Hussiten und Taboriten

1419 bis 1437



Inhaltsverzeichnis


Ereignistabelle
1390-1419


Ereignistabelle
1419-1421


Ereignistabelle
1421-1434


Karte der hussitischen Städtebünde


Karte der hussitischen Streitzüge


Ereignistabelle
nach 1435


Personenregister


religiöse und soziale Strömungen


inhaltliche Fragestellungen









       

Bereits im 13.Jahrhundert passierte etwas in Europa, das zu dem Gerücht führte, in der Kirche hätte sich der Antichrist eingenistet. Im 14.Jahrhundert hatten sich daraus schon fast europaweite anti-päpstliche Stimmungen entwickelt, deren Ursachen so verschieden wie möglich sein mochten, letztlich waren sie jedoch der offensichtlichen Habgier, der allbekannten Verlogenheit und der kriminellen Energie des Heiligen Stuhls geschuldet. Die Tatsache des alltäglichen Mißbrauchs der Kirche zum Geldmachen z.B. durch Ablaßhandel war bereits zu dieser Zeit breiten Bevölkerungskreisen bekannt. So fanden sich mutige Gegner dieses organisierten Raffens schon viele Jahrzehnte vor Martin Luther. Der englische Reformator John Wyclif rückte aus Empörung über die hemmungslose Bereicherungssucht das Studium der Bibel nach Jahrhundertelanger anderer Praxis wieder in den Vordergrund theologischer Studien. Aber genau deswegen wurden seine Sätze 1382 auf der Dominikaner-Synode in London verurteilt, ein Jahr nach dem Bauernaufstand des John Ball. Das geschah nicht ohne Grund, denn Wyclif schrieb u.a.:

    - es verstößt gegen die Heilige Schrift, daß Geistliche Besitztümer haben,
    - steht ein Priester im Stande der Todsünde, sind seine Amtshandlungen ungültig,
    - die römische Kirche ist die Synagoge Satans.


Freiheitliche Gedanken sind nicht so leicht zu unterdrücken wie die Aufstände der Bauern. Zwei Gelehrte aus Böhmen brachten vom Studienbesuch in England nicht nur ein Stück von Wyclifs Grabstein mit nach Prag sondern auch seine "gefährlichen" Schriften.

Gerade in Böhmen wirkte sich der schnelle Übergang zur Geldwirtschaft in Produktion und Handel auf alle Bereiche des Lebens aus. Silbererzfunde und eigene Münzprägung führten zu neuem Reichtum. Aber das Patriziat, das den einst arbeitsamen Siedlern folgte, vernachlässigte die Produktion, verachtete die qualifizierte Arbeit des Handwerks und das unermüdliche Schuften der Bauern. Dabei war es deren Anstrengungen zu verdanken, das böhmisch geprägtes Geld seinen Wert bekam! Diese gewollte und dabei törichte Überbetonung des Handels brachte eine Hemmung in die einst progressive Entwicklung. Gleichzeitig bildete sich ein starker Faktor der sozialen Unterdrückung heraus. Die sozialen Spannungen innerhalb einer stark aufgesplitterten Feudalgesellschaft spitzten sich unter König Wenzel IV. (1378-1419) zu. Die Bewegungen gegen geistliche und weltliche Feudalherren sowie gegen die städtische Oberschicht traten im religiösem Gewand auf. Einer ihrer Wortführer hieß Jan Hus.



Hinweis 1: ungesicherte Angaben sind mit (?) gekennzeichnet
Hinweis 2: unterschiedliche Schreibweisen des Namens Jon Wiclif   für John Wycliff oder John Wyclif
Hinweis 3: unterschiedliche Schreibweisen des Namens Jan Zelivski oder Jan Zelivsky

Jahr

Ereignistabelle 1390 - 1419

um
1390
Um 1330 hatte Papst Johannes XXII. den Satz über die Armut Christi zur Ketzerei erklären lassen.
Sechzig Jahre später bringen tschechische Studenten, die in England die Universität Oxford besuchten, die Schriften eines Ketzers mit nach Prag: die Bücher von John Wyclif.
1403
bis
1409
Jan Hus predigt gegen die Habsucht und rügt öffentlich das Lasterleben des Klerus. Das Prager Domkapitel verdammt 45 Sätze aus Wyclifs Schriften. Jan Hus führt eine Vermittlung zugunsten der Universität herbei.
Theologische Auseinandersetzungen um das Papstschisma führen zu einer Spaltung an der Universität, in deren Folge 5000 Studenten Prag verlassen und die Universität Leipzig gründen.
1409 Im Sommer 1409 muß sich Jan Hus erstmalig vor der Inquisition verantworten.
Hus wird Rektor der Universität Prag, kämpft leidenschaftlich gegen die Verweltlichung der Kirche, erfreut sich der Gunst des böhmischen Hofs und der tschechischen Bevölkerung Prags.
Das Konzil in Pisa scheitert! Statt der Beseitigung des Umstands, das Papst(Gregor XII.) und Gegenpapst (Benedikt XIII.) die Kirche leiten, gibt es jetzt einen dritten Papst (Alexander V.)
1410 Jan Hus wird mit dem Kirchenbann belegt.
Über 200 Handschriften Wiclifs werden verbrannt.
1411
bis
1437
Sigismund veranlaßte die Einberufung des Konzils von Konstanz. Das Konzil zu Konstanz soll über drei Themen beraten:
   1.über die sache des Glaubens (causa fidei), gemeint war die Hussitenfrage
   2.über die Kirchenspaltung (causa unionis), das betraf die Päpste und Gegenpäpste (Johannes XXIII., Gregor XII., Benedikt XIII., Martin V. usw.)
   3.über die Kirchenreform (causa reformationis)

