Erster großer Bauernaufstand in der Geschichte Rußlands
unter Bolotnikow 1606 - 1607

Für das Ende des sechzehnten Jahrhunderts konstatieren die Historiker im Osten Europas eine tiefe Krise. In den ländlichen Gebieten Mittelrußlands verarmten die Städte und durch eine Massenflucht der Bauern entvölkerten sich die Dörfer. Kuriose Gesetze zwangen Kaufleute und Bauern ihren Wohnsitz beizubehalten während zunehmende Verschuldung und ständig steigende Abgaben sie zur Aufgabe ihrer wirtschaftlichen Existenzen nötigten. Kein Steuerpflichtiger kannte auf ihm zukommende alte oder neue angeblich gesetzliche Zahlungspflichten. Zuständige gerichtliche Instanzen schienen nicht zu existieren. Vor allem die Bauern, die nichts mehr zu verlieren hatten, entschlossen sich zur Flucht in die abgelegenen Wälder des weiten Rußlands oder zogen zu den Kosaken an die Reichsgrenze.

Die russische Geschichtsschreibung nennt diese Periode die Zeit der Wirren. Boris Godunow erwarb listenreich die Zarenkrone. Um seine adligen Wähler bei der Stange zu halten, schränkte er die Freiheiten der Bauern besonders hart ein und befahl, geflüchtete Ackersleute ihren Herren gewaltsam wieder zuzuführen. Außerdem unterzog er den Kosaken im Süden des Landes einer verschärften Kontrolle. Exekutionen, Deportationen und Konfiszierungen nahmen Ausmaße an, nur noch vergleichbar mit der schlimmen Zeit der Opritschniki Iwan des Schrecklichen (1530-1584). Missernten in den Jahren 1601 bis 1603 verschärften die Situation. Hungersnöte zwangen Bauern und Leibeigene zum Aufstand. Die Chlopko-Revolte war 1603 niedergeschlagen, ihre sozialen Ursachen jedoch nicht beseitigt. Da starb der Zar im April 1605 einen plötzlichen Tod und mindestens drei potentielle Anwärter beanspruchten den frei gewordenen Thron.

Der erste falsche Dimitri
Fünfzehn Jahre zuvor kam der von der orthodoxen Kirche nicht anerkannte Sohn Iwans des Schrecklichen unter mysteriösen Umständen in der Provinzstadt Uglitsch ums Leben. Genau genommen war dessen Tod nicht gesichert. Umso mehr gab es darüber viele Gerüchte und vermutlich falsche Zeugenaussagen. Vor allen Dingen verbreitete sich ein tiefgläubiger Wunsch der Kosaken, der Bauern und der Leibeigenen nach einem klugen und milden Zaren. Der hoffnungsvolle Traum von einem guten Zaren, der aus seinem Kreml heraus für Gerechtigkeit sorgt, artikuliert sich in der russischen Nationalgeschichte wiederholt in Legenden, Märchen und Volksliedern. Und so meldete zu Beginn des 17.Jahrhunderts ein gewisser Dmitri seine Besitzergreifung der Herrschaft an.
Es würde nicht das einzige Mal bleiben, das sich ein nicht ganz zweifelsfrei wirkender Kronanwärter in die politische Arena zum Kampf um die Macht begab. Es war die erste historisch spannende Episode jener Jahre. Um 1603 entdeckte der neue Rivale Godunows seine königliche Herkunft, als er auf den Gütern eines polnischen Magnaten weilte. Ein gewisser Dimitri behauptete, der jüngste Sohn Iwans des Schrecklichen zu sein. [Dimitri Iwanowitsch (1582-1591)] Der Tod dieses Zarewitschs lag im Ungewissen. Schon im März 1604 soll der bis dahin Unbekannte vom polnischen König Sigismund III. Wasa (1566-1632) in Kraków als Demetrius I. empfangen worden sein. Es schwirrten Gerüchte, die behaupteten, Demetrius hieße in Wirklichkeit Grigorij Otrepjew und sei ein Mönch aus dem Kloster Tschudow. Von dort geflohen sei er 1601 in Polen aufgetaucht und habe für seine Pläne Unterstützung bei Magnaten und katholischen Priestern gesucht. Vielleicht konvertierte der Flüchtling nur zum Katholizismus wegen einer Tochter des Woijewoden von Sandomierz namens Marina Mniszech (1588-1614), denn danach erst durfte er sich mit diesem bildschönen Weib verloben. Von da an aber ging seine Kariere aufwärts. Er zog mit etwa tausend Abenteurern über die russische Grenze Richtung Moskau.

