Im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges
Notizen zum Vorabend des Dreißigjährigen Krieges

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Aus den Realitäten im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges, so vielseitig sie sein mögen, stechen einige besonders bestimmende Merkmale hervor:

    •  die gegensätzlichen Religionsrichtungen,
    •  die politische Ausschaltung des Gemeinen Mannes,
    •  die andauernden Kämpfe am Rande deutscher Territorien und schließlich
    •  die ungewissen Rechts- und Besitzverhältnisse.


Gegensätzliche Religionsrichtungen
So wahr es ist, das sich die gegensätzlichen Richtungen im römischen Christentum, einerseits der Katholizismus und andererseits der Protestantismus auf den selben Gott beriefen, so hart zeigte sich auch ihr damaliger unversöhnliche Gegensatz. Der manifestierte sich geradezu breitenwirksam in den ersten Pressemedien dieser Zeit. Mit der Drucktechnik entstanden zugleich jene Möglichkeiten, politische Bestrebungen in Pamphleten einer breiten Bevölkerung zur Kenntnis zu bringen. Vor allem in den Städten Augsburg, Frankfurt a.M., Leipzig, Hamburg und sogar Berlin wurden die Drucke (Vorformen der Zeitungen) mit protestantischen Inhalten herausgegeben. Dagegen trugen die Blätter beispielsweise aus Köln und München katholischen Charakter. Auf beiden Seiten entwickelten sich erste Vorbilder für die späteren Hetzpressen. In der Geschichtsschreibung wurde besonders der vom protestantischen Postmeister Johann von der Birghden [1] im Jahr 1617 gegründete Aviso bekannt für seine tendentielle Berichterstattung. Man könnte die Drucke dieser Zeit als die Ur-Muster für alle späteren Entwicklungen der Medien bezeichnen.[2]
Die Zersplitterung der religiösen Bekenntnisse in den deutschen Landen ließen sich leicht für militante Feindseligkeiten ausnutzen und es gelang, breite Bevölkerungsschichten in kriegerische Auseinandersetzungen hinein zu treiben. Mit kleineren Demonstrationen und gegenseitigen Anwürfen begannen oft die Streitigkeiten, die sich immer weiter in den verschiedenen Städten und Gemeinden ausweiteten. 1606 arteten die Differenzen schließlich zum sogenannten Kreuz- und Fahnengefecht aus, dem ersten Höhepunkt gewaltsamer Tätlichkeiten. Während einer kirchlichen Prozession kam es zu den bewaffneten Zusammenstößen zwischen Protestanten und Katholiken in Donauwörth.

Spottbild auf den Streit der Theologen innerhalb der Kirche  (16. Jahrhundert)

Spottbild auf den Streit der Theologen innerhalb der Kirche
(16. Jahrhundert)(L2)



Die politische Ausschaltung des Gemeinen Mannes
Eine sehr wesentliche Grundbedingung der Religionskriege stellte die Ausschaltung jener Bevölkerungsgruppe aus der politischen Sphäre dar, die sich lebenslang mit der Produktion der Lebensmittel befaßte. Der letzte große Bauernaufstand wurde 1597 niedergeschlagen. Bauern verloren jeden entscheidenen Einfluß, schlimmer noch, die bäurische Arbeit wurden von allen übrigen Schichten mit größter Verachtung betrachtet, schließlich galt Arbeit insgesamt sogar als eine Art Strafe. In äußerst wenigen historischen Darstellungen findet man die bemerkenswerte Tatsache jener Jahrzehnte aufgezeichnet, das nach 1525 praktisch die größte Bevölkerungsgruppe (und die produktiv entscheidende) aus der Mitgestaltung der gesellschaftlichen Entwicklung faktisch ausschied.
Im Gegensatz dazu erfuhr beispielsweise der Stand des Söldners eine neue Qualität. Die Monetisierung der Gesellschaft fand auch ihren Ausdruck darin, das die Bezahlungen für Leistungen immer differenzierter erfolgten. So stand die Fach-Leistung eines Söldners weitaus höher als die eines Bauern, die eines hohen Prälaten selbstverständlich noch höher als die eines Söldners u.s.w. Eine der schlimmsten Folgen dieser Entwicklungen war, das viele Bauernburschen versuchten aus der Armut ihrer Klasse zu entkommen, indem sie sich als Söldner, egal für welchen Geldgeber, verdingten. Berüchtigtes historisches Beispiel lieferten die hochgeachteten Schweizer Söldner. Eine wesentliche Grundlage andauernder Kriege war somit gegeben.


