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"Ist mein gantz undertenig demütig bitt...damit sein fürstlich Gnad mir mein Weib und Kind
der laybeigenschafft ledig sage...",
diese Bitte an den Fürsten zur Freigabe der ihm liebsten Menschen aus der Leibeigenschaft
schrieb der Maler Jörg Ratgeb im Jahr 1510 an Herzog Ulrich.
Sie sollte ihm nie erfüllt werden. Auch eine Fürsprache
der freien Reichsstadt Heilbronn half ihm dabei nicht.
Deren Bürgerstatus blieb ihm dadurch verwehrt.
Sechzehn Jahre später wurde der Mann auf grausamste Weise hingerichtet, weil sich dieser
große Künstler der Reformationszeit unbeirrbar auf Seiten der aufständischen Bauern hielt.
Warum er das tat, ist eine Frage, die sich nach Lesen seiner Bittgesuche von selbst
beantwortet. Sie wurden, wenn überhaupt, abschlägig behandelt.
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| Herrenberger Altar des Ratgeb (rechter Außenflügel) 1518-1519 |
Isenheimer Altar des Grünewald (rechter Flügel) 1512-1515 |
Immer erscheint uns Heutigen die Lage zur Bauernkriegszeit in den verschiedenen deutschen Landen widersprüchlich. So steht z.B. die Frage im Raum, weshalb der adlige Herzog Ullrich, berüchtigt durch seine grausame Niederschlagung der Bewegung des Armen Konrad und seinem Strafgericht an den Schongauer Bauern, weshalb also dieser Mann ab 1522 auf Seiten der Aufständischen zu finden war. In Herzog Ulrich können wir einen typischen Vertreter damaliger Adligkeit sehen: habgierig, gewissenlos, verschwenderisch. Für seinen Lebenswandel ließ er Zölle eintreiben (1512 Weinzoll), Verbrauchssteuern auf Fleisch und Früchte erheben, die Maßgewichte fälschen und das Geld verschlechtern (1514). Seine kriminellen Machenschaften waren damit noch nicht vollständig, 1515 wurde dieser verheiratete Fürst zum Mörder, als er den Gatten seiner Mätresse erschlug. Das blaue Blut vieler Generationen in ihm neigte nicht selten zum Wahnsinn. Politisch war dieser Adlige für die Kaiserlichen geradezu untragbar. Er versuchte ständig gegen den Landfriedensbund zu intrigieren. 1516 sprach Kaiser Maximilian deshalb über ihn die Acht des Reiches aus. Nach Maximilians Tod 1519 gab Ulrichs Überfall auf die Reichsstadt Reutlingen den Anstoß zu seiner Vertreibung. Das bewerkstelligt der Bayer Georg Truchseß von Waldburg, später der berüchtigste Bauernschlächter. Der fliehende Herzog aber begab sich in die Dienste des französischen Königs. Dieser belagerte den noch jungen Kaiser Karl V. in der italienischen Stadt Pavia. Der Franzose Franz I. wollte ebenfalls Kaiser werden, fühlte sich aber von den Habsburgern umzingelt, die in Spanien regierten und in den Niederlanden, in den Donaugebieten und in Tirol Einfluß hatten, auch in Süditalien, Sizilien und Sardinien, und die sichtbar erfolgreich nach Übersee griffen auf Mittel- und Südamerika! Deswegen hielt es der christliche französischen König, nebenbei sei es erwähnt, eher mit den muslimischen Türken als mit dem katholischen Kaiser und dem Papst. Aber Franz I. geriet nach erfolgloser Schlacht bei Pavia in Gefangenschaft. Damit verlor Herzog Ulrich gewissermaßen Zugang zu seinem Dienstherren und zu dessen Geldmitteln. Mit dem finanziellen Verlust verlor der Herzog aber auch seine Schweizer Landsknechte. Schließlich mußte er nun in Württemberger Land allein weiter kämpfen. Fast ohne Soldaten hoffte er da auf die Bauernschaft, die der vielen