Im Kreml saß Boris Godunow auf einem ziemlich unsicheren Thron, Als Zar trug er die Krone erst seit 1598 und kämpfte gegen schwere Intrigen der Moskauer Bojaren. Vom Dienstadel aufgestiegen blieben ihm die Mitglieder des Uradels feindlich gesonnen. Schließlich hatte er die Tochter eines Metropolitenmörders geheiratet und, weitaus schlimmer, ihm wurde der ungeklärte Tod des jüngsten Sohnes Iwan IV. angelastet. Andererseits hatte Godunow hatte als Staatsoberhaupt das berüchtigte Gesetz zur Bauernverfolgung erlassen und den Bauernaufstand des Chlopko blutig unterdrückt. Die Auswirkungen der schlimmsten Hungerkrise seit Menschengedenken belasteten seine Herrschaft. Und als sich die Nachrichten vom Wiedererscheinen des Zarewitsch zu verbreiten begannen, verbanden sich die Hoffnungen der Menschen mit ihrem Traum vom gerechten Zaren. Es ist leicht zu verstehen, das sich nun Bauern, Kosaken und Leibeigene auf die Seite des Demetrius schlugen. Zu ihnen gesellten sich auch unzufriedene Kaufleute, gedemütigte Kosaken und Bojaren. Viele, die unter den politischen Wirren litten, unterstützten den neuen Usurpationsversuch. Als der amtierende Zar Godunow im April 1605 ziemlich plötzlich und vielleicht nicht von allen unerwartet starb, war der Weg der Dissidenten nach Moskau frei.

Demetrius zog zusätzlich begleitet von polnisch-litauischen Truppen und im geheimen Einvernehmen mit Polenkönig Sigismund III. Wasa in Moskau ein und wurde am 21. Juli 1605 zum Zaren gekrönt. Aber selbstverständlich hatte auch der neue Zar Grigori Otrepjew Dmitri I. in Moskau seine Feinde. Aus dem Kreml heraus erließ er Befehle zur Beschlagnahme einigen klösterlichen Grundbesitzes der orthodoxen Kirche und verteilte ihn an getreue kleinadlige Familien. Zugleich erhöhte er die Gehälter der für ihn Kriegsdienstleistenden. Das war übliche Vorgehensweise neu ins Amt gekommener Zaren. Eher unüblich war sein Versprechen an die Bauern, zehn Jahre steuerfrei bleiben zu können und nur geringere Frondienste leisten zu müssen! Damit verscherzte er sich, wie sollte es anders sein, die Huld des Großadels und der russischen Popen. Aber es entstand natürlich eine interessante Frage, die sich damit verbreitete: Warum sollten ausgerechnet die Bauern Steuern zahlen, die einzigen Produzenten der so dringend benötigten Lebensmittel, von denen alle anderen lebten. Hätten nicht jene an die Bauern Steuern zu zahlen? Ist es wirklich sinnvoll, dass ausgerechnet jene, die das Brot für alle sicherten, Steuern entrichten müssen? Die Hungerjahre hatten doch bewiesen, wie bedeutsam die Arbeit von Bauern ist.