1412 Die Theologische Fakultät erklärt sich gegen Hus.
Jan Hus wird aus Prag ausgewiesen.

Erste Unruhen in Böhmen.
Radikale Hussiten erhalten Unterstützung von deutschen Theologen aus Dresden. Ihr Anführer Nikolaus von Dresden lehrt die deutsche Version Wyclifs.
Die Unruhen fallen mit dem Kreuzzugsaufruf des Papstes Johannes XXIII. in einer völlig innerkirchlichen Angelegenheit zusammen, bei der vom Ablaßhandel mit extrem zynischen Praktiken Gebrauch gemacht wird und sich der König selbst daran bereichert.
9.12.1413 Sigismund vereinbart mit dem Pisaner Papst Johannes XXIII. die Einberufung des Konzils nach Konstanz.
1414
bis
1418
Konzil in Konstanz.
Im November 1414 wird Hus trotz König Siegmund's Zusicherung freien Geleits in Haft genommen.
1415 Am 6.Juli stirbt Jan Hus auf dem Scheiterhaufen in Konstanz den Märtyrertod. Er lehnte einen Widerruf seiner Lehre ab.


Jan Hus in Konstanz auf dem Weg zum Scheiterhaufen
Zu allen Zeiten sind es nur die Individuen, welche für die Wissenschaft gewirkt, nicht das Zeitalter. Das Zeitalter wars, das den Sokrates durch Gift hinrichtete, das Zeitalter, das Hussen verbrannte: die Zeitalter sind sich immer gleich geblieben.
J.W.Goethe über Jan Hus
Schwere Unruhen in Prag zwingen König Wenzel IV. zu ersten Zugeständnissen.

Die Prager Theologen stellen 4 Forderungen auf:
- Predigt in böhmischer Sprache,
- Laienkelch,
- Herstellung der Kirchenzucht,
- Abschaffung des weltlichen Besitzes der Priester
Diese Forderungen waren den Taboriten zu gering, sie stellten daher zwölf Artikel auf.

Erläuterung zum Laienkelch:
Laienkelch In der katholischen Kirche wird in einem Prozedre der Wein gereicht. Aus irgendwelchen Gründen in der jahrhundertelangen Liturgieentwicklung wurde ein geweihter Kelch aber nur noch den Priestern gestattet und nicht den Laien. Die Forderung des Kelch-Reichens auch an Laien war also der volkshafte Ausdruck nach Abschaffung der Privilegien der Priester.
In der Folge entwickelten sich zwei Kirchenrichtungen. Eine, die den Kelch an Laien weiter reichte, daran waren für die einfachen Menschen die Reformatoren erkennbar, und eine , die diese Weiterreichzung an die Bürger in der Kirche verweigerte, also die traditionelle katholische Kirche.
Am 15.Juni 1415 untersagte das Konzil die Austeilung des Kelches an Laien. Diese absolut unkluge Entscheideung, man wollte doch reformieren, spitzte entgegen den Erwartungen die Lage dramatisch zu!
Später wird aus der Laienkelchforderung die Forderung nach einem gleichberechtigten Nebeneinander beider Liturgien entstehen.





Erste Phase der Hussitischen Revolution 1419 bis 1421

Vorherrschen der bäuerlich-plebejischen Kräfte

Die Ketzerei der Städte...wandte sich hauptsächlich gegen die Pfaffen, deren Reichtümer und politische Stellung... Der Form nach reaktionär ... forderte die bürgerliche Ketzerei Herstellung der urchristlichen einfachen Kirchenverfassung und Aufhebung des Priesterstandes.
Einen (davon) ganz verschiedenen Charakter hatte die Ketzerei, die der direkte Ausdruck der bäurischen und plebejischen Bedürfnisse war und sich fast immer an einen Aufstand anschloß... Sie verlangte die Herstellung der urchristlichen Gleichheitsverhältnisse unter den Mitgliedern der Gemeinde und seine Anerkennung als Norm auch für die bürgerliche Welt. Sie zog von der "Gleichheit der Kinder Gottes" den Schluß auf die bürgerliche Gleichheit...
(Friedrich Engels)
1419 Am Anfang des Jahres begann die katholische Reaktion, angeheizt durch die Entscheidungen in Konstanz. Die Prager Kirchen waren aufgeteilt worden in reformierte, die den Kelch an die betende Bevölkerung reichten und in die katholischen, die das nicht taten.
Am 6.Juli entließ König Wenzel wider Erwarten die hussitischen Ratsmitglieder durch Katholiken, untersagte die hussitischen Prozessionen und kerkerte Hussiten ein.
Der Versuch des Königs, mit den Hussiten fertig zu werden, scheiterte am Aufstand vom 30. Juli des städtischen Plebs von Prag.
Die Hussiten erstürmten unter Führung eines ehemaligen Prämonstratensermönchs Jan Zelivski das Rathaus und warfen Ratsherren aus dem Fenster in die aufgestellten Spieße. Das wurde der erste Prager Fenstersturz.
Am 16. August starb König Wenzel, aber die Hussiten erkannten Sigismund wegen seines Wortbruchs an Jan Hus nicht als böhmischen König an.
Utraquismus
Hussitische Barone und Städte-Vertreter legen nach dem Tod Wenzels die Bedingungen für die Anerkennung König Sigismunds fest :

