Die Rebellion der Regulatoren
Regulator Rebellion 1768 - 1771

»Zeigt Euch als freie Männer«  (Hermon Husband 1769)


I. Textteil      II. Zeittabelle      III. Zeitgenossen      IV. Anhang    

Gab es in Nordamerika keine Bauernaufstände? Die Wortwahl auf der Suche in der geschriebenen Geschichte ist dabei nicht unwichtig, beispielsweise Bauer oder Farmer. Welcher Unterschied besteht zwischen einem Bauern und einem Farmer hinsichtlich ihrer Arbeit?
Es gibt Stimmen, die dem deutschen Wort »Bauer« einen degradierenden Wortsinn zuordnen.[F1] Es soll in moderner Zeit sogar Empfehlungen geben, besser das Wort Farmer zu benutzen, denn Bauer klinge so abwertend. Opportunisten der Wortwahl entscheiden sich für den Begriff Landwirt. Wie alt mögen die verbalen Vorbehalte sein? Einst schuf ein → Albrecht Dürer vor fünfhundert Jahren seine berühmte Darstellung von selbstbewußten Bauern auch aus Protest gegen die Abwertung dieses Standes. Er war Zeitgenosse einer großartigen Erhebung gegen die Feudalherrschaft. Im gleichen Jahr, nämlich 1525 betraten die ersten europäischen Siedler 7000 km weiter westlich eine Region, die man heute North Carolina nennt. Da gehörte das Land noch den Cherokee und Tuscarora, den Muskogee und Cheraw und vielen anderen Indianervölkern. Noch zweihundert Jahre später nannte sich diese Gegend Provinz Carolina und zählte als Kolonie zum britischen Imperium.

In der Mitte des 18. Jahrhunderts bildeten sich soziale Spannungen unter den Bewohnern dieser Kolonie deutlicher heraus. Direkt vor dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg (1775-1783) agierten in North Carolina kämpferische Bauernbewegungen, denen die Historiker weniger Aufmerksamkeit schenken. [F2] Dagegen sind die ländlichen Proteste der Farmer nach dem Sieg der amerikanischen Revolution etwas bekannter. Aber diese späteren Kämpfe sind gekennzeichnet von jenen gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich bereits seit 1760 in der Rebellion der Regulatoren andeuteten.

Nach North Carolina zog es verschiedene Besiedlergruppen. Ein Teil der neuen Bevölkerung wanderte aus Pennsylvania hier her. Eine andere Gruppe bildeten Migranten aus Nordwesteuropa. Alles Menschen, die die Arbeit kannten, als Landwirte oder als Handwerker. Sie hofften, auf dem neuen fruchtbaren Land ihre bescheidene soziale Existenz sichern zu können, indem sie ihre kleinen Familienfarmen hier gründeten.
Im Unterschied zu späteren sozialen Auseinandersetzungen fühlten sich die Bewohner noch als englische Staatsbürger in einer britischen Kolonie. Damit sind auch ihre ersten Versuche zu erklären, mit Hilfe von Gerichtsanrufen ihre Interessen verteidigen zu wollen.
Aber in das Erfolg versprechende North Carolina zog es auch andere Leute, die sich erheblich von den arbeitsamen Siedlern unterschieden, beispielsweise ein gewisser Earl of Granville, der sich sicher glaubte, die gesamte nördliche Hälfte der Kolonie von seiner Mutter geerbt zu haben. So gesellten sich hemmungslose Bodenspekulanten, korrupte Politiker und abgehalfterte Kolonialbeamte zusammen und bildeten die Gegenseite in einer sich zuspitzenden sozialen Konfrontation in den neu besiedelten Landschaften.