Der Bauernführer Bolotnikow
Wer war dieser Iwan Issajewitsch Bolotnikow (?-1608), der von einer lumpigen Verschwörung in der Hauptstadt hörte und sich sofort ins Hauptquartier der Dimitrischen Rebellen begab? Bolotnikow vegetierte gewisse Zeit als Leibeigener und erlitt ein ziemlich wechselvolles Schicksal, das ihn für einen Freiheitskampf geradezu prädestinierte! Anfangs im militärischem Sklavendienst bei einem Aristokraten gefangen, der den begabten Kavalleristen wie alle Untergebenen unmenschlich behandelte. Er teilte die Mühsal mit vielen seiner Leidensgenossen und entschloss sich zur Flucht zu den Don- oder Wolga-Kosaken. Scharen von Hungernden wanderten durch Städte und Dörfer. Viele suchten den Weg nach Süden. Hunderttausende einmal entwurzelt und in Bewegung geraten konnten von einer sich gegenseitig bekämpfenden Oberschicht nicht im Zaum gehalten werden. Sie entzogen sich jeder administrativen Kontrolle und destabilisierten jegliches örtliche Gemeinwesen. Bolotnikow nahm an den Grenzkämpfen der Kosaken teil und geriet in Gefangenschaft der Krim-Tataren. Diese Vasallen des Osmanischen Sultans verkauften ihn wie damals üblich in die Sklaverei. Von den Galeeren türkischer Mittelmeer-Geschwader gelang ihm angeblich mit Hilfe von Deutschen die Flucht nach Venedig. Sein Heimweg nach Rußland sollte über Polen führen.

Etwa 1605 trat Bolotnikow in das wechselvolle Spiel russischer Historie. Im Haus der betörend charmanten katholischen Marina Mniszech begegnete er dem Pseudo-Zaren Dmitri I., der dringend fähige Köpfe für seine Kämpfe gegen den noch in Moskau konspirierenden Fürsten Schuisky suchte.

Nach einem verhörartigen Gespräch wurde Bolotnikow zum Befehlshaber von Rebellentruppen ernannt. Aber die Zeit verging rasend schnell und die Ereignisse überschlugen sich. Am 17. Mai 1606 ermordeten Gedungene den Pseudozaren Dmitri I. anlässlich seiner Hochzeit mit Marina. Dabei galt der vermutlich ehemalige Mönch gemeinhin als überraschend kluge und weitsichtige Persönlichkeit, die einige Reformen Peters des Großen (1672-1725) vorwegnahm. Nach erfolgreicher Bluttat wurde ein eher farbloser und heuchlerischer Parteigänger der Bojaren am 19. Mai 1606 zum Zar Wasili IV. ernannt. Dieser besagte Wassili Iwanowitsch Schuiski (1552 - 1612) erklärte je nach Bedarf mit seiner Untersuchungskommission den umstrittenen Tod des Zarewitsch als gültig oder ungültig. Ihm gelang es mit schwedischer Hilfe sich mehrere Jahre auf dem Thron zu halten.

Im Juli 1606 zog Bolotnikow von der Provinzstadt Putiwl im Norden der Ukraine mit seiner Rebelleneinheit los Richtung Moskau. Flüchtige Bauern waren zusammen geströmt, überlebende Kämpfer des Chlopko-Aufstandes sammelten sich hier, Kosaken, Possadbewohner und Strelitzen fanden sich ein. Sie alle hatten schon Kampferfahrungen bei den Gefechten mit Godunows Truppen gemacht. Die unterprivilegierten Tschuwaschen und Mordwinen gesellten sich dazu. Dieser Zug streitfähiger aus mehreren Nationalitäten bestehender Kämpfer schlug die schnell zusammengewürfelten Truppen des Zaren Wasili IV. mehrmals in die Flucht. So bei Kromy und später in Kaluga. Über 400 km legten Bauern, Cholopen und Leibeigene, Landlose und Kosaken, geschlossen zurück, bis sie vor den Toren der Hauptstadt anlangten.

Die Aufrufe Bolotnikows an Cholopen und arme Städter forderten tödliche Konsequenzen für die Getreidespekulanten und reiche Handelsherren. Auf den Dörfern sollten die Bauern mit ihren Feudalherren abrechnen. Die Sprache der Proklamationen war hart, rüde und unnachsichtig. Bolotnikow, der sich als Großwoiwode des Zaren Dimitri bezeichnete, glaubte selbst fest an die Illusion der Widereinsetzung des Zarewitschs. Diese Hoffnung teilten viele bäuerliche Leute und Cholopen seiner Abteilungen.