Laienkelch
und Genehmigung der Doppelkirchen

Abschaffung der Simonie
(Kauf/Verkauf kirchlicher Ämter an den Meistbietenden)

kein weltliches Amt für Priester

Universität ist oberste Lehrinstanz

päpstliche Entscheidungen bedürfen böhmischer Zustimmung

Verbleib in der römischen Kirche

Vorrang von Tschechen in den Ämtern gegenüber Ausländern

Beschneidung der königlichen Rechte in Bezug auf den königlichen Schatz

Sicherung der Städteprivilegien

Gesetze gegen Wucherer und Juden

Amnestie für die Städte

1420 Gründung von Tabor, Haupt des hussitischen Städtebunde (siehe Karte) und Zentrum des revolutionären Flügels der Hussiten, daher: Taboriten genannt.
Tabor Viele Bauern verkaufen ihre Habe, ziehen mit ihren Familien zu den Sammelpunkten der Radikalen und werfen ihr Geld "in einen gemeinsamen Topf". Es kommt zu Ansammlungen von 40 000 bis 50 000 Bauern.

Sigismund ruft zum Krezzug gegen die Hussiten,also gegen die eigenen Landsleute auf.
Er erhält dafür den Segen von Papst Martin V.

Schlacht von Sudomer (25.März 1420).

Schlacht auf dem Vitkov bei Prag(14.Juli 1420).
Ein Söldner-Heer mit angeworbenen Böhmen, Mähren, Ungarn, Kroaten, Dalmatiner, Bulgaren, Wallachen, Sikuler, Kumanen, Jazygen, Russen, Raizen, Slowaken, Preußen, Serben, Thüringern, Steyrern, Meißenern, Bayern, Sachsen, Östereichern, Franken, Franzosen, Engländer, Brabantern, Westfalen, Holländern, Schweizern, Lausitzern, Schwaben, Kärtnern, Aragoniern, Spaniern, Polen, und Deutschen (so schrieb der Chronist Vavrinec v. Bresova) wurde von den Hussiten geschlagen.
Damit endete der I. Kreuzzug gegen die Hussiten mit einer Niederlage des sogenannten katholischen Heeres. Die Sieger waren Ziskas Bauern!
Februar: Das angekündigte Datum des Weltendes verstreicht.

März: Kreuzzugsbulle von Papst Martin V.

April: Vier Prager Artikel
   1.)Abendmahl in beiderlei Gestalt.
   2.)Freie Predigt.
   3.)alle Priester,einschließlich Papst, haben "ihren Prunk, ihre Habsucht und ihr herrschaftliches Gebaren aufzugeben."
   4.)Adel und Volk haben sich der Todsünden und der Verleumdung zu enthalten.


Ende des Jahres: plötzlicher Tod Nikolaus von Hus
1421 In Prag entbrannte der Kampf um die Vorherrschaft zwischen Plebejern und Bürgertum. Ein Ende der Vorherrschaft der Stadtarmut kündigt sich an. Aber Zelivsky will Alt- und Neustadt unter seine Gewalt bringen.Solange die Armut und die kleinen Handwerker unter Zelivski die Politik der Stadt bestimmem, steht Prag militärisch zu Tabor und den Taboriten.

Juni: Landtag zu Tschaslau verweigert Sisismund die Anerkennung und versucht Schlesien und die Lausitz für die Hussiten zu gewinnen.




Zweite Phase der Hussitischen Revolution 1421 bis 1434

nachgewaltsamer Beseitigung des radikalen Flügels bestimmen mittlere Bürgerschaft und niederer Adel die Entwicklung

1421
1422
Schlacht bei Kutna Hora und Nemecky Brod (?)
1422 Nach der Hinrichtung Jan Zelivskys orientiert sich Prag militärisch verstärkt auf Söldner-Anwerbungen, ähnlich wie die feindlichen katholischen Heere und im Gegensatz zu den bäuerlich-plebejischen Kampftruppen der Taboriten.
1423 Bildung der Neuen taboritischen Bruderschaft in Hradec Kralove.
Schaffung der Heeresordnung von Zizka.
Schlacht bei Horice (20.April 1423).
In einem Feldgesang der Taboritenkämpfer heißt es:

"Wegen Raub, aus Gier nach Gold,
lasset euer Leben nicht,
und bei Beute haltet euch nicht auf."
1424 Schlacht bei Malesov (7.Juni 1424).
Tod Jan Zizkas.
1424
bis
1427
Hussitische Städtebünde 1424 bis 1427
Siehe Karte.
1426 Schlacht bei Usti nad Labem (16.Juni 1426).
1427 Schlacht bei Tachov (2.August 1427).

Der IV. Kreuzzug gegen die Hussiten löst sich bei Mies selbst auf, als die Söldner das Kriegsgeschrei der Hussiten hören.
Der englische Finanzexperte und Kardinallegat Heinrich von Beaufort erarbeitet das Konzept für die
erste deutsche Reichssteuer!
Diese Steuer wurde erfunden, um die Geldmittel für ein Söldner-Heer gegen die Hussiten zusammenzubringen. Sie erfaßte alle über fünfzehn Jahre alte Einwohner Deutschlands. Wie alte Quellen belegen, liefen die Zahlungen jedoch nicht wunschgemäß ein. Durch Marcellus de Niveriis waren die Hussiten über die Vorhaben des päpstlichen Legaten glänzend informiert.
1428 Die "große Reise" nach Schlesien.
1429 Verhandlungen in Bratislava zwischen den Hussiten und König Sigismund.
1429
bis
1430
Herrliche Heerfahrt nach Sachsen und Bayern.
1430 Beheimsteiner Vertrag (11.Februar)
Friedrich v. Nürnberg (Markgraf v. Brandenburg) muß den hussitischen Gesandten eine öffentliche Disputation über die Viert Artikel zugestehen. Dieser Disputation wird nicht stattfinden.
Aufstand der Stadtarmut in Bamberg.       (Februar 1430).
Von armen Handwerkern und Besitzlosen wird die Flucht vieler Prälaten und reicher Bürger genutzt, die zurückgebliebenen Mitglieder des Rates zu stürtzen und die Macht in der Stadt zu übernehmen.
Der Bamberger Aufstand war die erste Volksbewegung in den deutschen Gebieten, die unter unmittelbarem Einfluß der Hussitenbewegung stand.
1431 Schlacht bei Domazlice 14.August 1431).

