830 und 1843 stieg die Jahresquote auf etwa 30 000. Mit dem Fortschritt und mit der spürbaren Flächenwirkung der Reformen wuchs die Zahl der Fliehenden auf jährlich über 100 000, allein im Jahr 1854 waren es 220 000 Auswanderer!


Industrialisierung und landwirtschaftlicher Fortschritt

In Wahrheit führten die Bereicherungsorgien, die nicht ohne Grund Reformen genannt wurden, auch zu einer schweren Agrarkrise in der Mitte der zwanziger Jahre! Diese Preußischen Reformen, (auch Stein-Hardenbergsche Reformen genannt) verhinderten gleichzeitig eine schnellere technische Modernisierung der landwirtschaftlichen Produktion, die lange Zeit brauchte, um sich von diesen subjektiven Eingriffen zu erholen. Geschichtsarbeiten, die behaupten, das die aufkommende Industrialisierung die landwirtschaftliche Produktion in dieser Zeit steigern halfen, vermengen zeitliche Abfolgen. Der technische Erfolg einer Industrialisierung als gesellschaftswirksamer Faktor setzte eine ganze Menschengeneration später ein. In Wirklichkeit sank dank der Reform-Freudigkeit der Herrschenden die landwirtschaftliche Produktion und in Wirklichkeit lagen Verhungerte an den Straßenrändern! Ganze Dorfgemeinschaften zerbrachen und neue Fälle von Verödungen traten auf!
Die Mißernten der 1840er Jahre verschärften nur die ohnehin schon zugespitzte Situation. Die eigentlichen Ursachen waren brutale Eingriffe in das soziale Gefüge der Landbevölkerung, die per Gesetz Armut und Rückgang der Lebensmittelproduktion hervor brachten. Und das nicht nur für kurze Zeit, sondern langfristig und zumindest für die Dauer einer Generation!

Bauernhof 1818 Kleinbauer 1845 Die alten und neuen Gutsherren akkumulierten ihren neuen Reichtum eben nicht für die Modernisierung, weder in die der Landwirtschaft noch in die der entstehende Industrie. Ausnahmen bestätigen dabei die Regel. Sie rafften schlicht Landbesitz zusammen. Man betrachte die zahlreichen Zwangsversteigerungen zwischen 1824 - 1834 in Westpreußen. Zuweilen flossen die Gelder gar in ausländische Immobilien, wie beispielsweise in den Baumwollanbau in Ägypten, um nur ein extremes Beispiel zu nennen. Für einen industriellen Aufbau galt eher das eklatante Muster der Alkoholproduktion. Seit 1810 gab es bereits die gerichtliche Erlaubnis für die Errichtung von Schnaps-Brennereien in Preußen. 1817 ist eine industrielle Apparatur dazu erfunden und der technische Fortschritt schien es zu wollen, das ausgerechnet die bäuerlichen Zwangsablöse-Zahlungen in Schnapsanlagen investiert wurden.

Erst eine starke und durch Verbote und Verfolgungen gehärtete Bewegung der unteren Schichten, insbesondere der Industriearbeiter, konnte reale Widerstände organisieren. Sie wurde freilich später nur mit Mühe und Gerissenheit der Herrschenden in hörige Gewerkschaften und Parteien kanalisiert. Dennoch erzwang die ursprüngliche tapfere Sozialdemokratie, (mit der heutigen nicht vergleichbar) solche Gesetzgebungen, die dann tatsächlich zum industriellen und landwirtschaftlichen Aufschwung führten!
Hier seien sie zur Erinnerung genannt :
- Sozialversicherungsgesetze ab 1883
- Krankenversicherung für Arbeiter 1883
- Unfallversicherung 1884
- Alters- und Invalidenversicherung 1889
- Sonntagsruhe und Lohnschutz 1891
- Einrichtung der Gewerbegerichte 1890
- Arbeitsschutzgesetz 1891
- Verbesserungen im Kinder- und Mutterschutz 1903

Die bis dahin geltende liberale Freiheit hatte für alle Bevölkerungsteile sichtbar an zwei vergangenen Generationen ihre Unfähigkeit nachgewiesen. Nun wurde der Staat endlich zu dem verpflichtet, wofür er rechtmäßig zuständig zu sein hat: für die sozialen und kulturellen Sicherungen seiner Bürger! (c)
Und erst jetzt beschleunigte sich die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands von einem Agrarland zu einem der führenden Industriestaaten!  (d)

