Bauernaufstand im Dongebiet
unter Bulawin 1707 - 1708


Der Anführer des Kosaken- und Bauernaufstandes war der Hetman Kondrati Afanasjewitsch Bulawin (geb. um 1660). Mit hartnäckigem Kampf konnten seine Aufständischen zwar Teilerfolge erringen, aber keinen entscheidenden Sieg erzwingen. Die zaristische Regierung mußte jedoch über 30000 Soldaten einsetzen um den Aufstand niederzuschlagen. Schließlich wurde der Aufstand 1708 von Truppen Peter I. grausam unterdrückt.(1)
Bulawin geriet in einen Hinterhalt. Sein Tod bleibt mysteriös. Nach einigen Angaben erschoß er sich selbst, um den Zarenschergen nicht in die Hände zu fallen.(2)


Die Reformbestrebungen Peters d. Großen hatten zugleich mit den von der Historie hervorgehobenen technischen Fortschritten unglaubliche soziale Auswirkungen. So gestattete der Zar für die Verzehnfachung der russischen Industrie sogar Nichtadligen, Leibeigene für ihre Betriebe zu kaufen! Die Fabrikbesitzer durften ihre Arbeiter körperlich züchtigen, in Eisen legen und einsperren.
Mit der "rekruttschina" von 1705 setzte PeterI. erstmalig in den europäischen Staaten eine permanente staatliche Wehrpflicht per Gesetz durch!(3)
Gleichermaßen führte er eine Kopfsteuer ein und ließ eine Volkszählung durchführen. Diese Zählung diente mit als Grundlage für Verwaltungsstrukturen, die bis 1917 Bestand haben sollten. Zugleich aber band sie die Gezählten an ihre Wohnsitze und ihren "Stand" und erleichterte es vor allem den Gutsbesitzern und anderen Menschen-"Besitzern", ihr "Recht" auf Rückgabe flüchtiger Leibeigener nachzuweisen! Denn ganze Dörfer flohen vor diesen unerträglichen Veränderungen und vor den Lasten dieser Reformen in die Wälder wie zu Zeiten Iwan IV.!

Unter den Adligen machte sich eine neue Konfession breit. Das Jagen nach entflohenen Leibeigenen wurde eine Art modischer Beruf für Adlige. Ihnen kamen dabei die neuen Polizeigesetze zu Gute. Und einer dieser neuen Gilde der "head-hunter" war Fürst Doloruki. Dieser Bauernjäger hatte auf seiner Pirsch am 8.Oktober 1707 allerdings das Pech im Dorf Schulgin am Aider-Fluß den Freiheitswillen der Kosaken unterschätzt zu haben. Unter ihrem Ataman Bulawin machten die Bauern kurzen Prozeß mit den Blaublütigen und ihren Jagd-Trupps. Dieses kurze und heftige Gefecht, bei dem alle "Fänger" getötet wurden, gilt als Anfang des Bulawin-Aufstandes. Zweihundert Entschlossene reichten aus für das Signal zu einem großen Bauernkrieg! Bulawin wählten die Aufständischen zum Anführer. Der schloß einen Pakt mit den legenderen Saporoger Kosaken! Nun machten die Bauern im ganzen Don-Gebiet Jagd auf die zaristischen Suchtrupps.

Aufstandsgebiet

Interessant ist, das Bulawin sich als Aufständischer auf ein historisches Vorbild bezog, er betrachtete sich als Erbe Stenka Rasins! Wie die überwiegende Mehrheit der Bauern, konnte er kein Verständnis für die Reformen des Zaren aufbringen. Das auch nicht durch die hervorstechende Persönlichkeit Peter des Großen zu lösende Problem bestand darin, das dessen Bestrebungen als "Revolution von Oben!" wargenommen wurden und an den Interessen der Bauern und Leibeigenen völlig vorbei liefen (!), die Neugier der Kleinbürger und des Klerus nicht wecken konnten und den untersten Bevölkerungsschichten gnadenlose Lasten auferlegten, ihre bisherigen bereits aüßerst geringe Freiheiten noch mehr einschränkte und einen brutalen Polizei-Staatsmechanismus in Gang brachte!
Wenn dagegen Bulawin auch einen historischen Bezugspunkt mit Stepan Rasin hatte, so war in dem Freiheitskämpfer jedoch keine perspektivische Zielstellung. Das die Reformen des Zaren zu einer Schaffung einer neuen privilegierten Klasse von Großgrundbesitzern führen mußte, konnte er ahnen, aber keine Gegenmittel sehen, außer vielleicht im Widerstand des Augenblicks, im rasenden Gefecht der noch nicht Unterwürfigen gegen die, die sie einmal unterwerfen werden.