Der V.Kreuzzug gegen die Hussiten löst sich auf.
Bauernaufstand in Worms und Umgebung
Die Unruhen richteten sich gegen Wucherzinsen und gegen die drohende Gefahr, den eigenen Boden zu verlieren. Das Baseler Konzil befürchtete ein Parteiergreifen der deutschen Bauern mit den Hussiten. Erstmalig schlossen sich Bauern in den deutschen Landen über die verschiedenen Herrschaftsgrenzen hinweg zusammen um mit gemeinsamen Forderungen aufzutreten.
Noch unter dem Pontifikat Martin V. wurde am 9.Januar der Prozeß gegen Jean d'Arc begonnen. Am 30.Mai. wurde Johanna von Orléans wegen Ketzerei von den Engländern in Rouen verbrannt.
1431
bis
1447
Konzil von Basel.
Nikolaus von Kues: "Concordancia catholica"
1433 Die Verhandlungen mit den Abgesandten des Baseler Konzils in Prag sollen die Hussiten spalten.

Verständigung zwischen König und Papst darüber, das der Adel die enteigneten Kirchengüter behalten darf. Dafür werden Utraquisten gegen Taboriten ausgespielt.
Religiöser Ausgleich durch die "Prager Kompaktaten".
1434 Schlacht bei Lipany (30.Mai 1434).
25000 Söldner stehen 18000 Taboriten gegenüber. Das Bürgertum der Prager Altstadt steht aber dem hussitenfeindlichen "Herrenbund" bei. Der Anführer der Reiterei der Taboriten übt Verrat in der noch unentschiedenen Schlacht.
13000 Taboriten werden erschlagen.
1434
bis
1437
Gewaltsames Abwürgen der hussitischen revolutionären Bewegung.


Karte der Hussitischen Städtebünde 1424 bis 1427




Karte der hussitischen Streitzüge

Karte der hussitischen Streitzüge






Nach der Niederschlagung der Hussitischen Revolution

1435
bis
1437
(?)
Wirken des deutschen Hussiten Friedrich Reiser in Süddeutschland.
1436 Erst nach den Niederlagen der Taboriten wird Sigismund auch als böhmischer König anerkannt (tschechisch: Zikmund Lucembursky) Der Vergleich zwischen katholischer Kirche und dem gemäßigtem Flügel der Hussiten mit den Baseler Kompaktaten gestattet die nationale Kirche der Kalixtiner (Utraquisten).
Aber vom Papst Pius II. werden die Vereinbarungen 1462 wieder rückgängig gemacht!
1446 Bauernbewegung um deutsche hussitische Prediger in Mittelfranken (?).
1457 Die demokratischen und antifeudalen Traditionen leben weiter in der sich bildenden Gemeinde der Böhmischen Brüder.
1467 / 1468 Die Böhmischen Brüder grenzen sich von der utraquistischen Kirche ab, die jetzt vom Bürgertum und niederem Adel getragen wird.
1514 Der große ungarische Bauernkrieg greift auf die Slowakei über.
1521
(?)
Im Juni 1521 reist Thomas Müntzer (auch Münzer) nach Prag. Wahrscheinlich hoffte er darauf, noch radikale Vertreter der Hussiten zu finden.
Dort verfaßt er das Prager Manifest, das erste von ihm erhalten gebliebene Dokument. Hatte er in Böhmen Verbindungen mit der waldensisch-taboritischen Bewegung? Jedenfalls mußte er die Stadt verlassen ohne die Utraquisten für entschiedenes Handel gewonnen zu haben. Eine Unterstützung im deutschen Bauernkrieg blieb daher aus.





Personenregister

Ambrosch Priester, Stadtrat von Königgrätz (?); zweifelt an Versprechungen des Königs
Andreas Prokop (1380-1434) Nachfolger des Ziska v. Trochnow.
Heinrich von Beaufort Dieser engliche Finanzexperte und Kardinallegat erarbeitet das Konzept für die erste deutsche Reichssteuer!
Jan Hus
auch: Johann Huß ; Johannes Hus
Sohn armer tschechischer Bauern, Rektor der Universität Prag, Anhänger der Lehren Wiclifs.
Als Führer einer tschechisch religiös-politischen Reformbewegung 1415 in Konstanz verbrannt. Postume Medaille für Jan Hus (um 1530) vermutlich von Hieronymus Dietrich


