Der Bauernkrieg unter Jemeljan Pugatschow

Größter Bauernkrieg der russischen Geschichte
1773 - 1775

Vergleicht man die von den Aufständen Bulawins (1707/1708) und Pugatschows betroffenen Gebiete, so kann man eine deutliche Verlagerung der Kämpfe nach Südosten erkennen. Das legt die Vermutung nahe, das die sozialen Spannungen, die mit der Ausbreitung der Leibeigenschaft einhergingen, sich mit der räumlichen Machtausdehnung zaristischer Gewalt deckten.

Tatsächlich wurden unter Katharina II. die Rechte der Adligen erheblich erweitert und die Leibeigenschaft ausgedehnt. Leibeigene konnten wie Sklaven verkauft werden! Die geborene Prinzessin von Anhalt-Zerbst erlaubte den Herrschaften , eigenmächtig Bauern zu deportieren und getrennt von deren Familien zu verpfänden oder gar zu versteigern! Für ein leibeigenes Bauernmädchen zahlte man zehn Rubel, dagegen für Windhunde hunderte und tausende Rubel! In Zeitungen wurden Leibeigene neben Pferden, Schweinen und Schafen angeboten...! Die Projekte der jungen Kaiserin für eine "Milderung der Leibeigenschaft" blieben Makulatur.
Es kam daher während der gesamten Hälfte des 18.Jahrhunderts permanent zu Bauernunruhen in Rußland.
Der Bedarf nach neuzeitlichen Sklaven wuchs mit den ungeheuren Ansprüchen der Herrschaften, die sich mehr und mehr der Ländereien entlang und jenseits der Wolga per Dekret bemächtigten. Die zaristische Regierung hatte es insbesondere auf die Freiheit der Ural-Kosaken abgesehen. Dort ansässige freie Bauern sollten zu neuen Leibeigenen gemacht werden. Flankierende Maßnahmen bildeten :
- die Volkszählung !
- eine Landvermessung !
- die Abgabeerhöhung durch die neuen Herren ("obrok"=Zins in Geld-oder Naturalform) !
- und schließlich die Zwangsrekrutierung in die zaristische Armee ab 1769 !


Mit ihrer größten Erhebung warteten die Bauern bis 1773. Seit der Entthronung Peters III. (1762) hielten sich hartnäckig die Gerüchte über Bauernbefreiungen. Dieser nur Monate amtierende schwächelnde Zar hatte duchaus beabsichtigt solche Hoffnungen genährt und einige Verordnungen erlassen, die sich bemerkenswert lesen lassen im Zusammenhang mit den folgenden Ereignissen:

  - Säkularisierung der Kirchengüter und Erhebung der betreffenden Leibeigenen in den Status von Staatsbauern;
  - Verbot des Verkaus von Leibeigenen an Nichtadlige;
  - Verbot des Verkaufs von Leibeigene an Bergwerke und Fabriken;
  - Begnadigung von Altgläubigen und religiösen schismatiker,
  - der Adel wurde vom Staatsdienst "befreit" u.a.

Diese Maßnahmen werden eine Rolle spielen bei der sofortigen hohen Akzeptanz, die die Bauern Pugatschov entgegenbrachten, als er behauptete, er sei der abgesetzte Zar Peter!

Jemeljan Pugatschow (1726 - 1775)

Seiner Herkunft nach soll dieser Bauernführer Donkosak gewesen sein, der am Siebenjährigen Krieg teilgenommen hatte. Andere beschreiben ihn als einfachen Bauern, der sich als Zar Peter III. ausgab. So unüblich war das bei den vielen Bauernunruhen nicht, und mit jedem seiner Dekrete stieg seine Glaubhaftigkeit unter Leibeigenen und Bauern!
Besonders interessant ist seine Weiterführung der halbherzigen Dekrete aus der Hauptstadt von 1761/62: die tatsächliche Befreiung aller Leibeigenen, die Abschaffung der Wehrpflicht, die Abgabenaufhebung, und schließlich am allerwichtigsten: die Bodenvergabe an die Bauern!

