Was folgte nach der Niederlage der Bauern 1525?

Deutschland 1525 - Auferstehung
                              Horst Sakulowski 1974
Deutschland 1525 - Auferstehung (Bildausschnitt)
Horst Sakulowski 1974


           Inhalt
  1. Territoriale Zersplitterung
  2. Eigennutz rückt an die Spitze der Werteskale
  3. Religiöse Intoleranz breitet sich aus
  4. Niedergang in der bildenden Kunst
  5. Nachtrag








ausgewählte Zeitereignisse
1529 Reichstag zu Speyer
Beschluß zur Durchführung des Wormser Edikts
1534 Blutige Niederschlagung der christlichen Täufer-Bewegung.
1546
bis
1547
Schmalkaldischer Krieg
1559 Verschärfung des Dogmenkampfes zwischen den Protestanten.
1555 Augsburger Religionsfrieden
1574 Vertreibung der Kalvinisten aus Sachsen.
1582 bis 1590 Kölnischer Krieg
1588 Der Magdeburger Sessionsstreit führt zur Arbeitsunfähigkeit des Reichskamergerichts.
Beginn der allmählichen Lähmung der Reichsorgane.
1600 Der aus der katholischen Kirche geflohene, von den Calvinisten verfolgte und von den Lutheranern verjagte Philosoph Giordano Bruno, der das Weltbild des Kopernikus verteidigte, wurde am 17. Februar in Rom verbrannt.
1604 Der Hansetag offenbart große Gegensätze zwischen den Hanse-Städten, die verschiedenen ausländischen Konkurenzkräften ausgesetzt sind.
1618 Beginn des Dreißigjährigen Krieges
Territoriale Zersplitterung

Am verhängnisvollsten für die nachfolgenden Generationen nach 1525 war die territoriale Zersplitterung der deutschen Lande. Auch wurden mit größter Selbstverständlichkeit Kriege weiter geführt, so als habe es die Erhebung des Gemeinen Mannes nie gegeben. Die →  "römisch-deutschen" Kaiser führten nach 1525 geradezu weltumspannend Gefechte zu Land und zur See. Sie beschränkten sich nicht nur auf europäischen Feldzüge gegen den Französischen König Franz I. [1526-1529 ; 1536-1538; 1542-1544; und später noch gegen dessen Sohn Heinrich II. (1552-1559)]. Deutsche Patrizier, besonders zu nennen die Fugger, so erzählen uns die Historiker, haben es oft mit finanziert. Dabei vergessen sie in der Regel, das es wohl mehrheitlich die Bauern bezahlen mußten.
Ein dauerhafter Friede war nicht abzusehen. Die Selbstherrlichkeit der Fürsten und die Rachsucht der Päpste brachte den Deutschen selbst den → Schmalkaldischen Krieg (a). Zwar nicht von langer Dauer, dafür besonders bedrückend für Bauern und Kleinstädter durch die Stationierung von Söldnertruppen (u.a. der Weltmacht Spanien in Süddeutschland). Nicht selten durchzogen große Militär-Kontingente Deutschland von Süd nach Nord, meißtens um die aufrüherischen Niederlande zu "befrieden".
Während Kaiser und Könige einander ablösten, die deutschen Lande den Territorialherren und ihren Zwistigkeiten ausgeliefert waren, zerbröckelte die Reichsgewalt nach und nach und überließ den Bewohnern Chaos und Unzuverlässigkeit im Rechtssystem. Reichstagsbeschlüsse wurden unverbindlich, Hilfeleistungen zum Kampf des Reiches gegen die Türken schlicht verweigert.
Mit den Staatsbankrotten Spaniens (1557) und Portugals (1560) fielen auch ettliche deutsche Bankhäuser. Die unaufhaltsame Abwärtsentwicklung deutscher Städte wie Regensburg, Ulm, Konstanz, Lübecks und schließlich auch Augsburgs war nicht mehr zu übersehen. Dem Niedergang des letzten verbliebenen ökonomischen Potentials, der deutschen Hanse, von ausländischen Kaufleuten und Mächten hart bedrängt, schaute die Reichsregierung tatenlos zu. Nicht so gegenüber aufmüpfigen Bauern, der schizophrene Potentat Rudolf II. entblödete sich nicht, Aufstände der Bauern, die auf ihren Kaiser alle Hoffnungen gesetzt hatten, niederschlagen zu lassen. Schließlich spalteten sich die konfessionellen Lager in politische und militärische Bündnisse, der katholischen Liga stand die protestantische Union gegenüber, beiderlei Fürstlichkeiten und Theologen biederten sich ausländischen Machthabern an, in der falschen Hoffnung, so ihre eigenen Pfründe bewaren zu können.
Für die Wirtschaft verschlechterte sich permanent das Geld. Die sogenannte → Preisrevolution ließ alle Kosten in unerwartete Höhen explodieren, die Goldgulden flossen aus den deutschen Landen und die Silberausbeute aus deutschen Bergwerken versiegte. Gleichzeitig stiegen unablässig die Aufwendungen zur Kriegsführung. Die modernen Anforderungen der Schiffsindustrie für die sich aufrüstenden ausländischen Seekriegsflotten und die neuen Herstellungsverfahren für die Artillerie verschwendeten bisher unbekannte Größenordnungen an menschlicher Arbeitskraft und an Naturressourcen. Wie von Geisterhand angefeuert glühte überall der vorhandene ideologische Zünstoff auf. Und wie zu allen Zeiten, eben wie in unserer Gegenwart auch, verdorrte religiöse Toleranz mit der Zuspitzung der sozialen Konflikte.