Bolotnikows Aufständische fanden militärische Verbündete. Unter Führung Grigori Sumbulows und Prokopi Ljapunow meuterten Rjasaner Rebellen gegen den Zaren. Zugleich kämpften sich aufmüpfige Kosaken unter Istoma Paschkow von Jelez über Wenew bis Moskau vor. Es war historisch nicht das erste Mal, das Uneinigkeit die Aufständischen in eine Niederlage führte und es wird in der endlosen Geschichte der vielen Bauernkriege nicht das letzte Mal gewesen sein. Vor der Hauptstadt standen etwa 100 000 Mann und brachten die zaristischen Verteidiger in arge Bedrängnis. Von drei Seiten her bedrohten sehr unterschiedlich zusammengesetzte Armeen die Stadt. Die Einheiten Sumbulows und Ljapunows bildeten sich aus Dienstadligen, die einst zu den Elitetruppen des Zaren zählten. Die Kosaken Paschkows waren mitnichten Cholopen oder Leibeigene. Der Legende nach übte am 2. Dezember 1606 deren unzufriedener Kommandeur Verrat während eines Gefechts. Sumbulow und Ljapunow begaben sich daraufhin zum Zaren und baten um Begnadigung der Rjasaner. Bolotnikow, gezwungen die Umschließung der Hauptstadt abzubrechen, zog sich zum über 100 km entfernten Kaluga zurück und verschanzte sich dort mit seinen Truppen. Diese tapfere Stadt konnte von der Zarenarmee nicht eingenommen werden. Es ist nicht genau erklärbar, warum er Kaluga verließ, jedenfalls zog Bolotnikow weiter kämpfend in Richtung Tula. Diese von Moskau etwa 200 km entfernte Stadt war seit 1520 als südliche Verteidigungsbastion des russischen Großfürstentums ausgebaut worden. Vermutlich hatte Bolotnikow die sicheren Verteidigungsmöglichkeiten des Tulaer Kremls im Sinn. Und tatsächlich nutzten die Aufständischen seine Türme und bauten die ganze Stadt weiter zur Festung aus. Tula bildete mit seinen ausgezeichneten Waffenmanufakturen ein entscheidendes Arsenal für den Zaren und wahrscheinlich beeinflusste diese Tatsache die Entscheidungen Bolotnikows. Er und seine Getreuen hielten einer erneuten Belagerung über vier Monate hinweg stand. Erst am 10. Oktober 1607 ergaben sich die Helden. Bolotnikow war nicht nur ein ausgezeichneter militärischer Anführer, er konnte auch dank seiner Weltkenntnis geschickt verhandeln. Offenbar seine eigene Sicherheit nicht in Betracht ziehend, erlangte er freien Abzug für die Mehrheit seiner Anhänger, von denen sich viele dem nächsten Thronanwärter zweifelhafter Herkunft, dem Zweiten Dmitri anschlossen. Bolotnikow selbst wurde in Ketten nach Moskau verbracht und anschließend nach Kargopol in Nordrußland verschleppt. Dort ließ man ihn blenden und in einem Eisloch ertrinken.