Postume Medaille für Jan Hus (um 1530) vermutlich von Hieronymus Dietrich
Jan Zizka auch: Johann Zizka
(Zizka von Trochnow (1360-1424))
Anführer beim ersten Prager Fenstersturz und späterer General der Taboriten.
Er schloß sich später den Horebiten an?
1424 starb er an der Pest, sein Nachfolger wurde Andreas Prokop.
Über ihn bemerkte Engels in seiner Untersuchung über die Parallelen zwischen Urchristentum und Arbeiterbewegung: "Die Parallele beider geschichtlicher Erscheinungen drängt sich schon im Mittelalter auf, bei den ersten Erhebungen unterdrückter Bauern... Diese ...Massenbewegungen des Mittelalters trugen notwendig eine religiöse Maske, erschienen als Wiederherstellung des Urchristentums...", dahinter verbargen sich " sehr handfeste weltliche Interessen. Am großartigsten trat dies hervor in der Organisation der Taboriten unter Johann Zizka glorreichen Angedenkens..."(A1)
Jan Zelivsky (ehemaliger Prämonstratenser, trägt in Prag den Talar des Nikolaus von Dresden, predigt insbesondere für kleine Handwerker und Arme in der Kirche Maria Schnee und verachtet die Universitätslehrer. Das Leiden wahrer Christenmenschen ist mit Kampf verbunden: so ruft er zu Demonstrationen am 30.Juli 1419 auf und zum bewaffneten Sturm auf das Rathaus (erster Prager Fenstersturz)).
Gegen ihn wirkt die Klasse der Besitzenden: also die gemäßigten Utraquisten und das Prager Patriziat.
Die Niederlage der Prager bei Brüx bringt ihn zu Fall. Im März 1422 wird sein Anhänger Johann Hvezda in Prag hingerichtet.
Z. selbst wird ermordet. Sein Gegenspieler ist Jakobellus und die Universitätslehrkräfte. Nach Zelivskys Tod geht die Macht wieder in die Hände der Besitzenden.
Johann von Rohac Ritter, zweifelt an der Aufrichtigkeit König Sigismunds und wird dafür mit seinen Genossen gehängt. Seine Zweifel sollten sich später bestätigen.
Johannes von Jicin
Jon Wiclif auch: John Wyclif (etwa 1320 bis 1384) englischer Priester; erklärte um 1360...1376, das die ersten Christen in Armut gelebt hätten und das kirchliche Amtsträger in gleicher Armut wie zu Urchristenszeiten leben sollten.
Seine Theorie besagt, das nur Rechtschaffenheit zu Herrschaft und Besitz berechtige ! Der unredliche Klerus habe darauf keinen Anspruch.
Das Interessante an der Subjektivität Wiclifs ist, das er erst im Alter zum Rebell wird! Außerdem fand er den Schutz der Königin (!), die Unterstützung des "Pöbels"(!) und die tolerante Duldung der Universität Oxford!
Richtig hart wird er im hohen Alter als er behauptet, der Papst sei der Antichrist und die Konstantinsche Schenkung machte die Päpste bestechlich!
Die Ideen Wiclifs spielen auch eine Rolle beim englischen Bauernaufstand 1381. Sehr wahrscheinlich hat Wiclif diesen Bauernaufstand von Wat Tyler nicht unterstützt. Wiclif schrieb als vorsichtiger Intelektueller seine, nun ja, kommunistischen Gedankengänge in Lateinisch auf, für die Bauern seiner Zeit nicht lesbar. Aber im Gegensatz zu Martin Luther vierzig Jahre später, hat Wiclif die revoltierenden Bauern nie verurteilt! mehr dazu...
Kardinal Giuliano Cesarini Führte den 5.Kreuzzug gegen die Hussiten, der am 14.August 1431 mit einer Niederlage endet.
Konrad von Vechta Prager Erzbischof
Martin Huska redegewandter Taborit und Ordinator des Nikolaus v.Pilgram ? Anführer einer Gruppe innerhalb Tabors, ist fast materialistisch in der Eucharistie : Brot und Wein wie bei Agapefeiern zum Sattessen, also als eine Art Erinnerungsmahl.
Er lehrt
- das Gesetz der Gnade ist überflüssig,
- will das Reich der Heiligen auf Erden,
- "Wenn Christen immer so zu leiden hätten, möchte ich kein Diener Gottes sein"
Unter seinen Anhängern gibt es auch Adamiten und Picarden, die den Anlaß für Jan Zizka geben, Martin Huska als Ketzer verbrennen zu lassen, (auch die Hussiten kannten also ihre "Ketzer").

Meinhard von Neuhaus ein Führer der Kalixtiner
Nikolaus von Dresden  traf 1411/1412 in Prag ein mit einer Gruppe von deutschen Theologen. Die deutsche Schule Wyclifscher Gedanken lautet in Schwerpunkten etwa:
   1) Alle Prister können ohne Erlaubnis predigen.
   2)Enteignung der Kirche.
   3) Kein Gehorsam gegenüber dem Papst.
   4) Alles Glaubensnotwendige findet sich in der Bibel.
1416 verließ er Prag und ging nach Meißen; dort wurde er hingerichtet.

Nikolaus von Pelhrimov(?) ((=Niklas von Hussinnetz ? Nikolaus von Hus ? Nikolaus von Pilgram ? Nikolaus von Pistna?)
Kleiner Adliger der radikalen Partei in Prag, verlangte von König Wenzel die allgemeine Erlaubnis für den Laienkelch.
Papst Martin V. gilt als Beendiger des Großen abendländischen Schismas (1378-1417), und verhandelte mit der orthodoxen Kirche um eine Union. Als harter Gegner des Hussitismus erließ er März 1420 die Kreuzzugsbulle gegen die Taboriten.

Petr Chelcicky(1390-1460 (?) Einer der vielen Vordenker neuer sozialer Gemeinschaftsformen, heute fast vergessen. Die um ihn gescharte kleine Gemeinde lehnte zwar radikal jede Obrigkeit ab, aber auch jeden gewaltsamen Widerstand gegen die Herren.