Der Eigennutz rückt an die Spitze der Werteskale

Die besten Vertreter der geistigen Elite stritten sich noch in der ersten Hälfte des Jahrhunderts tapfer mit dem Monopolunwesen herum, mit der Zulässigkeit oder Unzulässigkeit von Zins und Zinseszins, mit der Abwehr von Wucher und dem Verbot des →  Fuhrkaufs. Der schneidige kaiserlicher Rat Sebastian Brandt gab dafür ein hervorragendes Beispiel, obwohl gerade er nicht auf Seiten der revoltierenden Bauern stand. Kaiserliche Räte und Universitätsprofessoren formulierten, vielleicht sogar geprägt von eigenen Alltagserfahrungen, die sie mit denen der Bauern und Handwerker wohl teilen mußten, ihre Vorwürfe gegen den Eigennutz. Im Dekret des Reichstages von Trier-Köln 1512 heißt es bestimmend:

Haben wir für Fürderung gemeines Nutz und der Notturfft nach angeordnet und gesetzt und thun das hiermit ernstlich und wöllen, daß solche schädliche Handthierung hinfüro verbotten und abseye und sie niemals treiben oder üben sol. (3)

Vermutlich um 1533 schrieb ein Professor Johann Ferrarius, bereits aus der Verteidigungsstellung heraus polemisierend: Also in einer Stadt oder Commun müssen all stücke zusammen stymmen, sich vergleichen und keins dem andern in sein amt fallen. Daraus kompt ein harmonia und schoner lieplicher thon, das wir nennen ein gemeiner nutz.  (4)

75 Jahre nach dem Bauernkrieg theoretisierte ein Paul Negelein noch immer über den Gemeinnutz. Wie im menschlichen Körper die einzelnen Organe eine bestimmte Funktion erfüllen müssen, um das Leben des Menschen zu erhalten, hätte sich der einzelne Mensch auch in der Gesellschaft zu verhalten: Hingegen aber wo Geiz oder Eigennutz einmal den Menschen eingewurzelt, da ist wenig Guts zu hoffen.   (5)

