Der vierte der Zwölf Artikel der aufständischen Bauern und das Jagdrecht


März 1525

Der viert Artikel.
Zum vierten ist bisher im Brauch gewesen, daß kein armer Mann nit Gewalt gehabt hat, das Wildbret, Gevigel oder Fisch in fliessenden Wasser nit zu fachen zugelassen werden, welchs uns ganz unziemlich und unbrüderlich dunkt, sunder eigennützig und dem Wort Gotts nit gemeß sein. Auch in etlichen Ortern die Oberkeit uns das Gewild zu Trutz und mechtigem Schaden haben, wir uns das unser (so Gott dem Menschen zu Nutz wachsen hat lassen) die unvernünftigen Tier zu Unnutz verfretzen mutwilliglich leiden müssen, darzu stillschweigen, das wider Gott und dem Nechsten ist; wann als Gott der Herr den Menschen erschuf, hat er ihm Gewalt geben uber alle Tier, uber den Vogel im Luft und uber den Fisch im Wasser. Darum ist unser Begehren: Wann einer Wasser hette, daß ers mit gnugsamer Schrift beweisen mag, daß man das Wasser ihn wissenlich also erkauft hette, begehren wir ihms nit mit Gewalt zu nehmen, sunder man müßt ein christlich Einsehen darinnen haben vonwegen brüderlicher Lieb. Aber wer nit gnugsam Anzeigen darum kann ton, solls einer Gemein ziemlicher Weis mitteilen.


Zitat aus den Zwölf Artikeln des Deutschen Bauernkrieges


Worum geht es den Bauern von 1525 ?
Neben der Forderung nach freier Benutzung des Wassers (die hier nicht betrachtet werden soll) beschweren sich die Bauern über den Entzug des Jagdrechts, den Entzug des Rechts auf Fischfang und sie beklagen sich über die Wildschäden. Nach Ansicht der Landesherren sind das Beschwerden von Tölpeln.

Die Betrachtung des vierten Forderungspunktes der revoltierenden Bauern erfordert eine langfristige Darstellung über mehrere hundert Jahre.
Wenn heute festgestellt wird, das die aufbegehrenden Bauern sich "althergebrachtem" Recht verpflichtet fühlten, so unterstellt diese Formulierung in gewisser Weise die Sicht, das die Landleute sich einer modernen Entwicklung entgegen gestemmt hätten. Das modernere "römische Recht" wird so einer "veralteten" oder "überlebten" Tradition heuristisch gegenüber gestellt. Tatsächlich verteidigten die Bauern eine altüberkommene funktionierende Selbstverwaltung.
Ebenso zur historische Wahrheit gehört, wie andere zeitgenössische Dokumente belegen, ihre durchaus moderne und politische Forderung nach einem einzigen Herren (dem Kaiser) und nach einer zentralen Staatsgewalt, also einem Kaiserreich! Es ist sicher Unsinn darüber zu spekulieren, was geschehen wäre, hätten die Bauern ihre Zwölf Artikel durchsetzen können. Die Niederlage der Bauern vervielfachte jedoch in jedem Fall die Partikularkräfte in den deutschen Landen und verhinderte damit eine moderne nationalstaatliche Entwicklung, wie sie sich etwa vergleichsweise in England oder in Frankreich vollziehen konnte.

In den deutschen Landen des Mittelalters hatte es sehr lange die Jagdfreiheit gegeben. Jeder (freie) Mann besaß Jagdrecht und übte es nach seinen Bedürfnissen aus. Nicht als Vergnügen oder als Freizeitbeschäftigung, die Jagd war Teil der Arbeit, die dem Lebensunterhalt diente - eine Versorgungsarbeit. Sie war zugleich risikoreich und eventuell noch Pflicht. Man kam dieser Mut erforderlichen Tätigkeit nach, weil Gott den Menschen Gewalt ... über alle Tier, über den Vogel im Luft und über den Fisch im Wasser gegeben hatte. Und der Wald war mit den darin lebenden Tieren noch Allgemeinbesitz, analog den Seen oder Flüssen u.s.w.
Die Waldrodungen, das Urbarmachen von Land, das Anlegen von Feldern und das Aufbauen der der Dörfer brachte es mit sich, das mit der Einteilung der Menschen zur Arbeit durchaus auch Fragen der Zugehörigkeit von Feldflächen für die Dorfbevölkerung praktikabel geklärt werden mußten. In den freien und fast unabhängigen Rodungssiedlungen konnten langfristig dabei aus Gewohnheiten Gewohnheitsrechte werden. Doch solange das in der traditionellen Gemeinde geregelt wurde, blieben Konflikte, wenn auch nicht vermeidbar so doch zumindest für die soziale Existenz friedlich lösbar.

Das wurde anders, als zunehmend "höheres" Recht auf die Gemeinschaft zu wirken begann. Dieser Prozeß, der hier stark verkürzt dargestellt wird, vollzog sich offenbar in ähnlicher Form in den unterschiedlichsten Gegenden. Gleiche Begehrlichkeiten und daraus resultierende soziale Gegensätze scheinen sich in verschiedenen Zeiten auf verschiedenen Ebenen immer wieder neu zu entwickeln.