Fortwährende Kämpfe am Rande der deutschen Territorien
Zu den Kämpfen in umgrenzenden Gebieten der deutschen Fürstentümer zählten ganz entscheidend die Freiheitskriege der Niederlande gegen die spanische Fremdherrschaft. In Europa jener Jahrzehnte standen sich besonders zwei Mächtegruppierungen gegenüber. Auf der einen Seite sammelte sich das spanisch-habsburgisch-katholische Lager. Auf der anderen formierten sich neue bürgerliche Kräfte an der Seite der Generalstaaten, denen sich zuweilen die deutschen protestantischen Fürsten je nach aktueller Interessenlage in verschiedenster Form verbunden fühlten. Mit den harten Unterdrückungsmaßnahmen der spanischen Besatzung entstanden zugleich große Emigrantenbewegungen in Richtung der deutschen Lande, die dort angekommen selbstverständlich die protestantischen Bewegungen unterstützten.


Ungewisse Rechts- und Besitzverhältnisse
Zu den Folgen der langfristigen Auswirkungen der Preisrevolution zählte der Niedergang einzelner Gewerbezweige und die dramatische Schwächung der Finanzkraft vieler Städte. Mit den auswuchernden sogenannten Finanzkrisen erstarkten die Proteste einer Opposition, die sich gegen die herrschenden Patrizier richtete. Die Stadtarmut warf den Obrigkeiten oft nicht zu Unrecht Mißwirtschaft und Veruntreuung von Stadtgeldern vor.
Anlässe für Unruhen in den Städten boten parallel dazu die religiösen Zwistigkeiten zwischen Protestanten und Katholiken, zwischen Calvinisten und Lutheranern u.s.w. Beispiele dafür zeigten sich besonders gravierend in Emden (1594-1595), in Aachen (1593-1598 u. 1612-1614), in Lemgo (1609), in Frankfurt a.M. (1614-1615) und in den Städten Hessens und Kurbrandenburgs. Es blieb nicht nur bei Demonstrationen und Kundgebungen. Zuweilen waren Einwanderer, aus religiösen Gründen ihrer Heimat entflohen, involviert. Es kam in den verschiedensten deutschen Landen zu Enteignungen und Vertreibungen der oppositionellen Bürger. Mit der Zeit wurden Verhaftungen, Folter und öffentliche Hinrichtungen zur Regel.
Mehr und mehr versuchten die jeweiligen Fürsten die Städte härter unter ihre Kontrolle zu bringen. Den protestantischen Fürsten gelang es in den sechzig Jahren nach dem Augsburger Religionsfrieden über hundert Gebiete, Bistümer und Klöster in ihren Besitz zu bringen. Die katholischen Herren forcierten ihre Gegenreformation in den 1570er Jahren, ihre langfristig gedachten Anstrengungen beim Aufbau der Gesellschaft Jesu kamen zum Tragen. Die friedlichen Generationen beider Seiten, die noch 1555 paktierten, machte auf natürliche Weise den jungen Kräften Platz, die ihre jeweiligen Scharfmacher in Position brachten. Das immer weiter aufgestauchte Konfliktpotential entwickelte seine eigene Dynamik. Aus einstiger juristischer und theologischer Rabulistik, oft gepaart mit Heuchelei und trügerischen Toleranzbekundungen wurden doppelbödige Erpressungen und Scheinangebote, von denen klar war, das sie für die Gegenseite als unannehmar gelten würden. Schließlich stellte sich eine immer ausweitende Divergenz zwischen dem Reichsrecht (als staatlichem Recht) und dem Ansprüche einfordernden Religionsrecht ein. Im Hintergrund ging es real um enteignetes oder wieder in Besitz genommenes und erneut enteignetes Gut, Gold oder Geld.
Dieses Bild der zunehmend lärmenderen Unruhen in den deutschen Landen des Kaisers ist nicht vollständig ohne die unglaublichen Hysterien der Hexenjagden und Ketzerverbrennungen. Es wäre auch nicht vollständig, würde man die wenigen und selten gewordenen Kräfte verschweigen, die sich durch ihr Wirken in Wissenschaft und Kunst auf ihre Art gegen das lemmingartige Hinabjagen der Gesellschaft in den kriegerischen Abgrund wehrten. Aber ihre Arbeiten blieben für mehrere Generationen verloren.
Als ein Bayernherzog im Jahr 1607 provinziale Relegionsprügeleien als geradezu gewünschten Vorwand nahm, sich die freie Reichsstadt Donanwörth einzuverleiben, bliesen beide verfeindeten Religionsrichtungen zum Sammeln. Unter Führung der Kurpfalz bildete sich die protestantische Union, unter bayrischer Leitung die katholische Liga.