Der Notar aus Amberg zeigte sich bereits mißtrauisch hinsichtlich einer neuen, in breiten Kreisen unnatürlich eingepflanzten Habgier. Mit ihm wehrten sich andere, so der berühmte Hans Sachs in  Der Eygennutz, das greulich Thier  und Jodok Lorich mit der Schrift  Von Weltlichen Stenden Hohen und Nidern. Ihnen gemeinsam widerstrebte, das der Eigennutz an die Spitze der Werteskale der Gesellschaft rückte und so "zum unverzichtbaren Leitkonzept der bürgerlichen Wirtschaftsgesellschaft wurde".(6) Schon 1564 kann Von dem Lob des Eigen Nutzen die Eigennutzanbetung nachgelesen werden beim Ulmer Bürger Leonhard Fronsberger, das Titelbild könnte heutigen Journalen entnommen sein und lautete: Alls in mein Sack, ebenso die Argumentation, die da hieß: ein Handwerker arbeite ja auch nur aus Nahrungsmangel und aus Geiz und ohne dem würde auch kein Bauer auf das Feld gehn.(7) Und 1598 fragt der Tübinger Jurist Christoph Besold, warum Geld kein Gewinn abwerfen dürfe, denn der Hauptgedanke des Zinsverbots sei ja, das anderen nicht geschadet werden dürfe. Wo doch aber nun feststeht, das Zinsnehmen nützlich sei, kann es wohl erlaubt werden. (8)
Wir verfolgen hier nicht die gesamte Entwicklung bis hin zur Apologie des Eigennutzes 1776 durch Adam Smith, der die Gewohnheit des Trödelns der natürlichen bäuerlichen Arbeit kritisiert und fast unbemerkt formulieren durfe, das ein Mensch am besten arbeitet, wenn er lebenslang ein und dieselbe Tätigkeit ausführt und das ausgerechnet am Beispiel monotoner Nagelproduktion erläuterte. (9)
War das Bild über das Bauernleben schon vor 1525 etwas verschoben hin zur Tolpatschigkeit und Dummheit, so wird nach der Niederlage der Aufbegehrenden daraus eine gesellschaftliche Anschauung konzipiert und durchgesetzt, die den Bauern in die unterste soziale Stellung herabdrückt und die dem Adel und der Geistlichkeit in von Gott verordnete Höherstellungen manövriert. Die so verordneten Positionen gelten als unwiderufbar. Die moderne Frage: Als Adam grub, und Eva spann, wo war denn da der Edelmann? verhallt für die kommenden dreihundert Jahre ungehört.
Aktiv an dieser Umorientierung waren tatsächlich die Humanisten, nicht zuletzt Melanchthon und ganz zuvorderst sogar der ehemalige theologische Aufrührer Luther beteiligt. Ihnen diente dafür das Alte Testament, das aus der Ursünde der Menschen eine Strafarbeitsverordnung für den Bauern macht: Weil Adam Erkenntnis wollte, muß er unter Mühsal den Acker bearbeiten und sein Brot im Schweiße des Angesichts verzehren - der Mensch (Adam) wird aus Strafe Bauer!
In den kommenden drei Generationen wird eine Weltsicht geschaffen, die Prellerei und Betrug, Sklavenhandel und Prostitution, Mord und Krieg geradezu rechtfertigt und als Erfolg darstellt. Wer keinen Erfolg hat, ist von Gott eben nicht prädestiniert genug.






Das Wiedertäufermandat, 1529 auf dem Reichstag zu Speyer beschlossen, ist mitnichten ein religiöses Toleranzgesetz und merkwürdiger Ausdruck der Gewissensfreiheit. Seine gesetzliche Bestimmumgen für eine Verfolgungswelle gegen Christen (!) lauten:
  • Wer sich der Wiedertaufe unterzog, wird mit dem Tod bestraft – ohne Verhandlung durch ein Inquisitionsgericht.
  • Wer seinen neugeborenen Kindern die Taufe verwehrt, wird mit dem Tod bestraft.
  • In andere Territorien entwichene Täufer sind auch dort der Bestrafung zuzuführen.
  • Wer von den Amtspersonen nicht bereit ist, nach diesen Anordnungen streng zu verfahren, muss mit Ungnade und schwerer Strafe rechnen.