Zitat aus dem Manifest Pugatschows vom 31.Juli 1774:
"Durch Gottes Gnade erkennen Wir, PeterIII., Kaiser und Selbstherrscher aller russischen Länder,... mit diesem Ukas in königlicher und väterlicher Güte alle, die vormals Bauern und Untertanen der Gutsbesitzer waren, als wahre und getreue Diener unseres Throns an, belohnen sie mit alten Kreuz und Gebet, mit bärtigem Kopf, mit Recht und Freiheit und ewigem Kosakentum, verlangen weder Rekrutenwerbung noch Kopfsteuer, noch andere Geldabgaben und verleihen ihnen das Besitzrecht am Boden, an Wäldern, Heuwiesen und Fischgründen, ohne Kauf und Abgaben in Form von Geld oder Naturalien, und befreien die Bauern und alle Leute von Steuern und Lasten, die vorher von verruchten Adligen und gedungenen städtischen Richtern auferlegt wurden."

Das war eben der Erlaß, den sich Bauern und Kosaken, Leibeigene und Stadtarmut lange erhofft und ersehnt hatten. Man darf nicht vergessen, das viele seiner Gefolgsleute wenn nicht selber geflüchtete Untertanen so zumindest deren Nachfahren waren, die es durchaus auf ein Gefecht um ihre persönliche Freiheit ankommen ließen. Außerdem war der Wunsch nach Abrechnung sehr groß! Arbeiter aus den Waffenfabriken schlossen sich den Bauern an. Vierzig Prozent seiner Gefolgsleute waren Tataren und Baschkiren, die mit darauf hofften, das zaristische und christliche Joch abzuschütteln.
Nur so konnte sich der Aufstand über das ganze Gebiet an der Wolga, im Ural und in Teilen Sibiriens verbreiten.
Pugatschow konnte an der einfachen Logik der Bauern anknüpfen: "wenn aus Moskau eine schlechte Politik kam , dann konnte dort unmöglich der richtige Zar sitzen! Außerdem war die jetzige Herrscherin aus Deutschland gewiß nicht zur altgläubigen russischen Kirche zu zählen! Also war der glaubwürdigere Zar Pugatschow. Von einem richtigen Zaren kommen die richtigen Dekrete, solche, die einem etwas nützen!" Pugatschows Propaganda ging noch viel weiter: "bürokratische und fremdländische Einflüsse hätten den seinerzeit von Peter dem Großen geschaffenen einfachen Staat gewissermaßen verfälscht". Das klang durchaus glaubwürdig - und ganz so falsch war es nicht! Und schließlich schuf Pugatschow für sich selbst eine Art Kriegskollegium nach dem Muster Peters I.

Pugatschow gewann mit dieser Politik so großen Einfluß. Bereits in der Nähe seines Heeres flammten neue örtliche Erhebungen auf! Die Dörfer empfingen seine Getreuen mit Brot und Salz. Oft genügten Emissäre um bereits Grundherren, Beamte und Steuereintreiber in die Flucht zu jagen. Nur deren Besitz wurde beschlagnahmt und nur deren Güter waren zur Plünderung freigegeben.

Pugatschhow nahhm Kasan und Saratow ein. Bei der Belagerung von Orenburg verfügte er über 10 000 Mann. Es drängte seine Leute in Richtung Moskau. Aber gegen das eintreffende Heer der Zarin bot sich kaum eine Chance. Deren Soldaten waren keine Bauern mehr, mit denen kam es zu keiner Verbrüderung. Schließlich drängten die Truppen Katharinas II. die Abteilungen der Aufständischen Wolga-abwärts. Auch hier ging Pugatschows Rechnung nicht in allem auf. Die erhoffte Unterstützung der Don-Kosaken blieb aus. Jene hatten ihre Kräfte bereits in vorausgegangenen Aufständen zu früh erschöpft.
Pugatschow mußte bei Zarizy die Flucht ergreifen. Nach etwa dreihundert Kilometern Flucht wurde er am 19.7. 1774 gefangen genommen, in Ketten gelegt und in einem hölzernen Käfig nach Moskau gebracht. Dort wurde er hingerichtet.

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Die vier großen Bauernkriege zwischen 1600 bis 1800 in Rußland:          I. Erster großer Bauernaufstand in der Geschichte Rußlands unter Bolotnikow 1606 - 1607          II. Bauernaufstand im Don- Ural- und Wolgagebiet unter Stepan Rasin 1667 - 1671          III. Bauernaufstand im Dongebiet unter Bulawin 1707 - 1708          IV. Größter Bauernkrieg der russischen Geschichte unter Jemeljan Pugatschow 1773 - 1775



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Notizen zu russischen Bauernkriegen / begonnen: 27.November 2007 / Stand: 10.März 2008 / Hans Holger Lorenz / HLorenz500@aol.com