Abbau der Freiheit als ungenannter Bestandteil der Reformen

Die Verschärfung der politischen Repressionen, die ja nach der napoleonischen Polizeiwillkür in Deutschland nicht so ohne weiteres durchzusetzen war, begann nach (oder mit) einem Terror-Akt! Ein unbedeutender Student ermordete einen Politiker der dritten Garnitur! Das hätte normalerweise überhaupt keinen Anlaß gegeben, um Presse- und Versammlungsfreiheit einzuschränken, unliebsame Professoren (!) aus dem Amt zu entfernen, studentische Verbindungen zu verbieten oder gar eine politische Polizei einzurichten.
Aber all das geschah mit den Karlsbader Beschlüssen, die eine Ministerkonferenz deutscher Länder im August 1819 verabschiedete.
Die politische Polizei trug den schönen Namen Zentraluntersuchungskommision, agierte Länderübergreifend und sollte nur provisorisch tätig sein. Anderes war nach einer Befreiung den Bevölkerungen kaum zuzumuten.
Die zweite Welle der Repression rollte fünf Jahre später an. Am 16. August 1824, man beachte immer die Parallelität der Zeit mit den Regulierungsedikten, wurde die Tätigkeit dieser Verfolgungsbehörde auf unbestimmte Zeit verlängert! So verschieden sich deutsche und österreichische Staaten gaben, in der politischen Verfolgung Andersdenkender blieben sie unerhört einheitlich!
Die dritte Repressionswelle begann 1830 und fiel offenbar noch schlimmer aus als die Karlsbader Beschlüsse. Wir bekommen davon nur eine kleine Ahnung beim Lesen der illegalen Flugschrift Der Hessische Landbote des Georg Büchner. Dessen Gesinnungsgenosse Pfarrer Weidig (13) kam nach Folter im Zuchthaus unter ungeklärten Umständen um's Leben. Beide verbreiteten die Nachricht vom Blutbad von Södel, eine der ungezählten Hungerrevolten der Landbevölkerung.
Noch 1836 wurden im August über zweihundert junge Leute wegen Hochverrats zu Höchststrafen verurteilt, davon 39 zum Tode. Vier der Delinquenten sollten durch mittelalterliches Rädern hingerichtet werden!(14)
Die Modernisierungspolitik für Handel und Gewerbe ging merkwürdig einher mit permanenter Verschärfung der Strafjustiz. Offizielle Hilfe in Schlesien
               Fliegende Blätter 1848 Heute wissen wir, nicht die Modernisierung sondern die massenhafte Besitzumverteilung durch Reformen machte Repressionen notwendig. Es liegt doch klar auf der Hand, das diese Unterdrückungsmaßnahmen nicht ohne Wirkungen auf die Bauernschicht blieben. Auch wenn sie rein justizmäßig nicht darauf hinzielten, und dank der Patrimonialgerichtsbarkeit mußte sie das auch gar nicht, traf sie doch die Bauernschaft ebenso wie alle anderen Bevölkerungsschichten, die nicht in den Genuß besonderer adliger oder neureicher Privilegien kamen! Nur scheinbar ging es gezielt gegen aufrührerische Burschenschaftler und revoltierende Studenten! In Wirklichkeit konnten die Enteignungen und Ablösungen nur durch fortschreitende Repressalien ihren Fortgang nehmen. Die "Reformen" "reformierten" nicht nur die bürgerlichen Freiheiten. Sie schafften die wenigen übrig gebliebenen bäuerlichen Rechte ganz ab!
Bis das Jahr 1848 kam ...



Hinweis: (a):
Durch eine von Altenstein entworfene und von Beyeme ausgefertigte Kabinetsorder wurde noch in Memel eine kombinierte Immediatskommission für die innere Verwaltung und die Armeeverpflegung eingesetzt. Sie bestand aus den engsten Mitarbeitern Hardenbergs. Hier entstand das Oktoberedikt von 1807, das Stein zugeschrieben wird. Am 8.Oktober 1807 hat Herr Stein jene Bestandteile des Bauernschutzes aufgehoben, die dem Adel verboten, Bauernstellen als Vorwerksland einzubeziehen. Hardenbergs Mitarbeiter hingen einer extremen Doktrin des Wirtschaftsliberalismus an und konnten den König Friedrich Wilhelm III. dahingehend beeinflussen, das er den Bauernschutz aufgab. Nur teiweise und verspätet konnte der Bauernschutz wieder eingeführt werden mit der Verordnung wegen Zusammenziehung bäuerlicher Grundstücke oder Verwandlung derselben in Vorwerksland vom 14. Februar 1808, die von Theodor von Schön konzeptionell ausgearbeitet wurde. Der Patriotismus der Reformer reichte offenbar nicht wirklich in die bäuerliche Interessenlage hinein und man braucht Bereicherungsmotive bei der Betrachtung der historischen Ereignisse dieser Zeit durchaus nicht ausschließen.

Hinweis (b):
Neuere Autoren schreiben dem Vulkan Tambora in Indonesien die Schuld für Nachkriegshungersnöte und Kartoffelfäule zu.

Hinweis (c):
Folgende Tabelle macht deutlich, wie sich diese moderne Entwicklung in der Veränderung der Auswanderungsbilanz niederschlug:
Volkszählungs-
spanne
Bevölkerungsgewinn (+)
oder -verlust (-)
durch Wanderung
Die hier gezeigten Auswanderungsverluste entstanden vorwiegend durch die Abwanderung nach Nordamerika und wurde hauptsächlich durch die agrarische Strukturkrise seit 1876 und die Depression 1881-85 verursacht.
Der Zugewinn per saldo an Bevölkerung in den Neunzigern erklärt sich aus der hohen Zahl der Rückkehrer aus den USA, die zuvor in den 80er Jahren abgewandert waren. Dennoch sind weiterhin Auswanderungen zu verzeichnen. Merkwürdiger Weise existieren bis in die Gegenwart hinein keine übereinstimmenden und genauen Zahlenangaben über die Auswanderungen bzw. Einwanderungen.

(Quelle (24)- Siehe Seite Hardenberg)

1880 bis 1885 - 980 215
1885 bis 1890 - 329 110
1890 bis 1895 - 448 810
1895 bis 1900 +  94 125
1900 bis 1905 +  52 518


Hinweis (d): bei weiteren Recherchen siehe auch unter dem Begriff Hochindustrialisierung

zu Hardenberg

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     Notizen über Hardenberg
     und Quellennachweis
Quellen und Literatur





Bauernaufstände und Bauernrevolten in Europa nach 1789

www.bauernkriege.de
Notizen über Preußische Reformen, Regulierungsedikt und Privatisierung von Gemeindeeigentum / begonnen 30.3.2007 / 4. März 2012 / Dipl. Ing. Hans Holger Lorenz / HLorenz500@aol.com / To - WB