katholisches Spottbild auf die Religionsstreitigkeiten der Lutheraner  (1587) protestantisches Spottbild über den Zustand der katholischen Kirche  (um 1600)

Spottbild auf die Religionsstreitigkeiten der Lutheraner
katholisches Flugblatt (1587)(L2)

Spottbild über den Zustand der katholischen Kirche
protestantisches Flugblatt (um 1600)(L2)







Notizen zu einer These von Prof. Steinmetz
Der Historiker Max Steinmetz eröffnete mit Blick auf den Zusammenhang zwischen der Niederlage im Deutschen Bauernkrieg und dem Vorabend des Dreißigjährigen Krieges sehr viel gedanklichen Spielraum mit seiner These: "Der Sieg der frühbürgerlichen Revolution hätte Deutschland das furchtbare Los erspart, Schauplatz eines der grauenvollsten Kriege in der Geschichte des modernen Europas zu sein." (L1). Allerdings ist das die logische Konsequenz, wenn man einer Geschichtsauffassung vertraut, die davon ausgeht, das bestimmte Prozesse in der Gesellschaft gesetzmäßig ablaufen. Und wiederholt ist aus der Historie bekannt, das spannungsgeladene Ursachen auch kriegerische Wirkungen hervorrufen, hier allein als Beispiel genannt die sozialen Verteilungskämpfe, die aus breitenwirksamen sozialen Abstiegen resultieren.
Wenn auch eine unmittelbare Folge des Ausgrenzens des Gemeinen Mannes aus der Politik eigentlich der ⇒ Schmalkaldische Krieg (1546-1547) genannt werden müßte, und der Dreißigjährige Krieg mehr als Resultat des langfristigen Wirkens der Durchmonetarisierung der europäischen Gesellschaft und der damit zusammenhängenden Preisrevolution erscheint, so ist die Argumentation von Steinmetz nicht ganz von der Hand zu weisen. Allerdings überschrieben allgemeine Geschichtsdarstellungen den Schmalkaldischen Krieg [3] mit den Furchtbarkeiten des dreißigjährigen Verwüstens der deutschen Lande, weil natürlich deren Auswirkungen historisch nachhaltiger und gravierender wirkten. [4] Aber den Schmalkaldische Krieg bestimmten jene Urgrausamkeiten, die zum Vorbild und als Musterbeispiele für die kommenden kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa dienten. Im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Durchmonetarisierung und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Rückschritt (statt dem Fortschritt durch bürgerliche Freiheiten) sind dann neben dem Dreißigjährigen Krieg in den deutschen Landen auch der Krieg zwischen Frankreich und Spanien (1635 - 1659) und der Torstensonkrieg (1643 - 1645) zu erklären.