Zeit - Tabelle

Die Entwicklung des Jagdrechts ist kennzeichnend für die Herausbildung unsozialer Gesetzlichkeiten. Anfangs nur verbunden mit einigen Vorrechten für Wenige, z.B. für den König und seine Gefolgsleute, erwächst in langen Zeiträumen daraus völlige, sogar lebensbedrohende Abhängigkeit der Mehrheit. Diese Entwicklung läuft über mehrere Stufen. Aus allgemeiner Freiheit entstehen fast unmerklich einzelne ausnahmeregelnde Vorrechte, die später Strafregelements mit sich bringen müssen, um sie beibehalten zu können. Schließlich wird eine vollständige Abhängigkeit der Mehrheit fixiert, welche dann mindestens zur Verwahrlosung führt, weil aus Nichtrealisierbarkeit neue Nichtanerkennung resultiert. Nichtanerkennung von Gesetzen durch die Allgemeinheit deutet den Niedergang der sozialen Entwicklungsstufe an. Gewaltsame Durchsetzung trotz Nichtrealisierbarkeit kann zu katastrophalem Untergang der bis dahin zivilisatorisch geregelten Sozialität führen.

6.Jhd. Aufzeichnungen der alten Rechtsbräuche in Franken.
Darin ist Beschädigung eines gepflügten Feldes oder der Ernte eine Freveltat, die geahndet wird.
Es gibt Privateigentum an Boden, aber Ackerland ist anfangs nicht vererbbar oder darf nicht verkauft werden. Die zu bearbeitenden Flächen werden auf Lebzeiten den Familien von der Gemeinde zugeteilt.
Vom ursprünglichen Gemeindeeigentum verbleiben Wald, Wiesen, Weiden, Ödland und Gewässer im genossenschaftlichen Eigentum (Allmende).

Weitere Ausdehnungen der Königsländereien.
Lex Salica
638 u.Ztr. Das erste nachweisbare (?) Jagd-Gesetz in Franken von König Dagobert I. erlassen Notburga von Hochhausen
um 800 Kaiser Karl der Große erläßt eine Landgüterordnung (Capitulare de villis vel curtibus imperii) , in der auch Bestimmungen zum Wald und zur Jagd enthalten sind.
9. Jhd. Die allgemeinen Rechte zur Jagd werden durch die Errichtung von Bannforsten eingeschränkt. Das hieß, die allgemeine Freiheit zur Jagd blieb für jeden Freien erhalten, aber nicht mehr in allen Gebieten des Waldes. In den Bannforsten durften nur der König oder die von ihm damit belohnten Gefolgsleute Jagen.
10. bis 12.Jhd. Mit dem Jagdrecht entwickelt sich auch das Jagdstrafrecht!
Wegen Wildfrevel wird sogar die Todesstrafe angewendet, aber noch als Ausnahme!
Im Sachsenspiegel wird jedoch festgehalten, das wegen Verletzung fremden Jagd-Rechts niemand sein Leben und seine Gesundheit verwirkt haben soll, auch wenn dafür Strafen angewendet werden müssen.
13.Jhd. Das Recht, Bannforste einzurichten, eigentlich ein Königliches Recht (!), geht nach und nach auf die Territorialherren und Provinzfürsten über.

Im Sachsenspiegel ist noch das Verbot der Jagd über abzuerntende Felder fixiert.
Bauern, kleiner Landadel, Städte und Klöster müssen sich immer anstrengender dagegen wehren, das ihr Jagdrecht durch weiter ausgreifendere Bannrechte der Fürsten eingeschränkt wird.
14.Jhd. Das Jagdrecht wird geteilt in Hoch- und Niederwildjagt.
Landadel und Klöster erhalten Entschädigungen für diese Einschränkungen.
Die Bauern dürfen nur noch Niederwild jagen (Kaninchen, Hasen u.s.w.)
Foix, Gaston Phoebus,
ein Graf in den Pyrenäen und Gouverneur des Languedoc, vom Chronisten beschrieben als "Ideal der Ritterlichkeit". Verräterisch wie alle Adligen unterhielt er Kontakte zum englischen König. Ihm wird Brutalität und Strenge nachgesagt und er hat vermutlich seinen eigenen Sohn getötet. Als Jagdliebhaber schreibt er ein "Buch über die Jagd", die Kunst der französischen Buchmacher macht es zu einer bibliophilen Kostbarkeit. Besonders hervorgetan hat er sich aber in der Jagd nach aufständischen Bauern.
15.Jhd. Den Bauern wird das verbliebene Recht auf Niederwildjagd eingeschränkt, dagegen Richtern und Bürgermeistern die Niederwildjagd als ein Vergünstigungsrecht, als ein Previleg eingeräumt.

Herrschaftliche Hetzjagden gehen ungestraft auch über Bauernfelder.
Nach der drastischen Einschränkung ihrer Jagdrechte wird den Bauern jetzt die Pflicht auferlegt, als Hilfspersonal während der fürstlichen Jagden zu dienen, schließlich sogar während der Erntezeit!














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Quellen und Literatur



Notizen zum Deutschen Bauernkrieg / 1.Dezember 2008 / Hans Holger Lorenz / HLorenz500@aol.com / (III)