Fehden wegen in Unruhe gekommen war. Ulrich wollte mit ihrer Hilfe sein Gebiet zurück erobern. Diese standesübergreifende Allianz hatte aber keine tragende Qualität wie wir heute wissen. Damals freilich konnten das die aufrüherischen Bauern nicht wissen, ahnten es aber wohl. Doch die bewaffneten Landleute fühlten sich noch stark und siegessicher. Ein Verhandlungsvorschlag der Aufständischen von 1525 gibt uns Aufschluß darüber, wie die Bauern sich das Ganze gedacht hatten: Neben Herzog Ulrich soll ein Zwölferausschuß (Adel, Städter, Bauern - zu gleichen Teilen) regieren. Ohne Ausschuß darf Ulrich nichts beschließen. Amtleute werden durch den Rat eingesetzt. Vom Zehnt werden Pfarrer und Lehrer bezahlt. Für Wasser, Weide, Wald und Wild wird ein neues Gesetz erarbeitet u.s.w.Nun hielten es die württemberger Bauern nicht so gern mit den Habsburgern, vor allem aber wollten sie: "daß man Frieden mache, daß wir nicht alle vier Wochen Krieg hätten..." . Ihre Unruhen ergaben sich aus den ewigen militärischen Rangeleien der Provinzadligen. |
Hier sei nur die Rede von zwei möglichen verschollenen Arbeiten, denn es gibt sehr verschiedene Aussagen und Vermutungen über verschollene Werke dieses Künstlers, dessen Bestrafung für seine Teilnahme am Aufstand der Bauern noch über die grausame Hinrichtung hinausging. Alle seine Kunstwerke sollten vernichtet, sein Name ausgelöscht sein für alle Zeiten. Der Totalverlust an Zeichnungen und Entwürfen, den wir heute konstatieren müssen, läßt den Eindruck entstehen, das die primitiven Schergen Erfolge vermelden konnten. Von Ratgebs Zeichnungen, vornehmlich auf rötlich getönten Papier mit brauner Tinte aufgetragen, sind uns nur drei erhalten. Sie befinden sich Kupferstichkabinett in Dresden. Und sie betreffen Altar-Entwürfe, die Themen des Neuen Testaments aufgreifen. Es entsteht durchaus die Frage, warum sich die Vernichtungsaktionen so auf Ratgeb konzentrierten. Wir können nicht wissen, welche uns heute völlig unbekannten Künstler noch von der Raserei der Sieger betroffen waren. Auch die Bilderstürmerei der Aufständischen muß man mit berücksichtigen. Wie zu allen Zeiten gab es auch während der frühbürgerlichen Revolution eine Vielzahl unbekannter "kleiner" Künstler, die Dorfkirchen und Hausaltäre schmückten. Aber Ratgeb, zweifellos einer von den Großen, konnte Vorbilder für jene schaffen! Und Ratgeb bevorzugte offenbar Themen des Neuen Testaments - nicht ohne Grund! Nach den Erfahrungen schlimmster Verweltlichung der Kirche beschäftigten sich Künstler gerade deswegen mit den neuen Evangelien um die reinen Ideale des Menschseins zeigen zu können. Gerade im Neuen Testament offenbart sich ja das eigentlich (und tatsächlich) Revolutionäre des Christentums: nicht Habgier soll die Welt regieren sondern Nächstenliebe. Nicht Reichtum ist das Glückseeligmachende sondern die selbstlose Tat. Christus wendet sich den Armen und Verlassenen zu, nicht den von Habgier und Macht Besessenen! Und sein schwerer Weg beginnt mit einer Minderheit! Da muß er mitten hindurch durch einen riesigen tobenden Mob, der in damaliger political correctness den Außergewöhnlichen am Kreuz bluten sehen will. Da ist schon ein Unterschied lesbar und sehr deutlich zwischen dem gekrümmten Schmerzensmann und der johlenden Menge, zwischen der Bescheidenheit der Apostel und den sich viehisch gebärdenden Soldaten, zwischen pompöser Fürstlichkeit und duldsam ertragener Marter! Aber auch bei einem christlichen Maler wie Ratgeb wird mit den Jahren seines Schaffens der Ausdruck seines Christus zunehmend "bitterer". Das mögen die Bauern wohl am allerbesten verstanden haben! Das Martyrium der heiligen Lucia von SyrakusDas Verbreitungsgebiet des Kults der Lucia-Legende liegt im Westen, ausgehend vom St.