Der Aufstand unter Bolotnikow wird als der erste große Bauernaufstand in der russischen Historie betrachtet. Moderne nichtrussische Historiker gehen zuweilen davon aus, dass diese Bewegung nicht von sozialem Rebellentum getragen wurde, sondern mehr eine interne Adelsfehde darstellte. Diese Auslegung der wenig vorhandenen Daten basiert nicht ganz ungerechtfertigt auf den Tatsachen der vielen falschen Zaren. Zwar ersetzte den ersten falschen Demetrius sofort ein zweiter. Und es meldeten sich auch weitere Zarewitsche dubioser Art. In Astrachan erklärten sich gar parallel zwei Rebellenanführer zu Zarensöhnen, ein ehemaliger Cholope und ein Ackerbauer. Aber letztlich scheiterten alle diese Versuche, weil außer der bäuerlichen Utopie eines gerechten Zaren keine Vorstellungen darüber bestanden, wie ein Ausweg aus den rückständigen feudalen Verhältnissen zu finden wäre. Zusätzlich beeinflusste ein neues Kräftepotential die Auseinandersetzungen während des Bolotnikow-Aufstandes. Die Einmischung ausländischer Interessengruppen in die inneren sozialen Kämpfe des Russischen Reiches nahm neue Dimensionen an. Das war nicht vergleichbar etwa mit ähnlichen Situationen hundert Jahre zuvor in Europa. Im deutschen Bauernkrieg hatte sich beispielsweise der Herzog von Württemberg zum Vasallen des französischen Königs Franz I. gemacht und hoffte Württemberger Bauern gegen ihren eigenen Kaiser marschieren zu lassen. Es ist bekannt, dass sich die Ackersleute nicht dafür einspannen ließen. Ihre Erfahrungen mit diesem Fürst, der sich durch sein kriminelle Energie auszeichnete, wogen zu schwer. Es war nicht vergessen, dass er 1514 die Bewegung des Armen Konrad brutal nieder schlug. In Russland gestaltete sich die Situation in der Phase der Wirren und des Bolotnikow-Aufstands wesentlich komplexer. Im Kampf um die Thronfolge in Polen setzte sich eine Partei durch, die einen schwedischen Prinzen bevorzugte und so wurde Sigismund III. Wasa König von Polen. Die schwedischen Ambitionen verbanden sich mit einigen Interessen polnischer Magnaten und ragten in russisches Gebiet hinein. Der katholisch erzogene Sigismund III. Wasa kämpfte seinerseits um den protestantischen schwedischen Thron und hoffte auf russische Beihilfe. Um in keinen offiziellen Krieg mit Russland verwickelt zu werden, kam der besagte Demetrius I. in ein politisches Spiel, in das die große Unzufriedenheit der russischen Landbevölkerung einkalkuliert wurde. Eine neue Qualität nationaler Außenpolitik hatte sich so in Europa ausgebildet. Sie sollte von da an eine höhere Ebene an Komplexität erreichen und sich nicht mehr allein auf Erbfolgefragen beschränken. Die gestaltende Kraft der Massen der Bevölkerung hieß es von nun an in Innen- und Außenpolitik von den nationalen Oberschichten zu berücksichtigen. Das hinderte jene reichen Herrschaften jedoch nicht daran, nationale Interessen zu ignorieren, wenn es der Zunahme ihres Vermögens diente. Es gibt aber auch Historikerstimmen, die nur von Adelsrevolten sprechen und behaupten, es hätten sich keine Leibeigenen an den Kämpfen im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts in Russland beteiligt. Bekannt geworden ist wenigstens ein Leibeigener, der dabei war: Iwan Issajewitsch Bolotnikow...