In den 1760er Jahren organisierten sich mächtige Bewegungen weißer Bauern gegen die neuen Wohlhabenden. Auf dem Land bestimmten merkwürdige Sozialprobleme das Geschehen. Anders in den Städten. Hier verdrängte antikoloniale Propaganda die aktuell gewordenen Spannungen zwischen Arm und Neu-Reich. Der Kampf richtete sich vorrangig gegen die britischen Kolonialpolitik. Handwerker und Arbeiter hofften auf den sozialen Aufstieg und fürchteten mehr die Konkurrenzprodukte aus den englischen Manufakturen des Mutterlandes. Händler wurden schnell reich, weil sie die landwirtschaftlichen Produkte billig aufkauften, die zahlenmäßig begrenzten über den Atlantik geschifften Fertigwaren jedoch zu hohen Monopolpreisen den Farmern anboten. Den bereits entstandene Kern der Mittelklasse ängstigten mehr die vielen Landlosen, die das Elend nach dem französischen Krieg [F3] zwang in die Städte zu ziehen. Die Autorität der Kolonialbeamten dagegen schwand.
Die Farmer auf dem Land litten unter doppelter Last, gezwungen ihre Produkte billig zu verkaufen behinderten hohe englischen Zölle den ihren Export ins Mutterland. Die geringen Einnahmen gestatteten nur wenig technische und finanzielle Akkumulation. Anders als in den Städten versuchten die Bauern daher ihre örtlichen Regierungen zu demokratisieren, weil sie erkannten und nicht zu Unrecht befürchteten, das sich Neu-Reichtum und politische Macht gesellschaftsfeindlich miteinander verbanden. Das neue kombinierte Zusammenwirken von Beamten, Händlern und Anwälten war offensichtlich nur auf kurzfristige Reichtumsanhäufung ausgerichtet und stand nachhaltiger landwirtschaftlicher Produktion entgegen. In diesen Jahren mußten Farmer aus Bargeldmangel (es herrschte ein Mangel an Silbermünzen) Teile ihres neu bearbeiteten Bodens hergeben, um ihre Schulden begleichen zu können. Tatsächlich häuften sich Fälle, bei denen kleine Bauern von ihrem gesamten eigenen Boden vertrieben worden waren weil sie über keine finaziellen Mittel verfügten, sich juristisch zu verteidigen. Gleichzeitig belastete das Steuersystem besonders die Höfe mit geringer Ausstattung. Die Gesetze begünstigten einerseits die neue einheimische Oberschicht. Andererseits hemmten die von den britischen Kolonialbehörden erhobenen Abgaben jegliche Akkumulation und konterkarierten jegliche harte disziplinierte Arbeit der Siedler.
Die daraus resultierenden Forderungen zielten darauf ab, die Dinge neu zu regulieren. Man wollte Gesetze zur Herabsetzung der Pachtauflagen und eine Kürzung der Beamtengehälter. Mehr Bauern sollten in die Selbstverwaltungen der Kolonie gewählt werden können.

Die soziale Lage der sich Regulatoren nennenden Farmer war nicht vergleichbar mit der der Sklaven, Dienstboten oder lohnabhängigen Städter. Es waren vorrangig von Schulden bedrängte Bauern, Landbesetzer und kleine Bodenbesitzer sowie Pächter. Sie organisierten sich zuerst um 1766, um den Maßnahmen der Steuereintreibung zu begegnen. Sollten schließlich Beschlagnahmungen vollzogen werden, vertrieben sie gewaltsam die Beamten. Schließlich gelangten die Revolten zu Größenordnungen von siebenhundert Bewaffneten in Orange County, die die Freilassung von Anführern erzwangen. 1768 richteten sie Bittgesuche an die Regierung, die ungleichen Chancen zwischen Arm und Reich besser auszugleichen. In großen Gruppen drangen sie in Gerichtsverhandlungen ein, zuweilen wählten sie neue Räte, weil ihnen zuviel Anwälte und Beamte anstelle von sachkundigen Bauern das Sagen hätten. In Hillsborough prügelten sie 1770 drei Juristen und mehrere Händler aus dem Gericht und demolierten anschließend deren Läden. Entsprechend reagierte die Regierung anschließend mit sanften Reformen und gleichzeitiger Vorbereitung der militärischen Niederschlagung der Bauern. Im Mai 1777 war es dann soweit als sich mehrere tausend bewaffnete Regulatoren sammelten. Die herangeführte Arme setzte in der Schlacht von Alamance Kanonen ein. Nach der Niederlage der Aufständischen wurden sechs Anführer hingerichtet. Damit ging die North Carolina Regulation zu Ende. In den Bezirken Orange, Anson und Rowan war sie am stärksten und fand die Unterstützung von tausenden Bewohnern. Viele der Regulatorenanhänger zogen weiter westwärts nach Tennessee.

Die Historiker, wenn sie sich überhaupt damit beschäftigen, werten die Aufstandsbewegung der Regulatoren, die sieben Jahre andauerte sehr unterschiedlich. In der amerikanischen Geschichte hat der Unabhängigkeitskrieg selbstredend vorrang. Einige ordnen die Regulatorenrebellion daher als dessen erste Aktionen ein. Aber die Siedler kämpften nicht gegen den König und das Mutterland sondern gegen Mißbrauch in den öffentlichen Ämtern, gegen juristische Machenschaften und Wucher der Händler. Sie wollten als eigentliches Ziel demokratische Verhältnisse in den regionalen Einrichtungen und volksnahe sachkundige Behörden. Farmer, also Bauern blieben in der Regierung und in den Instanzen nicht nur unterrepräsentiert sondern waren überhaupt nicht vertreten. Wenn das kein Grund ist, zu revoltieren, welcher dann?