Sigismund  König Siegmund,auch genannt: Zsigmond, Zikmund, Nürnberg Znaim
geb. 15.2.1368 gest. 9.12.1437
Bruder des König Wenzel,
Siegmund war:
- Deutscher König (1410-1437),
- Römischer Kaiser seit 31.5.1433,
- König von Ungarn (1387-1437),
- erstrebte im Hussitenkrieg die böhmische Krone als König von Böhmen (bis 1437),ließ sich 1420 zum K.v.Böhmen krönen, wurde am 7.7.1421 von den Hussiten auf demokratische Weise abgesetzt!
König von Italien (?),
Kurfürst von Brandenburg (ab 1376)


religiöse und soziale Strömungen

Adamiten
Eine sonderliche Gemeinschaft von Leuten, die behaupteten, die menschliche Kleidung sei eine Folge des Sündenfalls. Daher gingen sie nackt. Ihnen haftete der unbewiesene Vorwurf an, nach Belieben Geschlechtsverkehr miteinander zu treiben. Sie galten selbst für die Taboriten als Ketzer, Mörder oder Sodomiten.


Calixtiner (Kalixtiner)(Utraquisten)
(Calix=Kelch) religiöse und soziale Bewegung, die den alten Brauch wiedereinführen wollte, das der Kelch und das Brot allen Gemeindemitgliedern bei einer kathol. Zeremonie (Abendmahl) zukam.
Den Kelch wollten die kathol. Priester jedoch nur für sich selbst in Anspruch nehmen.


Horebiten (?)
wahrscheinlich eine sprachliche Variante von Orebiten.
Horeb (Choreb), im Alten Testament der Berg, auf welchem Moses das Gesetz erteilte. Eine Partei der Hussiten nannte danach einen zu ihrem Versammlungsort gewählten Berg in Böhmen Horeb und sich selbst Horebiten


Orebiten
Die nach dem Berg Oreb benannten Orebiten hatten ihr Zentrum im ostböhmischen Hradec Kralove. Ihr Anührer war Jan Zizka.


Orphaniten
Im Oktober 1424 starb der Taboritengeneral Zizka, ein unversöhnlicher Feind König Sigismunds.
Ein Teil der Taboriten nannte sich nach seinem Tod die Waisen (also Orphaniten). An ihre Spitze trat der frühere Mönch Prokop der Kleine. Unter Führung Prokops des Kleinen und Bedrichs von Straznitz nahmen sie eine Mittelstellung zwischen den Kalixtinern und Taboriten ein.


Picarden  (auch Pikart)
Verfremdeter Ausdruck für Ketzer. Ausartende Sekte, die von den Hussiten selbst Ketzer genannt wurden.


Taboriten
Der Teil der Bewegung der Calixtiner, die weder König noch Adel anerkennen wollten und ein Gemeindeeigentum praktizierten.
In der Mehrheit Bauern und Handwerker, aber auch Professoren und Theologen, Ritter und Soldaten.
Berühmte Anführer: Jan Zizka und die beiden Prokope.


Utraquisten
gemäßigte Calixtiner, wollen beide Formen des Abendmahls gestatten, also alt und neu usw. Sozial betrachtet jene Fraktion der Hussiten, die aus reichen Bürgern und den Adligen bestand, die sich die Kirchengüter selbst einverleiben wollten.







erste Notizen / einige ausgewählte Fragen zum Hussitentum

I.)     Was machte die Hussiten so außerordentlich bedeutsam?
II.)   Warum waren die Hussiten solange erfolgreich?
III.)  Welche Gründe gab es für ihr Scheitern?

I.) Was machte die Hussiten so außerordentlich bedeutsam?
Wenn man will kann man die Hussitengeschichte antideutsch oder antitschechich schreiben. Man kann sich religionstheoretisch darüber auslassen oder genealogische Thronreihenfolgen diskutieren. Für die Gegenwart jedoch ist mehr die soziale Betrachtung von Bedeutung. Sozial gesehen ging es hier um den Kampf zwischen beutegierigen aber völlig unbegabten Herrschenden einerseits und ihren arbeitsamen und zutiefst gläubigen Untertanen andererseits! Selbstverständlich traten diese Gegensätze in religiöser Umkleidung auf, im 15.Jahrhundert war für die Menschen in Europa keine andere systematische Denkweise möglich. Hus auf dem Luther-Denkmal in Worms Und wieder ging der Revolution eine sogenannte "goldene Epoche" voran! Die Historienschreiber benutzen immer dann den Begriff "Golden", wenn es etwas zuzuklittern gilt! Im Fall der Hussitenbewegung war es das "goldene Zeitalter", das der Aufruhr voranging, und also für die kleinen Leute nicht so strahlend gewesen sein kann.
So mußten sich die Untertanen in Böhmen den "wahren" Glauben gleich von drei Päpsten predigen lassen. Dem noch nicht genug hatten sie es gleichzeitig auch mit drei Königen zu tun. Böhmische und deutsche Fürsteninteressen vermengten sich mit luxemburgischen Familienzwistigkeiten, was den Alltag ihrer Untertanen sicherlich nicht leichter machte. So nannten sie einen König "den großen Lügner", der andere war für sie "der Faule" und schließlich der dritte, Sigismund, zeichnete sich nicht in erfolglosen Schlachten gegen die Osmanen aus sondern durch Niederschlagung der Revolten böhmischer Bauern. Die moderne Geschichtsschreibung nennt das "die böhmischen Wirren...".
In Wahrheit zeigte sich aber eine völlige moralische Verwahrlosung der Herrschenden, sowohl im höheren Adel als auch im Klerus. Denen ging es schlichtweg um Bereicherung: Bereicherung an Boden, an Bodenschätzen, an Produkten und haupsächlich an Geld!
Dem stand etwas Gegenüber, was noch aus der Zeit der Kolonisten stammte: die Sehnsucht nach ehrlicher, befriedigender und produktiver Arbeit und die damit verbundene Freiheit ohne Zahlzwang für irgendwelche absonderlichen Steuern oder Ablässe! Dieser erste Widerstand zeigte sich in vielen Steuerverweigerungen, in der lokalen Selbstorganisation kirchlicher Gemeinden und in der äußerst nachlässigen Bereitstellung von Soldaten.