Karte

Zeittafel

  Jahr
Ereignisse
1581 Weil viele Bauern von den ruinierten Wirtschaften fliehen, wird das Gesetz über die "verbotenen Jahre" erlassen: das besagt, das Bauern für diese Jahre ihren Herren nicht wechseln dürfen!
In den achtzigen und neunziger Jahren werden "Grundbücher" eingeführt, die die "Rechte" des Grundherren über die auf seinem Besitz lebenden Bauern fixieren.
1597 Boris Godunow erläßt Gesetz zur Bauernverfolgung: nach flüchtigen Bauern, die nach dem Jahr 1592 geflohen waren, hat die Fahndung zu erfolgen! Dieses Gesetz machte auch freie Menschen, die bei ihrem Herrn lebten, ohne das der vorher ein Recht auf sie besaß, feudal abhängig!
1594 und 1595 Bauernrevolten auf den Gütern des Jossif-Wolokolamski-Kloster
1601 bis 1603 Mißernten und Hungersnot in Rußland
Getreidespekulationen der Grundherren und der Kaufleute verschärfen die katastrophale Situation. Menschen verhungern in aller Öffentlichkeit, auch in der Haupstadt.
Ganze Dörfer werden von den Bauern verlassen.
1603 Zentralrußland wird von einem Bauernaufstand erfaßt: der Aufstand Chlopkos.
Der Aufstand war direkte Folge der Hungersnot. Die Bauern rechnen mit ihren Herren ab und schlagen die Strafabteilungen Boris Godunows in die Flucht! Die Aufständischen ziehen in Richtung Hauptstadt, werden aber in der Nähe von Moskau geschlagen. Ein Teil der Überlebenden flieht in die Nordukraine, in der später der Aufstand Bolotnikows ausbrechen wird.
Oktober 1604 Der Falsche Dimitri I. beginnt mit seinen militärischen Operationen in der Ukraine und bewegt sich auf Moskau zu.
April 1605 Plötzlicher Tod des Bojarenzaren Boris Godunow.
20.Juni 1605 Der Falsche Dimitri I. zieht an der Spitze eines polnischen Heeres in Moskau ein.
In den kämpferischen Wirren in der Stadt kommen alle Godunows um's Leben.
21.Juli 1605 Der Falsche Dimitri wird zum Zaren gekrönt als Grigori Otrepjew Dmitri I.
Die Bojaren, die am Sturz der Godunows interessiert waren, beenden ihre Unterstützung für Dimitri und schwenken zur Gegenseite, als der neue Zar kleine und mittlere Dworjanen mit Land belohnt.
7.Januar 1606 Ein Gesetz verschärft die Bestimmungen des Gesetzes von 1597. Die Lage für die Bauern verschlimmert sich!
1.Februar 1606 Ein Gesetz dehnt die Frist der Verfolgung entflohener Bauern auf die Zunkunft (für die Dauer von 5 Jahren) aus!
Damit besteht für die Bauernschaft praktisch keine Rechtmäßigkeit mehr. Diese Leibeigenschaftsgetzgebung wird tragische Folgen für Jahrhunderte in Rußland haben!
1606 Im Interesse der Dworjanen (kleinere und mittlere Grundbesitzer) entzieht der neue Zar den Klöstern Teile ihrer Ländereien und belegt die Kirche mit hohen Geldabgaben. Damit schwenken die Priester ebenfalls auf die Seite seiner Gegner.
2.Mai 1606 Maryna Mniszek, die künftige Zarenbraut trifft mit 2000 bewaffneten Adligen in Moskau ein.
8.Mai 1606 Hochzeit des Zarenpaares. Die Feierlichkeiten arten aus in Plünderungen und Übergriffen gegen die Moskauer Bevölkerung.
17.Mai 1606 Bei einem Aufstand in der Hauptstadt wird der Falsche Dimitri I. getötet.
19.Mai 1606 Der Fürst Wassili Iwanowitsch Schuiski wird von Bojaren zum Zaren ausgerufen.
1.Juni 1606 Schuiski wird zum Zaren gekrönt.
In Moskau verbreiten sich Gerüchte über eine angebliche Rettung des Falschen Dimitri I.
Juni / Juli 1606 Aufstände in Astrachan und in der südwestlichen Ukraine. Ein sogenannter "Zarewitsch" Peter, der sich als Sohn des Zaren Fjodor ausgab, zieht gegen die Truppen Schuiskis.
Juli 1606
Beginn des Bauernaufstandes in der Sewersker Ukraine unter Bolotnikow.
Bauern in der bereits von Godunow zerstörten Gegend erheben sich gegen Schuiski. Mit den Leibeigenen kämpfen Kosaken, Possadbewohner, Strelitzen der Grenzstädte. Der russischen Bauernschaft schlossen sich die unteren Volksschichten der aus vielen Nationalitäten bestehenden Bevölkerung des mittleren Wolgagebietes an: der Mordwinen, der Tataren, der Mari und der Tschuwaschen.