Nicht alle Aufstände erweisen sich tatsächlich als revolutionär im Sinne des gesellschaftlichen Fortschritts. Manche Revolten entpuppen sich bei näherer Betrachtung nur als Toben aggresiven Mobs. Darin einzuordnen sind jene Vorgänge des gegenseitigen Abschlachtens einander feindlicher religiöser Gruppen. Auch in der europäischen Geschichte finden sich dafür Beispiele, hier seien nur die Massaker an den Katholiken 1569 in Orthez oder die Bartholomäusnacht 1572 in Paris, in der die Calvinisten massakriert wurden, erwähnt.
In der deutschen Geschichte tragen die Kämpfe in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts einen anderen Charakter, sie zielten auf einen gesellschaftlichen Fortschritt, und man könnte sie als Frühbürgerliche Revolution zählen, wenn man nicht nur die theologischen Schriften Luthers interpretiert sondern auch die programmatischen Ziele eines Bauernführers → Weigand analysiert oder die Planungen eines → Michael Gaismaiers berücksichtigt. Diesen Bestrebungen stand später eindeutiger Interessenverrat der Oberschichten gegenüber, wie beispielsweise der unterlassene Schutz der deutschen Hanse, die umfangreichen krimminellen Geldfälschungen oder das Verscherbeln von Gütern und Schiffen an die spanischen und portugiesischen Kronen belegen. In den sich entwickelnden Nationalstaaten hatte sich der Absolutismus unter ständiger Hilfe der jeweiligen Kirche einen Regierungsapparat geschaffen, dem die alleinige Aufgabe zufiel, soviel Steuern wie möglich aus der Bevölkerung herauszupressen und dabei jegliche Widerstandsbewegung als feindlich religiös zu denunzieren, gewaltsam zu unterwerfen und gegebenenfalls brutal niederzuschlagen. Das gröbste Beispiel dafür gab das spanische Habsburger Imperium, das die kleinen Niederlande unterdrückte, deren bürgerliche Kräfte achtzig Jahre lang einen Widerstand zu leisten vermochten, daher auch der Name Achtzigjähriger Krieg für die Aufstände und Unruhen zwischen 1568 und 1648. Diese Auseinandersetzungen zwischen der spanischen Krone und den republikanischen Niederlanden war jene latente Unsicherheitsquelle, die permanent die Entwicklungen in den benachbarten deutschen Landen beeinflußte, nicht zuletzt durch die große Zahl der Emigranten, die vor den grausamen Unterdrückungsmaßnahmen der spanischen Besatzung in andere europäische Länder flohen. Im Gegensatz zu diesen Befreiungskämpfen ist der Krieg, der nach dem II. Fenstersturz zu Prag über Böhmen in die deutschen Landen hineingetragen wurde, tatsächlich in seinen ersten Phasen nichts anderes als das Toben religiösen Mobs. Unsichere Besitzstände bildeten den materiellen Hintergrund, soziale Verteilungskämpfe und streitsüchtige Abstiegsängste der jeweils anderen Religionsseite die aggressiven Motivationen.


[1] Während des Dreißigjährigen Krieges stellte sich Birghden ganz in den Dienst der Politik von Gustav Adolf. Der Ur-Journalist soll sich Zeitgenossen gegenüber gerühmt haben, das seine Zeitung dem König von Schweden eine Armee von 20 000 Mann ersetzt habe.

[2] Diese Entwicklungen setzten sich wie selbstverständlich in der Neuzeit fort. Tragisches historisches Beispiel bot das europäische Zeitungswesen im Jahr 1914. Beunruhigende Tendenzen zeigen sich hundert Jahre später in den deutschen Medien, in denen die Beiträge tendentiell immer deutlicher antieuropäischen, antipolnischen, antiungarischen, antirussischen u.s.w. und nicht zuletzt antideutschen Charakter annehmen.

[3] Zuweilen wurde der Schmlkaldische Krieg auch erster teutscher Krieg, und der Dreißigjährige Krieg Zweiter Deutscher Krieg genannt.

