Weigands Entwurf eines Ausschreibens an den Adel und die Städte

Mitte April 1525


Unser untertenig und willig Dienst allzeit zuvoran bereit. Man hat das Wort Gottes, damit wir Armen gespeist werden sollen, lang Zeit verhalten. Es haben auch Fursten, geistlich und weltlich, groß Gewalte, dasselbig mit Verbot und harter Straf gedruckt. Darzu ist leider ganz offenbar, wie die armen Leut nit allein verachtet, sonder lang Zeit mit großen, unerträglichen Neuerungen, Beschwerden und Aufsatzung nach allem Vorteil erschopft sind und wissen des kein Ende, und mogen nit erkennen, daß geistlich und weltlich Fursten viel Jahre in großer Verschwendung der Zeit und der Nahrung nie nichts ausgericht, dann uns dem Teufel auf den Schwanz gebunden, dergleichen von Geistlichen bei heidnischen Tyrannen nie erhöret ist. Darum wir aus großer, unaussprechlicher Anliegen in Versammlung bewegt; wollten (wiß Gott der Allmechtig) des gern uberig und in rechter Gehorsame unserer weltlichen Obrigkeit sein und stehn, besorgen aber von großen Fursten und Herren wenig erhöret zu werden. Haben doch unser anliegend Notdurft, wiewohl der viel mehr sind, verfasset, und, dieweil wir unter gemeinem Adel und Stedten dannoch viel christlicher Lieb und Treu, auch des Gottsworts Furderung verstanden haben, so schicken wir Euch unser anliegend Beschwerden, bittend in aller Untertenigkeit, durch Gotts christlicher und bruderlicher Lieb willen: Wollet der Armen groß Beschwerde, die alle in Schriften nit verfaßt, aber durch Euren Verstand wohl ermessen werden mogen, und sonderlich diese ausgedruckte, die, als wir hoffen, zu Ablegung aller Beschwerden uns Armen nit allein, sonder den gemeinen Stedten und Adel nutzlich, christlich und furtreglich, darzu weltlichen Fursten und Obrigkeiten nit schedlich sein sollen, erwegen, uns in dem mit Rat und Furderung zu Erfolgen bessers Stands und gemeins Nutzs gegen des Reich loblichen Regiment, auch Fursten und Herren, unser Öbrigkeiten erschließlich sein, gnedig, christlich, auch freundlich Unterhandlung unterfahen, Euch von uns nit abwenden und das einen furderlichen Verstand in N.Tagen uns geben. Wollen wir gern aller christlichen Gehorsame und Billigkeit uns weisen lassen. Aber in solcher Irrung und Zweiung oder Gebrechlichkeit lenger zu verharren, ist uns je nit gemeint. Das versteht nach unser Notdurft. Datum.

aus: DOKUMENTE AUS DEM DEUTSCHEN BAUERNKRIEG
Beschwerden Programme Theoretische Schriften
Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig 1974
Printed in German Democratic Republic (DDR) 1974
Seite 173 - 174




Kommentar:        
Hoffen auf den Verstand der Obrigkeit ?

Als sich die Bauern in Franken zum Kampf entschlossen sammelten, unternahm in Heilbronn eine Gruppe bürgerlicher Vordenker den Versuch einer Zusammenführung von bäuerlichen und bürgerlichen Bewegungen durch gemeinsame programmatische Formulierungen. Die Zeit war reif für Gedankengut, das die Taktik gegenüber dem Kaiser und dem Schwäbischen Bund beschrieb. Diskutiert werden sollte es zu Heilbronn, in das viele Bauernhaufen ihre Delegationen entsandten. Die Initiatoren dieser Beratungen und des Heilbronner Programms hießen Wendel Hipler und Friedrich Weigand. Beide offenbar mit der 1523 erschienenen Flugschrift Teutscher Nation notturft oder Reformation Kaiser Friedrichs III. vertraut, stellten die Forderungen der städtischen Bürger zusammen und rechneten auf eine Durchsetzung mit Hilfe der bewaffneten Bauern.
Wie vorsichtig und untertänig die ersten Versuche dabei klingen, kann man dem oben aufgeführten Schreiben entnehmen: noch hoffen die Aufmüpfigen auf den Verstand der Obrigkeit. Die folgenden Ereignisse werden sie eines Schlimmeren belehren...






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Notizen zu Bauernkriegen / Hans Holger Lorenz / 11.November 2008 / begonnen: 1.März 2006 / HLorenz500@aol.com