Handelnde Personen / Namensverzeichnis

Iwan Issajewitsch Bolotnikow Anführer des bedeutenden Bauernaufstandes in Rußland und der Ukraine gegen die Leibeigenschaft.
Ehemaliger Kriegscholop des Fürsten Teltjatewski, floh zu den Kosaken in die freie Steppe und geriet dort bei Kämpfen gegen die Tataren in Gefangenschaft. Als Galeerensklave in der Türkei verkauft, konnte er sich bei einer Seeschlacht der Türken gegen Venedig befreien und reiste über Deutschland nach Polen. Er schloß sich der Aufstandsbewegung in der Sewersker Ukraine an und bewies sich als begabter und tapferer Heerführer im Bauernkrieg.
Chlopko Über den Anführer des Bauernaufstandes von 1603 ist nur sehr wenig bekannt. Der Aufstand Chlopkos entwickelte sich infolge der Hungersnot und erfaßte Zentralrußland. In einer Schlacht bei Moskau wurden die Aufständischen geschlagen.
Wassili Iwanowitsch Schuiski Zar (von 1606-1610) Wasili IV. (1552 - 1612). Parteigänger der Bojaren gegen Godunow, zeitweise auf Seiten des Falschen Dimitri I. Mit schwedischer Hilfe gelang es ihm, sich mehrere Jahre auf dem Thron zu halten. Durch Verrat konnten die Aufständischen Bolotnikows vor Moskau geschlagen werden. Später ließ er erfolgreich den Falschen Dimitri II. vertreiben, wurde aber 1610 gestürzt, als Mönch ins Tschudow-Kloster verbannt und ist später in Masowien als Gefangener in polnischer Haft auf der Burg Gostynin gestorben.
Maryna Mniszek auch: Mniszech (um 1588 - um 1614); Tochter des hohen polnischen Adligen. Die schöne Katholikin wurde vom Erzbischof von Rjasan zur Zarin gekrönt.
Ihr erster Gatte, Zar Grigori Otrepjew Dmitri I., wurde während der "Zarenhochzeit" getötet. Sie erkannte auch den zweiten falschen Dimitri als Zaren an und heiratete ihn.
Grigori Otrepjew Dmitri I. der Falsche Dimitri I. , auch: der Falsche Demetrius I.
Boris Fjodorowitsch Godunow (1552-13.4.1605), Zar Boris I. ab 1598, setzte sich in Intrigenkämpfen gegen die Moskauer Bojaren durch. Ging als Günstling Iwan IV. und ehem. Opritschnik aus dem Dienstadel hervor und war somit Gegener des Uradels. Heiratete die Tochter eines Metropolitenmörders. Godunow wird der ungeklärte Tod des jüngsten Sohnes Iwan IV. (1591) angelastet. Versuchte die Massenflucht der Bauern per drakonischer Gesetzgebung zu verhindern. Militärische Interventionen Polens und Schwedens, Machtkämpfe mit dem Hochadel, Massenhungersnot und Bauernkriege sind mit seiner Amtszeit verknüpft. Er starb plötzlich und unerwartet 1605.
Grigori Otrepjew (siehe: der Falsche Dimitri I.); entflohener Mönch, Abenteurer
"Zarewitsch" Peter gab sich als Sohn des Zaren Fjodor aus, zog gegen die Truppen Schuiskis.
Quellenangaben / Bildnachweise / Links
Geoffrey Hosking
Russland
Nation und Imperium 1552 - 1917
Siedler Verlag Berlin 2000
S.91
 
Lehrbuch für den Geschichtsunterricht
Volk und Wissen Volkseigener Verlag
Berlin 1952
S.383
 
Erich Donnert
Alt-Russisches Kultur-Lexikon
VEB Bibliographisches Institut
Leipzig 1985
 
Lothar Rühl
Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches
Der Weg eines tausendjährigen Staates
Deutsche Verlags-Anstalt Stuttgar 1992
ISBN 3-421-06534-9
 
Heiko Haumann
Geschichte Russlands
Piper München Zürich 1996
ISBN 3-492-03192-7
Friedrich Schiller
Demetrius
in: Friedrich Schiller, Werke in vier Bänden
Band 4 Dramen und Unterhaltungsschriften
Xenos Verlagsgesellschaft Hamburg 1986
Link dazu: Demetrius
Weltgeschichte in zehn Bänden Band 4
Redaktion: J.M.Shukow, M.M.Smirin u.a.
VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften
Berlin 1964 S. 579 ff
 
Link zu :
Iwan Issajewitsch Bolotnikow
in Wikipedia
Link zu:
Chlopko
google Buchsuche

Kirill V. Cistov, Dagmar Burkhart, Gesine Damijan
Der gute Zar und das Ferne Land
Russische sozial-utopische Volkslegenden des 17.-19. Jahrhunderts
Waxmann Verlag 1998
ISBN 3893255567, 9783893255566
Link zu:
Vasily Shuisky
(Bojarenzar 1606 - 1610)

italienisch

englisch

www.bauernkriege.de



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Notizen russische Bauernkriege / begonnen: 27.November 2007 / letzte Änderung: 29. Dezember 2016 / Hans H. Lorenz / WB-To III