[4] Im Dezember des Jahres 1887 zog der deutsche Politologe Friedrich Engels (1820-1895) einen Vergleich der Verwüstungen durch den Dreißigjährigen Krieg mit den möglichen Verwüstungen in Europa, die durch einen » Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit « ausgelöst werden könnten. (L3) Der I. Weltkrieg fand dann tatsächlich in den Jahren 1914 bis 1918 statt.






Zeittabelle
Jahr Kaiserreich Europa
1564 - 1576 Maximilian II. gestattet in seinen Erblanden den Protestanten die freie Religionsausübung.  
1582 - 1588 Truchsessische Wirren
Bedeutende Eskalation zur Waffengewalt bei konfessionellen Streitigkeiten. Aus Heiratsgründen proklamierte der Truchseß die Gleichberechtigung der Konfessionen. Dadurch verlor er das Erzbistum an Ernst von Wittelsbach (Bischof von Freising, Hildesheim, Lüttich und Münster).
Der Einsatz spanischer und niederländischer Truppen in diesen Wirren eröffnete die Möglichkeit, internationale Differenzen auf deutschen Territorien als deutschen Konfessionsstreit auszutragen.
1590 Das Traktat Tractatus de hominibus propriis (Abhandlung über Leibeigene) des Professors Johann Friedrich Husanus erscheint.  
1597 Von 1594 bis 1597 → Bauernaufstände in Österreich.  
1598 Gegenreformation in Aachen  
1601 Volkswiderstand gegen die Rekatholisierung im Salzkammergut. Nach Lahmlegung des Reichskammergerichts wird nun auch der sog. Deputationstag (der als Ersatz dienen sollte) durch die calvinistische Pfalz als Protest gegen prokatholische Urteile gesprengt.
1604   Letzter Hanse-Tag
1605 Bauernrevolten im Rettenberger Ländchen gegen Glaubensdruck u. gegen die Weinsteuer des Augsburger Biswchofs.  
1606 Bäuerlicher Widerstand im Salzburger Land gegen die Rekatholisierung wird mit Gewalt gebrochen.
1606 Das sog. ⇒ Kreuz- und Fahnengefecht ist der erste gewalttätigen militante Zusammenstoß zwischen Protestanten und Katholiken in der 4000 Einwohner zählenden Stadt Donauwörth.
1607 Erneute Tumulte während der Markusprozession in Donauwörth, Verhängung der Reichsacht, 15000 Soldaten gegen 4000 Einwohner.
1609   Abschluß eines zwölfjährigen Waffenstillstandes während der Freiheitskriege (1568-1648) der Niederlande gegen die spanische Fremdherrschaft.
Wikipedia
1611 Revolte der Protestanten in der Freien Reichsstadt Achen. ⇒ Aachener Religionsunruhen
1612 Bauernrevolten in den Schwarzwaldtälern gegen die Weinsteuer. (L4-271)
1614-1615 Bürgeraufstand und Progrome in Frankfurt a.M.
Der ⇒ Aufstand der Zünfte richtete sich gegen die Misswirtschaft des von Patriziern dominierten Rats der Stadt. Unter dem Rat war die Stadt hochverschuldet, er hatte zugleich Mittel verschwendet, die der Armen- und Krankenfürsorge zugedacht waren. Strafgelder hatten Steuereinnehmer zum eigenen Nutzen veruntreut. Unter nicht ganz geklärten Umständen artete der Aufstand zu Progromen aus, und wurde durch den Kaiser niedergeschlagen.
1615

Berliner Tumult
Der Kurfürst wünschte den Übertritt vom Luthertum zum Calvinismus. Die Anordnung, den Dom von allen Bildnissen zu befreien (calvinistischer Bildersturm) führt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Als Gegenreaktion der Bürger wurden Häuser calvinistischer Prediger geplündert. Die Berliner Unruhen zwangen den Landesherren, lutherische und calvinistische Bekenntnisse gleichberechtigt bestehen zu lassen. Damit ist eine Formel des Augsburger Relegionsfriedens ausgehebelt.