Religiöse Intoleranz breitet sich aus

Erscheinen uns die Jahre des Bauernkrieges als eine fanatische Zeit, so sind die folgenden hundert Jahre in den deutschen Landen von viel schlimmeren Fanatismus und Haß der verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen aufeinander gekennzeichnet. Alle Versuche einer Einigung im Sinne der nach 1525 veraltet erscheinenden humanistischen Ideale scheitern. (Das Jahr 1618 wird dafür den letzten Beweis liefern.) Dabei hatten die Intellektuellen bereits wesentlich bessere Gesellschaftsordnungen konzipiert. 1521 brachte Eberlin von Günzburg seine  Wolfaria  in den Druck und 1524 erschien Thomas Morus's  Utopia  zum ersten mal in Basel in deutscher Übersetzung. Die  Tiroler Landesordnung  des Michael Geismeier, 1526 aufgesetzt, erreichte schon fast das Niveau eines Gesetzbuches bewußter Planwirtschaft. Eine interessante Rolle in dieser Sammlung utopischer Schriften kommt der Flufgschrift des Hans Hergot  Von der newen Wandlung eynes christlichen Lebens  zu und die Bibelstelle Lukas I,46-55 bildete eine Quelle für die Zukunftsideale des Thomas Müntzer für seinen theologischen Kommentar in der  Ausgedrückte Entblößung. (10)

Er übt Gewalt aus mit seinem Arm
und zerstreut die hoffärtig sind in ihres Herzen Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Stuhle und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer (11)

Doch nach der Niederlage war die Zeit für Utopien vorbei, vereinzelte Spontanaktionen erstickt, unbelehrbare Dissidenten verfolgt und eingekerkert. Die einzige Fluchtmöglichkeit schien die Hinwendung zum christlichen Gott zu sein. Aufmüpfigkeiten, auch religiös verkleidete, wurden jedoch nicht mehr geduldet. Allein schon wer sich wiedertaufen ließ, wurde nach dem 1529 auf dem Reichstag zu Speyer beschlossen Wiedertäufermandat hingerichtet. Bis 1533 hatte man etwa 700 Täufer getötet. In Exsisheim schätzte man sechshundert umgebrachte Teufel, in Tirol und Graz gar Tausend. Man scheute sich nicht mehr vor Massenhinrichtungen, auf katholischer wie protestantischer Seite. (12) Das Morden suchte sich breitere Bahnen, denn nun erreichten die Hexenverfolgungen, von denen wir heute wissen, das sie nicht zuletzt der Bereicherung dienten, ungeheure Ausmaße. Die jahrzehntelangen Bemühungen zur Wiederherstellung des Aberglaubens, derselben Gespensterseherei, die die Kirchen Jahrhunderte zuvor mutig bekämpften, trugen nach 1525 für die neu und überall auftauchenden Inquisitoren und Richter reiche Früchte. Die Folter, in ihrer gesellschaftlichen Auswirkung auf die Psyche der Allgemeinheit (interessanterweise von heutigen Historikern heruntergespielt), verbreitete ein Klima entsetzlicher Ängste. Jede Angst macht der Wahrheit ein Ende. Im Volk setzten sich zur Scheelsucht auch unsinnige Furcht und Hysterie fest. Unbildung und Astrologie - die offensichtlich immer funktionierenden Mittel für eine Unterwürfigkeit der Bevölkerung, wucherten in den verängstigten Seelen. Menschen aus allen Schichten betrieben Denuntiationen aus Angst und aus Neid. Damit es noch einmal deutlich wird, hier ist die Rede von religiöser Intoleranz innerhalb christlicher Glaubensrichtungen. Da ist noch nicht die besondere Verfolgung selbsdenkender Wissenschaftler genannt. Jene galten als teuflische Zauberer, gar von Hexen geboren. Der Christ Giordano Bruno, gleichermaßen verfolgt von Katholiken, Lutheranern und Calvinisten, wurde öffentlich verbrannt. Der Christ Johannes Kepler mußte seine Mutter im Hexenprozeß verteidigen! In den verschiedenen kleinen deutschen Territorien stritt man im wahrsten Sinne des Wortes mordsmäßig um die Frage, welche der christlichen Religionen die richtige sei.