-Vincenz-Kloster in Metz, wo Lucia ihre letzte Ruhestätte gefunden haben soll. Es ist also durchaus denkbar, das in diesem weitläufigem Raum, man vermutet sogar, das es sich um zwei Altäre des Ratgeb handeln könnte, Werke des Meisters befinden, die das Lucia-Thema behandeln. Existieren Holzschnitte der Frankfurter Wandmalereien ?Die Wandbilder im Karmeliterkloster entstanden zwischen 1514 und 1517. Wichtig ist hierbei, das das Schaffen von Formaten dieser Größe (etwa 600 m2) Entwurfszeichnungen unbedingt voraussetzt. Diese Zeichnungen sind offenbar vernichtet worden, vielleicht sogar im Zuge der Bestrafung des Malers - es können aber auch völlig andere Umstände gewesen sein, die dazu führten. Solche Zeichnungen hätten Grundlage für einen ganzen Holzschnittzyklus sein können - und sei es ein retrhekrevnetieS ! Die Frage nach einer Holzschnitt-Darstellung ist deswegen relevant, weil sich die Mönche dieser Bruderschaft besonders um Buchdruck und Bücherverbreitung verdient gemacht hatten! Sie mußten ein sehr reales Interesse daran gehabt haben, Episoden aus der Geschichte ihres Ordens in Bilderzählungen unter die Leute zu bringen. Schließlich empfanden sie es als ihre definitive Aufgabe, den Armen die christliche Lehre nahe zubringen und sie waren Meister in Organisation und Technologie der Schwarzen Kunst. Als subjektiver Faktor könnte zugleich das aktive Wirken des Priors Fleckenböhls angeführt werden, der sich als sachkundiger und tatkräftiger Auftraggeber für die Frankfurter Wandmalereien erwies. Seiner Unterstützung für einen Holzschnittzyklus hätte sich Ratgeb oder auch ein anderer Künstler gewiß sein können. Für diese Tatkraft gilt jedoch auch eine Umkehrung: mit gleicher Aktivität hätte dieser Kirchenmann nach der Verurteilung des Malers eine Vernichtung aller Unterlagen und Druckstöcke betreiben können um sein Kloster zu schützen und seinen "guten Ruf" zu bewahren. Die Wandbilder waren ohnehin nicht jedem zugänglich und blieben in den Klostergängen abgeschlossen vor zudringlichen Blicken. Aber vielleicht haben sich doch einige gedruckte Blätter in den Weiten und Zeiten verirrt... |
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| Jörg Ratgeb | verschiedene Namen-Varianten: Jörg Rathgeb, Jerg Ratgeb, Jorg ratgeb, Jörg Rathgeben, Georg Ratgeb, Jörgen Schürtz, Georg Schwed, |
| Ulrich von Württemberg | Eitel Heinrich (1487-1550), zwischen 1498 und 1550 Herzog von Württemberg. Nach Maximilians Tod 1519 gab Ulrichs Überfall auf die Reichsstadt Reutlingen den Anstoß zu seiner Vertreibung durch den Bayern Georg Truchsess von Waldburg-Zeil im Auftrag des Schwäbischen Bundes. Ulrich wurde verbannt und Württemberg wurde durch den neuen Kaiser Karl V. dem Haus Habsburg unterstellt. Ulrich unternahm mehrere erfolglose Versuche, das Land zurückzugewinnen, am weitreichendsten 1525 im Zuge des Bauernkriegs, wo er mit Hegauer Bauern und Schweizer Söldnern bis vor Stuttgart ziehen konnte, aber wieder vertrieben wurde. |