Entscheidend für die historische Bedeutsamkeit der Hussiten war ihre aufrichtige Suche nach einer gesellschaftlichen Alternative gegenüber der Verkommenheit der Herrschenden, die sich durch die schnelle Ausbreitung der Geldwirtschaft in allen Bereichen der Gesellschaft breit machte. Selbst die Instanzen der Krone und der Kurie wurden nahezu funktionsuntauglich und beschäftigten sich nur noch mit dem "Geld machen".
So hatte beispielsweise König Wenzel mit einem Papst (Bonifatius IX.) 1393 einen Deal zu Opfergeldern abgesprochen: wenn Pilger vier Prager Kirchen besucht hatten, konnten sie sich den Weg nach Rom sparen. Die Hälfte ihrer Spenden, die sie dabei an die Kirche des heiligen Petrus zu zahlen hatten, floß dabei für die Gläubigen unbemerkt in die königliche Privatkasse.
Oder: Eine von den Hussiten geforderte Überprüfung der Kassenlage der Kirche ergab um 1400: in sechzehn von neununddreißig Kirchen finanzielle Unregelmäßigkeiten und andere Auffälligkeiten der Pfründeninhaber.
Und entscheidend für den Erfolg der Hussiten war die Tatsache, das sich große Teile der Bevölkerung dieser Suche nach einer Alternive zum profanen "Geldmachen" anschlossen! Nicht nur Bauern oder städtischer Plebs, auch die Gelehrten der Universität und die Kaufleute des internationalen Handels, und nicht zuletzt die "Proletarier" des Klerus, die pfründelosen Priester und Theologen - sie alle suchten nach einem Ausweg und waren nicht mehr gewillt, ihren Herrschern alles durchgehen zulassen.



II.) Warum waren die Hussiten solange erfolgreich?

- Von Vorteil für die Bewegung war, das die neuen Gedanken ansatzweise in der Verbreitung Wyclifscher Gedanken bereits existierte. Von Vorteil war auch das Märtyrerschiksal des Jan Hus! Das hatte den Beweis erbracht, das den Herrschenden absolutes Mißtrauen entgegenzubringen ist und alle Schritte selber zu bedenken sind, man darf keine Antwort von den Herrschenden erwarten, die den eigenen Interessen wirklich entgegenkommen. Und von Vorteil war, das das Geldwesen selbst innerhalb der herrschenden Klasse zerstörend und aufsplitternd wirken mußte!

- In dem Moment in dem sich die klugen Köpfe aus der Universität, damals immer Experten der Theologie, mit der Kraft Tatsachen schaffender Männer verbanden, entschlossen die gegenerische "Elite" im Rathauses zur Abschreckung aus dem Fenster warf und anschließend auf Straßen und Plätzen demonstrierte und die Naricht darüber rasend schnell in den Provinzen verbreitete, in dem Moment war die Sache voerst gewonnen!

- Wann existierte der Prager Gulden oder Prager Groschen?
In Kuttenberg (Kutná Hora) wurden ab 1300 die Prager Groschen geprägt. Die Geldentwertung ist u.a. heute erkennbar an den Gegenstempeln der Städte. Ab 1520 verloren die Prager Groschen an Bedeutung, 1547 wurden die letzten geprägt.

  • - In ihrem Kampf gegen die Feudalordnung gingen die Hussiten weiter als jede bisher dagewesene Volksbewegung. Aus diesem Grund ist sie besonders aufmerksam zu studieren.

  • - Der Kampf der Taboriten, auch wenn er am Ende scheitert, ist der erfolgreichste im Mittelalter geblieben.

  • - Mit dem großen Schisma verlor die katholische Kirche jeglichen Führungsanspruch, die gleichzeitige Herrschaft mehrerer Päpste forderte den Kampf um eine Änderung der Verhältnisse geradezu herraus!

  • - Die bisherigen Austauschverhältnisse wurden durch eine schnelle Einführung der Geldwirtschaft nahezu sprunghaft beseitigt. Das ist auch in den Beziehungen innerhalb der Kirche und innerhalb des Heerwesens wirksam, hier besonders ersichtlich. Dadurch verschärfen sich nahezu alle Widersprüche.