Niedergang in der bildenden Kunst

Die unkultivierte Niederschlagung der wichtigsten Schicht, also der Nahrungsmittelproduzierenden, hatte tragischste zivilisatorische Folgen in den deutschen Landen. So leitete sich ein beispielhafter kultureller Niedergang ein, deutlich erkennbar in der bildenden Kunst, die immer gesellschaftlicher fungiert als andere Künste. Hier bestimmte nach der militärischen Niederschlagung der progressiven Kräfte der Gesellschaft nur noch der Geschmack der zum produktiven Schaffen völlig unfähigen Fürstenschicht. Wir können heute genaustens verfolgen, wie fast schlagartig eine ganze Richtung in der Architektur, in der Malerei und in der Plastik einfach verschwindet. Diese Heroen aus den künstlerischen und intellektuellen Formationen in der Schlacht um die Realisierbarkeit der Evangelien auf Erden, sind innerhalb weniger Jahre so gut wie ausgestorben. Es gibt in den deutschen Landen keinen nach Dürer, keinen nach Riemenschneider, keinen nach Grünewald und keinen nach Fischer. Jörg Ratgeb wurde gevierteilt und der Sohn Holbeins ging lieber ins Ausland. Was hier in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten kommt ist Repräsentationslust und Protzerei. Der Manierismus ist eine Kunst für reiche Taugenichtse und Parasiten. Zuweilen ist er schön anzusehen, aber viel Seichtes, oft nicht einmal die Andeutung einer Frage nach den Wurzeln wahren Christentums. Aus dem Triumph der kleinen deutschen Landesfürsten (13) wurde ein tragisches und dauerhaftes Schisma im großen Christentum und viele kleinliche Schismerei in Wissenschaft und Kultur, in Produktion und Gesellschaft.





Nachtrag

Ein Berner Chronist schätzte die Zahl der Todesopfer des Grossen Deutschen Bauernkrieges und der anschließenden blutigen Abrechnung auf 130.000.(1) Die Angaben schwanken in den Zahlwerten zwischen 50.000 und eben diesen 130.000. Je dichter wir der Gegenwart kommen, um so kleiner werden die Zahlenangaben und nähern sich der Auffassung eines Jakob Fuggers, eine nicht uninteressante Anpassung moderner Historiker. Aus den alten, uns überlassenen Berichten aber können wir erahnen, das bei fast allen dieser Kämpfe die Bauern eine friedliche Alternative vorgschlugen. Das hatte nichts mit Feigheit zu tun, sondern damit, das Bauern und Handwerker eigentlich keine Soldaten sind. Hier formierten sich arbeitende Menschen unbeholfen zu bewaffneten Abteilungen. Die Anerkennung der Rechte des gemeinen Mannes hätte gewiß eine menschlichere gesellschaftliche Entwicklung gestattet. Allein primitive Habgier und ungebändigte Herrschsucht der Fürsten, weltlicher wie kirchlicher, ließen eine solche nicht zu. Die Rachsucht der Sieger verödete Landstriche für Jahre. Große Gebiete blieben für lange Zeit rückständig. Statt mit kluger Hand die Geschicke ihrer Fronländereien zu steuern, brachten die Unterwerfungsstrategien der Herrschenden politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rückschritt (Ausnahmem bestätigen die Regel). Der Werdegang der deutschen Lande führt tendentiell immer nachvollziehbar, hundert Jahre später in die Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges!
Diese Gefahr wurde nur von wenigen Zeitgenossen vorhergesehen, wie etwa von Jakob Holzwart, der über die Folgen der Niederschlagung der Bauern schrieb:
Es besteht mit Sicherheit die Gefahr, daß einmal eine solche Barbarei entsteht, wie sie niemals in Deutschland bestanden hat. Aber es wäre noch kein Anlaß, über den Untergang der Wissenschaften zu klagen, wenn nicht zugleich mit Wissenschaften und Künsten auch alle heiligen, ehrbaren und bürgerlichen Gesetze, die guten Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten und die Kenntnis aller Kräfte der Natur und der Heilmittel zu Grunde gingen ... (2)

Henri Hauser (1866-1946) verglich das Ende des Mittelalters und den Übergang in die Neuzeit in Europa mit den Geschehnissen in seiner Gegenwart, dem Zeitalter der Hochindustrie. Das brachte ihn dazu, dem 16. Jahrhundert eine gewisse Modernität zuzuschreiben. Dem französischen Historiker wurden spezifische ökonomische und soziale Probleme auffällig:

  • Monopolbildung, Wirtschaftskrisen und Kreditmangel
  • Inflationen und Münzverschlechterungen
  • Entstehung sozial ungeschützter Lohnempfängerschichten mit ihren Tarifkämpfen
  • sich über fast alle Schichten ausbreitende Armut und fortschreitender Pauperismus sowohl für Arbeitende als auch für Kranke, Alte und Waisen
  • konfessionelle Zersplitterung und militante Zuspitzungen in religiösen Auseinandersetzungen
  • Bildungsarmut, Weltuntergangsängste und ausufernder Aberglaube