1618 (23.5.) II. Fenstersturz zu Prag. Diese Adligenrevolte gilt als Beginn des Dreißigjährigen Krieges.






interessante Zeitgenossen
Martin Aspilcueta (1493-1586) Scholastiker und Jurist der Schule von Salamanca, theologischer Gegner Luthers, Berater der Inquisition. Schrieb einen Kommentar zum berüchtigten Hexenhammer.
Moderne Ökonomen halten es für eine wissenschaftliche Errungenschaft, das er als erster erkannt haben soll, das seltene Metalle ihren Wert durch Knappheit erhalten.
Jean Bodin (1530-1596) Gilt als ein Vorläufer der Geldmengentheorie, schrieb ein Buch über Hexerei und war an Hexenprozessen beteiligt.
Luis de Molina (1535-1604) Moralprofessor an der Jesuitenschule in Madrid. Gegner des Zinsverbots.
Jakob Böhme Schuster aus Görlitz, schrieb illegal ein mystisches Werk mit pantheistischer Philosophie, das weite Verbreitung bis in die Niederlande und in England erreichte: Aurora (Morgenröte im Aufgang). (L4-278)
Joachim Jungius (1587-1657) gründete in Rostock das Collegium philosophicum , Vorbild für Leibniz. (L4-277)
Wolfgang Ratke 1612 mit Reformprojekt zurückgewiesen, versuchte eine Änderung der Gesellschaft durch ein moderneres Erziehungswesen. (L4-277)
Paul Negelein (1562 - 1627) Stadtschreiber. Im Entwurf eines städtischen Wertesystems, das sich an Begriffen wie Klugheit, Autorität und Selbstdisziplin orientierte, fasste Negelein seine eigenen Erfahrungen in der kommunalen Verwaltung zusammen. deutsche biographie
Johann de Lugo (1583-1660) Kardinal in Rom. googlebook
Johann Friedrich Husanus Tractatus de hominibus propriis, in quo tum veteris, tum hodiernae servitutis iura breviter ac dilucide explicantur
Verlagsort: Hamburgi | Erscheinungsjahr: 1590 | Verlag: Wolff

Digitale Sammlung
Bauernrechtsliteratur
Johann von der Birghden (1582 - 1645)  
Louis Elzevir

(1546? - 1617) Buchhändler, entstammte einer Familie vermutlich maurischen Ursprungs (al-Sifr, al-Zifr), Begründer einer wohlhabenden Buchdruckerdynastie in Leiden (Leuven). Arbeitete u.a. im Druckhas des Christoph Platin. Gab erstmalig (?) das Werk des römischen Historikers Flavius Eutropius (∗? - † nach 390)heraus.

Christoph Platin (um 1520 - 1589) Berühmter Buchdrucker und Verleger in Antwerpen. Gab die fünfsprachige Biblia Polyglotta heraus. Erhielt vom streng katholischen König das Monopol für katholische liturgische Bücher. Zugleich war er offizieller Drucker der Protestanten in den Niederlanden. Wikipedia



weiterführende Links
Uni
Heidelberg
Martin Luther, An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung (1520)
[Luther-W Bd.2 S.157-170, 382]
hier: Universitätsbibliothek Heidelberg - Digitale Bibliothek - Heidelberger Historische Bestände
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/luther1520      ⇒ Luther 1520
PDF-Datei Winfried Schulze, Vom Gemeinnutz zum Eigennutz / Über den Normenwandel in der ständischen Gesellschaft der Frühen Neuzeit München 1987,
in: Schriften des Historischen Kollegs Vorträge 13 Hrg. Horst Fuhrmann
Über den Normenwandel in der ständischen Gesellschaft der Frühen Neuzeit
Link Der Dreißigjährige Krieg und seine Lehren
Eine Sendung von Ingeborg Breuer und Barbara Weber im Deutschlandfunk (28.12.2017)
Link

