zum vorliegenden Text:
Mitte August 1525 war Michael Gaismair in eine Falle gelockt und gefangen. Zwei Monate später gelang ihm die Flucht nach Graubünden. Nach einem Zwischenaufenthalt bei Zwingli in Zürich kehrte er zurück in das Kloster bei Graubünden. Hier entstand im Februar oder im März 1526 sein Entwurf für eine neue Staatsordnung Tirols.
Das historisch Wichtige daran ist nicht die Zuordnung zum regionalem Umfeld sondern der generelle Entwurf für eine andere Gesellschaftsorganisation, dem man ohne Bedenken das Adjektiv neu beifügen darf!
Es ist nicht der wichtigste Satz im vorliegenden Dokument, aber es ist der charakterisierenste, der alles in der Denkhaltung erhellende Satz, der da fast am Ende lautet:
"Man soll ... unfruchtbare Ort im Land fruchtbar machen..."
Dieser Satz ist deswegen so wichtig, und wird vielleicht deswegen auch in der Historie so oft unterschlagen, weil er die Zielrichtung und das Wollen der "Aufrührer" offen legt! Sie wollen arbeiten! Sie wollen etwas NÜTZLICHES!
Hat man diesen Satz beständig vor Augen, ist eine Analyse des Textes eine völlig andere als die der bisher vorgeschriebenen Diktion.
Gaismaier ist wahrlich weit entfernt von einer utopischen Vision, wie ihm immer vorgeworfen wird. Er überlegt einfach und mit seinem damaligen Wissen, was man praktisch machen müßte, um die gesellschaftliche Sachlage in nützliche Richtungen zu lenken. Und ganz offenbar hat er es nicht im stillen Kämmerlein ausgedacht sondern es ist das Ergebnis vieler Diskussionen und Berichte von Leuten der Arbeit, die zu ihm kamen! Dieser Gaismaier ist kein religiöser Spinner sondern ein Zuhörer und ein Planer! Dieser Mann hat Bauern zugehört und
Bergleuten, Professoren und Händlern und auch Bettelmönchen. Er kennt Regierungsgeschäfte und besitzt Kenntnisse der Hydraulik! Er weiß um die schädlichen Wirkungen des Wuchers und kann militärisch organisieren! Er ist über aktuelle Gegebenheiten unterrichtet und kennt sich aus in rechtlingen Dingen. Jeder seiner Sätze ist wohl überlegt.
Und sein erster Satz ist sogar auf Unterordnung orientiert:
Anfenglich so werdt ihr geloben und schwörn, Leib und Gut zusammensetzen, voneinander nit weichen,
sonder miteinander heben und legen, doch allzeit nach Rat zu handlen, eur furgesetzten Öbrigkeit treu und gehorsam
zu sein und in allen Sachen nit eignen Nutz, sonder
zum ersten die Ehr Gottes und darnach den gemeinen Nutz zu suchen, auf daß uns der allmechtig Gott
(wie er dann allen denen, so ihm in seinen Geboten gehorsam sein, vielfeltig geheißen hat) Gnad und Beistand tue,
darauf wir genzlich vertrauen sollen, dann er ganz wahrhaft ist und niemand betrügt.
Da spricht kein Aufstandsführer schlechthin, da spricht ein Planer! Nichts ist auf Empörung beschränkt wie bei Thomas Müntzer, der so ehrlich und bis zur Selbstaufgabe eine neue Weltordnung herbeiwünscht, und doch nicht weiß wie sie aussehen soll:
Was seind aber die Fürsten?
Sie seind nichts dann Tyrannen, schinden die Leut, unser Schweiß und Blut vertön sie mit Hoffieren, mit unnützen Pracht, mit Huren und Buben. Es hat Gott geboten in Deuteronomio, es soll der König nicht viel Pferd bei sich haben und einen großen Pracht führen; auch soll ein König das Gesatzbuch täglich in Händen haben.
Was tun aber unsere Fürsten?
Sie nehmen sich des Regiments nicht an, hören die armen Leute nicht, sprechen nicht Recht, halten die Straßen nicht rein, wehren nicht Mord und Raub, strafen kein Frevel und Mutwill, vertedingen nicht Witwen und Waisen, helfen nicht den Armen zu Recht, schaffen nicht, daß die Jugend recht erzogen würd zu Guten, fürdern nicht Gottes Dienst, so doch um solcher Ursach willen Gott Oberkeit eingesetzt hat, sonder verderben allein die Armen je mehr und mehr mit neuen Beschwerden, brauchen ihrs Macht nicht zu Erhaltung Friedens, sonder zu eignem Trutz, daß je einer seim Nachbauren stark genug sei, verderben Land und Leut mit unnötigen Kriegen, Rauben, Brennen, Mörden.
Das seind die fürstlichen Tugend, damit sie jetzt umgehen. Ihr sollt nicht gedenken, daß Gott solches lenger leiden wölle; dann wie er die Cannaneos vertilget hat, so würd er auch diese Fürsten vertilgen. Und ob schon solches zu leiden wäre, so kann doch Gott das nicht leiden, daß sie den falschen Gottsdienst der Pfaffen und Münche vertedingen wöllen. Wer weiß nicht, was greulicher Abgötterei geschieht mit dem Kaufen und Verkaufen in der Messe. Wie Christus die Kremer aus dem Tempel stieße, so würd er diese Pfaffen und was an ihn hanget verderben.
(Zitat aus der Feldpredigt Thomas Müntzers)
Müntzer, der Empörer gegen die alte Welt, Gaismaier der Planer der neuen Welt, das ist der gravierenste Unterschied dieser beiden Zeitgenossen, die sich nie begegneten, weil Entfernungen damals noch viel größer waren und Nachrichten noch viel zu lange brauchten!
Beide werden sie umgebracht, der eine mit öffentlicher Hinrichtung, der andere durch hinterhältigen feigen Mord. Beide waren den Herrschenden zu gefährlich, weil sie durchaus in der Lage waren, Auswege aus habgieriger Niedertracht zu verkünden. Der eine so wie in seiner letzten Feldpredigt, die militärische Niederlage der Bauern vor Augen, der andere schon mit Blick auf das, was man nach einem Sieg wird tun müssen. Deswegen der Verruf des "Utopismus" , deswegen sogar die Gerüchte um kriminelle Machenschaften, deswegen jegliche Verunglimpfung der Gedanken darüber, was diese Kerle wohl bewegte, Dinge zu tun, die sie vor fünfhundert Jahren taten...
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