F1   Das gilt auch in der englischen Sprache, wie Übersetzungszuordnungen erkennen lassen:
      • peasant   ≈   Bauer, Landwirt, Banause, Schlot, Primitivling
      • farmer    ≈   Farmer, Bauer, Landwirt, Pächter, Ackerbauer, Gutsherr
      • bumpkin  ≈  Trampel, Bauer
       Fleißige Bauern sind übrigens Hardworking farmers.

[F2] Marjoleine Kars weist in ihrer Arbeit Breaking Loose Together: The Regulator Rebellion in Pre-Revolutionary North Carolina darauf hin, das die Rebellion der Regulatoren gewissermaßen ein Art Vorläufer u.a. der Rebellion des Daniel Shays darstellt und das Muster sozialer Bauernrebellionen erfüllt.

[F3] Auch hier wird die Wortwahl in der modernen Geschichtsschreibung deutlich. Aus dem französischen Krieg wurde in der amerikanischen Geschichtsschreibung  French and Indian War, in der britischen Literatur der  Great War for the Empire  und in der französischen und kanadischen Historie der  Guerre de la Conquête. Die Historienschreiber umgehen dabei vorsichtig die Tatsache, das der Krieg nicht nur in Nordamerika sondern auch in Mitteleuropa, in Portugal, auf dem indischen Subkontinent, in der Karibik sowie auf den Weltmeeren geführt wurde in den Jahre 1754 bis 1763. Damit ist auch die deutsche Bezeichnung Siebenjährigen Krieg falsch. Vermutlich wäre sogar der Begriff  I. Weltkrieg  zutreffender und ehrlicher.









II. Zeittafel

  Jahr
Ereignisse
1763 In Pennsylvania weigern sich die Farmer in den Grenzbezirken, den Nachkommen des Koloniegründers Wiliam Penn Pacht zahlen zu müssen. Sie marschieren nach Philadelphia und fordern mehr politische Rechte ein. Der Konflikt löst sich dadurch, das viele Bauern weiter nach Westen ziehen oder sich in der Provinz Carolina ansiedeln.
1766 In New York findet eine Gerichtsverhandlung gegen einen Farmerrebellen statt. Der sagt aus, das Bauern mit gleichem Rechtsanspruch von ihrem Land vertrieben worden waren, weil sie sich juristisch nicht verteidigen konnten. Für die notwendigen Mittel dafür waren sie zu arm.
1768 Regulatoren reichen Beschwerden an die Regierung ein, die ungerechtes Vorgehen der Richter und Schuldeintreiber eindämmen soll.
1770 In Hillsborough verjagen die Regulatoren Juristen und mehrere Händler aus dem Gericht und demolierten anschließend deren Läden.
1771 16. Mai: Schlacht von Alamance.
Tausende Bewaffnete Bauern stehen der Armee gegenüber (schwankende Zahlenangaben). Auf Befehl des königlichen Gouverneurs Tryon werden Kanonen eingesetzt. Nach der Niederlage der Regulatoren werden sieben Anführer in Hillsborough hingerichtet. Weitere Gefangene wurden von König Georg III. begnadigt. Mit der Niederlage endigt die Regulatorenbewegung.
Ähnliche sozialen Ursachen bewirken sechzehn Jahre später den ⇒ Aufstand des Daniel Shays in Massachusetts.
1775 Mit den Gefechten von Lexington und Concord beginnt am 19. April der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg.
1780 März: Der Kongress wertet die zirkulierenden 200 Millionen Dollar Papiergeld zum Münzgeld im Verhältnis von 40 zu 1 ab.[1 S. 44]
1781 April: Der Wert des Papiergeldes zum Münzgeld sank auf Verhältnis von 146 zu 1 ab. Münzgeld ist äußerst knapp!
Für die Transaktionen des Kongresses wird die Bank of North-America in Form einer privaten Handelsbank gegründet. [1 S. 44]
1783 In Versailles (Frankreich) werden die Friedensverträge unterzeichnet und die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten anerkannt.
Die erste grosse Depression (1783-88) der amerikanischen Nationalwirtschaft beginnt.
[1 S. 45]



III. Namensverzeichnis

Hermon Husband

(1724-1795)