  • - Zum Beispiel an der Bodenfrage: die Besiedlung Böhmens schaffte den Freibauern und dem Landadel gewisse Rechte und Freiheiten. Die römische Kurie hatte sich lange Zeit um diese böhmische Provinz nicht wirklich gekümmert. Mit den wirtschaftlichen Erfolgen der Besiedlung wuchsen die Begehrlichkeiten, und so wurde von Avignon aus eine agressiv betriebene Finanzpolitik in die bisher fast unbelästigt gebliebene böhmische Kirche hineingetragen. Mitte des 14.Jahrhunderts fielen fast alle Bistümer und Abteien dem päpstlichen Besitzrecht anheim!
    Da die kolonisierenden Bauern der zweiten und dritten Generation als Papstreu angesehen wurden, erhielten insbesondere deutsche und polnische Geistliche die Benefize über die bislang von Laien kontrollierten Eigenkirchen! Daraus wird sich später der nationale Gegensatz zwischen Tschechen und Deutschen entwickeln, weil berechtigterweise der Vorwurf der Bevorzugung der deutschen Bevölkerung entsteht. So verbreitete sich die Vermutung, das der Papst ein System der Belohnung der Ausländer durchsetzte, weil diese bereit waren, die Kircheneinnahmen an den heiligen Stuhl zu senden. Diese Vermutung kam nicht von ungefähr, da König Wenzel, der offenbar die gleiche Praxis betrieb, mit Papst Bonifatius IX. 1393 einen Deal hinsichtlich der Opfergelder abgesprochen hatte: wenn Pilger vier Prager Kirchen besucht hatten, durften sie sich den Weg nach Rom sparen. Die Hälfte ihrer Opfergelder, die sie dabei an die Kirche des heiligen Petrus zu zahlen hatten, floß dabei in die Taschen des Königs.

  • - Spaltung auch innerhalb der Kleriker: arm und reich usw. Ende des vierzehnten Jahrhunderts lebten etwa 35 000 bis 40 000 Einwohner in Prag. Etwa 40% der Einwohner galten als mittellos und geradezu täglich wurde die Situation verschärft durch die Einwanderung verarmter Bauern. Es gab 1 200 (!) Geistliche in der Stadt, allein für den Dom 200. In sechzehn von neununddreißig Kirchen entdeckte man finanzielle Unregelmäßigkeiten bzw. gaben die Pfründeninhaber Anlaß zu weiteren Ärgernissen.
    In dieser Zeit entwickelte sich ebenfalls eine Art geistliches Proletariat, also jene sprengellosen Kleriker, die über keinerlei Einnahmen verfügten. Andere Priester bekamen nur einen Teil ihrer Stipendien ausgezahlt, während die adligen Patrone die Differenz für sich behielten. Die Geldwirtschaft hatte einen unglaublichen Faktor der Habgier freigesetzt und sowohl Kirche als auch Adel lebten eine moralzerstörende Bereicherungssucht vor, das die Lehren Wyclifs auf besonders fruchtbaren Boden bei den tätigen Siedlernachkommen, den kleinen Handwerkern und den bedürftigen Priestern fallen konnten. In der Tat ähnelten diese Bevölkerungskreise jenen arbeitsamen und fleißigen sowie lesekundigen Schichten der Lollarden in England, deren Aufstände genau zu der Zeit niedergeschlagen wurden von den Truppen Heinrich V. als die aufrührerischen böhmischen Bauern und Plebejer anfingen mit ihrer Sache zu siegen!

  • - Gleiche Spaltung auch im feudalen Heerwesen...im Gegensatz dazu das Hussitenheer...

  • - Einfluß Wyclifs...
    Aber von der Lehre über die Armut des Urchristentums war es nicht weit bis zur Infragestellung des Reichtums de Kirche und die nächsten Schritte hinsichtlich des Eigentums und der Stellung des Adels boten sich geradezu an! Nach Wyclif war der Widerstand gegen einen rechtmäßigen Herrscher nicht erlaubt, aber die Lollarden hatten längst eine andere Denkungsart angefangen.

  • Frage Krieg - Frieden
    Im Februar 1420 diskutieren die Universitätsgelehrten über die Kriegsfrage. Zizka hatte die Frage vorgelegt angesichts der Bedrohung durch königliche Heere und der königlichen Entscheidung zum antihussitischen Kreuzzug. Die Magister erklärten unmittelbar vor dem Angriff des Kreuzzugsheeres sogar den "verpflichtenden Krieg". Der Krieg war also nicht von der Hussitenseite vom Zaun gebrochen.
    Es entspricht den historischen Tatsachen, das das hussitische Heerwesen erst im Ergebnis der andauernden Bedrohungen von außen entstand und entstehen mußte auf Gedeih und Verderb! Erst die wiederholten Einfälle der zahlenmäßig überlegenen Kreuzzugsheere zwangen die Hussiten zu einer neuen militärischen Taktik, mußten sie andauernd unter Waffen bleiben bei höchster Beweglichkeit und mußten sie sich eine neue militärische Disziplin zu eigen machen, die dem bezahlten Söldnertum furchterregend überlegen war!


  • Der Sieg der Herrschenden über die hussitischen Untertanen brachte nicht etwa Aufschwung oder wirtschaftliche Blüte, weil sie nun widerstandslos ihre Wünsche durchsetzen konnten, sondern es kam zu einem gesellschaftlichen Rückschritt! Die Geschichte Böhmens nach der Hussitenzeit ist die Geschichte zahlloser Königsparteiungen, schwerster Lasten für die Bauern, undurchschaubarer Rechtsunsicherheit für die Untertanen und ewig wiederkehrender Bürgerkriege. Es folgten Kämpfe zwischen Kaiser und Fürsten, Kämpfe zwischen Königen und Päpsten, zwischen Päpsten und lokaler Kurie, zwischen Königen und Landadel usw. Nur die Habgier konnte feiern. Böhmen geriet unter ausländischer Herrschaft!

  • Der Berg Tabor im 15.Jahrhundert



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    Notizen zum Thema Hussitenkrieg / begonnen: 5.Dezember 2008 / Stand: 25.August 2010 / Hans Holger Lorenz / HLorenz500@aol.com / (I) To - WB