| Claus Stalberg | Patrizier der Stadt Frankfurt a.M. Sein Name ist als Stifter an der Wandmalerei des dortigen Carmeliterkloster zu lesen. Das Gemälde an der Südwand des Kreuzganges "Anbetung der Könige" stammt von Jerg Ratgeb. |
| Margarete von Rein | Frau des Claus Stalberg. Als Stifter im Carmeliterkloster Frankfurt a.M. mit der Bildunterschrift "Claus Stalberg, Margaretha v. Rein sein Husfruw 1515" von Ratgeb erwähnt. |
| Rebmann | Probst in Herrenberg, Auftraggeber für den Herrenberger Altar, 1517 gest., Nachfolger wurde Benedikt Farner. |
| Benedikt Farner | Probst in Herrenberg, der Ratgeb die Arbeit für den Herrenberger Altar fortsetzen läßt und 1519 den Rat und das Gericht von Herrenberg sowie schwäbische Maler zur Besichtigung des Werkes einlädt. |
| Hans Wunderer | Baumeister aus Pfaffenhofen (bei Brackenheim), Anführer des Zabergäuhaufens, vereinte sich mit der Schar des Matern Feuerbacher.Konnte nach der Schlacht bei Herrenberg u. Böblingen fliehen, trat später in die Dienste des Landgrafs Phillipp von Hessen. (NVA 9 S.218) |
| Anton Eisenhut | Anführer der Kraichgauer Bauern,ehem.Pfaffe, radikaler Eiferer. Seinem Haufen fielen Schlösser und Klöster zum Opfer.(NVA 9 S.218) |
| Theis Gerber | eigentlich: Matthias Angerer, Hauptmann des Stuttgarter Truppenkontigents, das zur Unterstützung der Bauern gestellt wurde. Hatte für achtzig Gefallene in der Schlacht von Sindelfingen Rechtfertigung abzulegen, entzog sich dem drohenden Kriegsgericht des Schwäbischen Bundes duch Flucht. Gerbermeister. Strengte einen Prozeß gegen Stuttgarter Bürger an, der erst 1541 vor dem Rottweiler Reichsgerichtshof verhandelt wurde. Zuverlässiger Trabant des Herzog Ulrich. |
| Hanns Gyer | genannt Ziegler, alter Winzer, sagt als Zeuge im Prozeß von 1541 aus, das er wisse, das "Jorg ratgeb gefiertaylt sy wordenn..." aber warum wisse er nicht. |
| Jörg Sauernagel | Weingärtner, früherer Nachbar des Jörg Ratgeb. Zeuge im Prozeß von 1541. Sagt aus, das er Ratgeb lange als Nachbar hatte, der friedlich und gut zu den Leuten war und kein Huhn erschrecken konnte. Warum der gevierteilt wurde, weiß Gott allein. |
| Hamann von Fleckenböhl | Prior, Auftraggeber der Frankfurter Wandgemälde |
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| Brief Ratgebs an Stalberg vom 3.10.1518 | Aufgebot der Bauernobersten an den württembergischen Adel |
| Bild | Bilderverzeichnis | Quellen |
| Bild oben rechts | Ausschnitt aus: Der Herrenber Altar 1519 linker Innenflügel: Verlobung Mariae |
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| Bild mitte links | Der Herrenber Altar 1519 | http://www.bauernkriege.de/herrenberger.JPG Bildausschnitt Quelle für die Bearbeitung: wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Jerg_Ratgeb_001.jpg |
| Bild mitte rechts | Isenheimer Altar des Grünewald | Bild aus www.bauernkriege.de |
| Karte links | Militärische Auseinandersetzungen bei Herrenberg und Böblingen 9.-12.Mai 1525 | Kartenmaterial
zum Deutschen Bauernkrieg http://www.bauernkriege.de/bkarten.html |
| Zeichnung links | Das Martyrium der heiligen Lucia von Syrakus | Bild aus www.bauernkriege.de |
| Bild links | Verlobung Mariae Bildausschnitt aus dem Herrenberger Altar |
Bild aus www.bauernkriege.de |
| Dokument links | Brief Ratgebs an Stalberg vom 3.10.1518 | (6) |
| Dokument rechts | Aufgebot der Bauernobersten an den württembergischen Adel | (7) |
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