Nicht von ungefähr bietet sich auch ein Vergleich mit der Gegenwart an. So fehlt beispielsweise der heutigen öffentlichen Darstellung der Habgier deutlich die Kraft moralischer Entrüstung und Empörung. Diese Kraft scheint irgendwie seit 1989 abhanden gekommen zu sein. Eine zielgerichtete Entfremdung vom Wert der Gemeinnützigkeit und die Huldigung der Eigennützigkeit zeigt sich als Hauptgegenstand intensiver Medienaktivität. Menschliche produktive (!) Arbeit - insbesondere die Arbeit der Bauern - findet wenig oder kaum gesellschaftliche Anerkennung - von Arbeit  "im niederen Lohnsektor" schon garnicht zu reden. Seit 1989 fehlt ein Gegenpart und es scheint wie ein großer Rückschritt nach einer Niederlage. Waren die 1990er Jahre vielleicht noch den Wirren eines Umbaus zuzuordnen, haben wir in den ersten zehn Jahren des neuen Jahrtausends ganz andere Erscheinungen festzuhalten. Es ist, als tendiere die gegenwärtige Entwicklung richtungsumkehrend in ein "neues Mittelalter". Resultierten aus den Umbrüchen in den Ware-Geld-Beziehungen vor fünfhundert Jahren die spezifischen Probleme der Neuzeit so scheinen die heutigen virtuellen Geld-Ware-Beziehungen umkehrend und zurück in mittelalterliche Verhältnisse zu führen. (b)





Anmerkungen
(a) Der Schmalkaldische Krieg (1546 bis 1547, auch: Erster Deutscher Krieg) wirkt aus heutiger Sicht wie ein Modelfall für den Dreißigjährigen Krieg. Die Heere aus angeworbenen Söldnern, wenig Landesverbunden, oft unterbezahlt, versorgten sich brandschatzend und plündernd. Unsichere Verkehrswege, zerstörte Dörfer, allgemeine Verarmung und eingeschleppte Seuchen führten in den betroffenen Regionen zum wirtschaftlichen Niedergang. Beiden Kriegsparteien gingen ständig die finanziellen Mittel aus, u.a. im engen aber unsichtbaren Zusammenhang mit der erwähnten → Preisrevolution. Erstmalig wurde die Kriegsführung mit dem Medium Presse unterstützt. Von da an läßt sich bis in die Gegenwart verfolgen, wie Presse sich immer wieder und viel zu leicht als Kriegshetz-Organ mißbrauchen läßt.

(b) Damalige Entwicklungen ließen das Wesentliche der menschlicher Arbeit für die Gesellschaft unsichtbar werden und schafften die Voraussetzung dafür, dem Geldbesitzer völlig ungehinderten Anspruch auf fremde Arbeitsleistung in beliebiger Menge zuzusprechen. Der Geldnichtbesitzer hatte diese Arbeit zu leisten. Die heutigen Entwicklungen lassen sogar den "Wert" einer Ware unsichtbar werden. Dem Besitzer großer elektronischer (virtueller) Geldmengen wird die völlig ungehinderte Freiheit zugebilligt, Preise weltweit selbst festzulegen. Sein virtueller Reichtum unterliegt in Wirklichkeit keiner Kontrolle mehr in der realen Welt. Die Funktionen des Staates sind in dieser Frage technisch nahezu ausgehebelt.
Der Politologe Friedrich Engels beschrieb die Problematik andeutend bereits 1894: "In der entwickelten kapitalistischen Produktionsweise weiß kein Mensch, wo die Ehrlichkeit aufhört und die Prellerei anfängt. Aber es wird immer einen bedeutenden Unterschied machen, ob die öffentliche Gewalt auf der Seite des Prellers oder des Geprellten steht."(15)




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Bauernkriege in dreiundzwanzig Jahrhunderten

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Notizen zum Deutschen Bauernkrieg / Hans Holger Lorenz / 25. März 2015 / HLorenz500@aol.com / WB- To