[auch: Herman H., Harmon H.] Bauer, Quäker-Prediger. Wurde zweimal in die Versammlung von North Carolina gewählt. Stand über den Kaufmann John Willcox in brieflicher Verbindung mit Benjamin Franklin. Wurde verhaftet, weil er gegen die korrupten Praktiken der habgierigen Beamten predigte. Von Landwirten, die sich Regulatoren nannten, befreit, galt er als Sprecher ihres Widerstandes. Vor der Schlacht von Alamance versuchte er aus Quäkerprinzip vergeblich zu vermitteln, doch Gouverneur Tryon ließ die Kanonen sprechen. Flucht in die Glades von Pennsylvania. In Schriften forderte er Steuerprogression, Papiergeld und verstärkte Beteiligung der arbeitenden Menschen an der Regierung. Während der sog. Whisky-Rebellion (1794), die gegen die Steuererhebungen des Finanzministers (Alexander Hamilton) gerichtet waren, geriet er in Gefangenschaft und bekam das Todesurteil. Freunde setzten seine Freilassung durch. Husband starb 1795 an Lungenentzündung.
(über Hermon Husband wurde 1983 eine Dissertation [Jones] verfasst - prüfen!)

James Few
(?-1771)
Ein Anführer der Regulatoren, nach der Schlacht von Alamance hingerichtet.
Benjamin Merrell
(?-1771)
Ein Anführer der Regulatoren, nach der Schlacht von Alamance hingerichtet.
James Pugh
(?-1771)
Ein Anführer der Regulatoren, nach der Schlacht von Alamance hingerichtet.
Robert Matear
(?-1771)
Ein Anführer der Regulatoren, nach der Schlacht von Alamance hingerichtet.
Robert Messer
(?-1771)
Captain genannt, ein Anführer der Regulatoren, nach der Schlacht von Alamance hingerichtet.
William Tryon
(1729-1788)
Gouverneur der Kolonie Carolina. Schlug den Aufstand der Regulatoren nieder. Gelangte über Heirat an ein Vermögen von 30 000 £. Der Vater der Braut war der Gouverneur der berüchtigten ⇒ Britischen Ostindien Companie.
John Adams
(1735-1826)
Sohn eines Farmers. Einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und deren 2. Präsident 1797-1801.







IV. Links, Literatur, Quellen, Hinweise

Nr.
Erläuterung
[1] Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, Hamburg 2013
Originalausgabe 1980 A People's History og the United States
[2] Howard Zinn, Eine Geschichte des amerikanischen Volkes, Berlin 2007,
ISBN 978-3-937623-50-4
LHW Marvin L. Michael Kay (1927-2014), US-amerikanischer Historiker
nach [1 S.69] Spezialist für die Geschichte der Regulatoren-Bewegung.
Literaturhinweis Marvin L. Michael Kay, The North Carolina Regulation,
17661776: A Class Conflict

Toledo Archives M.L. Michael Kay Papers, 1955-2000
LHW Marjoleine Kars, Breaking Loose Together: The Regulator Rebellion in Pre-Revolutionary North Carolina (Chapel Hill: University of North Carolina Press, 2002)
Das ungezügelte Streben nach Reichtum und die Inkompetenz der Kolonialbeamten brachten im North Carolina-Backcountry eine explosive Atmosphäre hervor, die die englische Atlantikwelt in den mittleren Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts umhüllte. Die Bedürfnisse der neuen Siedler wurden von den einheimischen Politikern und den Übersee-Eliten ignoriert, korrupten Beamten und Schuldeneintreibern freien Lauf gelassen. Die englischen Staatsbürger in einer britischen Kolonie forderten angetrieben von der unzweifelhaften Gerechtigkeitslehre der evangelischen Religion Gerechtigkeit von den Gerichten, die sie aber nicht bekamen. Die überraschend effektive Guerilla-Kampagne der Regulatoren endete in der Schlacht von Alamace tragisch und in dem ihre Führungspersönlichkeiten sofort nach kurzen und vorhersagbaren Verhandlungen getötet wurden. Die Regulatoren-Rebellion ist ein erstes paradigmatisches Beispiel für die Verteidigung einer ländlichen Lebensweise unter hoher Achtung der Arbeit auf Familienfarmen.
Link Richard M. Ketchum (1923-2012), US-amerik. Historiker, arbeitete für die ⇒ United States Information Agency, ordnet den Aufstand der Regulatoren dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg zu.





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Notizen Bauernkriege Regulator Rebellion / Stand: 26.07.2017 / Hans Holger Lorenz