Die Kosaken zogen durch die Gebiete Woronesch, Tambow und Borissoglebsk. Von den Bauern wurde Bulawin besonders unterstützt, zumal hier der religiöse Anstrich des sozialen Konfliktes sich nicht wie in Westeuropa durch protestantische Losungen zeigte, sondern im scheinbaren Gegenteil durch eine Art "Treue zum alten Glauben"! So heißt es denn auch in seinem propagandistischen Aufruf:

...das Haus der Heiligen Mutter Gottes und die orthodoxe Kirche gegen die gottlosen und griechischen Lehren, welche uns die Bojaren und die Deutschen aufzwingen möchte..."

zu schützen!(4)


Bulawin-Denkmal Aber hinter dieser religiösen und merkwürdig anmutenden "nationalen" Wortwahl steckte eigentlich der Wunsch der Bauern nach freier Arbeit und nach selbsbestimmten Leben in freien Kommunen. So oft auch in historischer Literatur die "Mushiks" ungebildet und rückständig zu sein hatten, so oft wird verschwiegen, das ihre wirkliches Sehnsucht eigentlich auf ein recht modernes Modell des Verhältnisses von zentraler Macht ("der gerechte Zar" als regulierende Staatsmacht) und der freien selbstbestimmenden Kommune abzielte, das unhumane Mißbräuche durch einzelne Privilegierte ausschloß.
Gegenüber dem effizienten Militär Peters I. hatten die Bauern jedoch keine Chance. Und Sehnsüchte sind noch keine politisch klaren Ziele. Bulawin konnte schon noch Errinnerungen an Rasins Aufstand haben. Deswegen plante er keine neue Zareneinsetzung mehr. Aber soweit wie der kommende Pugatschow war er auch noch nicht.
Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde Bulawin am 18.Juli 1708 ermordet, jedenfalls wurde er mit einem Kopfschuß getötet aufgefunden. Die militärisch geschlagenen Bauern leisteten noch ein ganzes Jahr Widerstand, der schließlich 1709 ganz verebbte und erst eine Menschengeneration später wieder aufflammte!

Hinweis: noch mal Entwicklung Rasin -> Bulawin -> Pugatschow untersuchen




Quellenangaben / Bildnachweise / Links Literaturangaben
(1) Lehrbuch für den Geschichtsunterricht
Volk und Wissen Volkseigener Verlag
Berlin 1952
S.342
(2) Prof.Dr.Markov, Prof.Dr.Anderle, Prof.Dr.Werner
Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte
VEB Bibliographisches Institut
Leipzig 1964
S. 774
(3) Geoffrey Hosking
Russland
Nation und Imperium 1552 - 1917
Siedler Verlag Berlin 2000
S.110 ff.
(4) ebenda; S. 124
Konrad Bulawin

andere Schreibweisen:

Kondrati Bulawin
Kondratiev Bulavin
Kontdratieff Bulavin

Kondraty Bulavin in Wikipedia

Geschichte der Kosaken

Menschen am Don

Foto des Bulawin-Denkmals
Christoph D. Brumme Denkmäler im Donbass
Neues vom Honigdachs
(Foto: Novoaidar, Ukraine, 14.7.08) Internet 19.2.09


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Notizen zum Bauernkrieg / Hans Holger Lorenz /begonnen 27.11.2007/ 20.Februar 2009 / HLorenz500@aol.com