Friedrich Schiller benennt in seiner Geschichte des Dreissigjährigen Krieges mehrere Stufen der Eskalationen, die zum Dreißigjährigen Krieg führten:

α) Die Aachener Religionswirren: dazu Zitat: » Während der spanischen Religionsverfolgungen in den Niederlanden hatten sich einige protestantische Familien in die katholische Reichsstadt Aachen geflüchtet, wo sie sich bleibend niederließen und unvermerkt ihren Anhang vermehrten. Nachdem es ihnen ... gelungen war, einige ihres Glaubens in den Stadtrat zu bringen, so forderten sie eine eigene Kirche und einen ... Gottesdienst, welchen sie sich, da sie eine abschlägige Antwort erhielten, nebst dem ganzen Stadtregiment auf einem gewaltsamen Wege verschafften. « (L5 S. 636) Die ehemalige Freie Reichsstadt Aachen fiel unter die Reichsacht, ihr Wirtschaftsleben wurde stark geschwächt. Die Religionsfreiheit erhielt sie erst wieder durch die Revolutionstruppen Frankreichs im Jahr 1793.

β) Die Liebe des Erzbischof von Köln (Kurfürst) Gebhard Truchseß von Waldburg-Trauchburg zur schönen evangelischen Stiftsdame Agnes von Mansfeld und dem daraus resultierenden Kölner Krieg (Truchsessischer Krieg) 1583-1588.

γ) Der Straßburger Kapitelstreit (1583-1604), in dem der Markgraf Johann Georg von Brandenburg als neuer protestantischer Bischof verwickelt war, führte zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit barbarischen Verheerungen. Der Kaiser versuchte vergeblich, den Streit friedlich zu beenden.

δ) Durch das Kreuz- und Fahnengefecht verlor die schwäbische Reichststadt ihre Privilegien.

ε) Schließlich löste der ⇒ Jülich-Klevische Erbfolgestreit (1609-1614) fast einen großen europäischen Krieg aus.

ζ) Die im Jahre 1617 erfolgte Zerstörung der protestantischen Kirche im böhmischen Klostergrab (⇒ Hrob) veranlasste mit der gleichzeitigen Sperrung der Kirche in Braunau u.a. den berühmten Fenstersturz der kaiserlichen Räte in Prag. (II. Prager Fenstersturz 23.05.1618)

Im Netz bei ⇒ gutenber-buch zu finden.

Link

Golo Mann im 2. Kapitel seiner Wallenstein-Biographie:

(G. Mann nannte darin den Abschnitt Konvergierende Verwirrung)
» Es bröckelte überall im mittleren Europa, und das, was abbröckelte, suchte Verbindung mit anderem Abbröckelnden anderswo. Niemand traute, daß die Ordnung, welche war, Bestand haben würde; jeder hoffte, daß, wenn sie nicht Bestand hätte, die Veränderung ihm Gewinn bringen sollte.« (L6 S.60)

(Abschnitt Böhmen und Mähren):
»Ein geschicktes Vorschieben, ein Nachdrängen und Plazieren, ein im rechten Augenblick mit Dreistigkeit Handeln gab einer Minderheit, welche der Lage nach doch immer nur geringe Minderheit bleiben mußte, wachsenden Einfluß, wie er ihrer Zahl nicht zukam. Die Unterliegenden, die doch neun von zehn waren, sahen es mit hilfloser Bitternis. « (L6 S.54)

buch24

Link Rudolf Augsteins Verriss über Golo Manns „historischen Roman“ Wallenstein am 11.10.1971
im ⇒ Spiegel 42/1971
Link Steinerne Schandsäule Zur verdammenswerten Erinnerung an Johann Kalckberner, den Anführer im letzten Tumult, der hier im Jahre 1611 zwischen den Feinden heraufbeschworen worden war.... DI 32, Stadt Aachen, Nr. 106† (Helga Giersiepen), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di032d002k0010602.
Link Florian Greiner, Das Verfahren gegen Albrecht von Wallenstein (1634) ⇒ Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 [als e-book]
(-) noch einarbeiten: weiteres Augenmerk auf interessante Fragen der deutschen Geschichte:
  ♠ die Wallenstein-Frage
  ♠ die Zerstörung Magdeburgs als erste vollständige Zerstörung einer modernen Großstadt
Ergänzungen
These zur Wallensten-Frage:

Eine Antwort auf diese Frage muß man auch im Vorfeld des Dreißigjährigen Krieges mit suchen. Die Frage, ob Wallenstein überhaupt in der Lage war, den Frieden herbei zu führen, wenn er damit in Widerspruch zu allen Mächten geriet, die in den deutschen Landen Krieg führen wollten (Frankreich, Spanien, Schweden, die Habsburger usw.) ist nur unter einschließender Berücksichtigung der Jahrzehnte vor 1618 zu beantworten. Wer ist in den Jahren vor dem Krieg zu neuem Reichtum gekommen? Auf wen konnte sich Wallenstein daher wirklich stützen: auf jenen Teil des böhmischen Adels, der durch die Niederlage der böhmischen Stände zu (Neu-)Reichtum gekommen war, oft neukatholisch konvertiert, aber im Gegensatz sowohl zu den katholischen Hauptmächten als auch zu ihrer eigenen hussitisch-protestantischen Bevölkerung.
Die Formulierung, ob er einen tschechischen Nationalstaat hätte gründen wollen, vernebelt die Tasache, das einer kleinen Gruppe böhmischer Kriegsgewinnler eine weit größere Gruppe von Kriegsgewinnlern gegenüber stand. Wenn aber Wallensteins wirkliches Ziel war, endlich den Frieden herbei zu führen, welche realen Chancen hatte er dann?





Quellenangaben und Literatur
(L1) Max Steinmetz, Deutschland von 1476 bis 1648 (Von der frühbürgerlichen Revolution bis zun Westfälischen Frieden)
VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1965 S. 280
(L2) Spottbild 1, H.H.L. nach Geheimnisse der Religion, Verl. Neues leben Berlin 1958
Spottbild 2+3, H.H.L. nach Deutsche Geschichte, Leipzig 1965
(L3)

F. Engels, Was Europa bevorsteht, Sozialdemokrat 15.1.1888
Das Zitat lautet: »... endlich ist kein anderer Krieg mehr möglich, als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen ... Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre ... Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankerott; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen ... absolute Unmöglichkeit, vorherzusehen, wie das alles enden ...wird...« [MEW 21/350-351]

(L4) Adolf Laube, Günter Vogler, Gerhard Brendler, Gerhard Heitz, Herbert Langner, Hannelore Lehmann, Ingrid Mittenzwei,
Deutsche Geschichte in zwölf Bänden, Band 3, VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften Berlin 1989
(L5) Friedrich von Schiller, Historische Schriften, Phaidon Verlag Essen, Stuttgart o.J.
Ausgabe entspricht den Bänden 13,14,15 der Cottaschen Säkularausgabe in 16 Bänden.
(L6) Golo Mann, Wallenstein - Sein Leben erzählt von Golo Mann, Fischer Taschenbuch Verlag 2002
(-) F. Kurze, Deutsche Geschichte II, Zeitalter der Reformation und der Religionskriege, Leipzig 1907
(-) Heinrich Bruhn, Günter Bialowons, Geschichte der deutschen Presse von den Anfängen bis 1789
Fakultät für Journalistik der Universität Leipzig 1969
(-) Herfried Münkler, Der Dreißigjährige Krieg - Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618 - 1648
Rowohlt Berlin 2017
LHW: Wallenstein-Frage nach Münkler: S. 620)


Bauernkriege in 23 Jahrhunderten globale Zeittafel Bauernrevolten in Asien Bauernrevolten in Afrika Bauernrevolten in Europa Bauernrevolten in Amerika Revolten in Australien Impressum Quellen
Notizen zum Vorabend des Dreißigjährigen Krieges  •  © Hans Holger Lorenz  •  beg. 2006  •  Stand: 19.06.2018  •  WB To