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| Fangen wir damit an, das Tilman Riemenschneider einer von den Erfolgreichen war,
wenn man dem heutigen
Sprachgebrauch folgt. Etwa wie Albrecht Dürer oder
Lucas Cranach d.Ä..
Er besaß eine eigene Werkstatt und beschäftigte
zeitweilig 18 Gesellen, was zu damaliger Zeit mehr als ein Kleinbetrieb bedeutete. Seine Werke
lieferte er nicht nur ins mittlere Maingebiet sondern auch nach Thüringen, Obersachsen und Böhmen.
Wenn man so will, war Riemenschneider ein ziemlich erfolgreicher Kapitalist in Würzburg. Aber das
zeichnete ihn nicht aus. In dieser Zeit, die man getrost frühbürgerliche Revolution nennen darf,
ist so etwas nicht mehr neu, es gibt schon richtig große internationale Handelskompanien, denen gegenüber
zählt die Werkstatt in Würzburg tatsächlich zu den kleinen. Was Riemenschneider auszeichnete, ist seine menschengetreue Kunst. Eine Kunst, die uns heute noch etwas über die Menschen zu sagen hat und die wir im Gegenwartsschaffen nicht mehr so ohne Weiteres finden werden. im Beweinungsaltar in der Pfarrkirche von Maidbronn Im Unterschied zur positionslosen Kunst der Gegenwart ist Riemenschneider ein Beweis dafür, das Kunst und Künstler nicht fern von der realen Welt existieren und arbeiten, sondern unmittelbar beteiligt sind und Partei ergreifen. Seine Zeit war gerade eine der starken und großen Bewegungen, die sich in Reformation und Bauernkrieg emanzipieren wollten. Man diskutierte nicht nur darüber, das man zurück zu den Evangelien der Bibel strebte, man versuchte, danach zu leben. Papst und Kirche hatten sich disqualifiziert durch unglaubliche Gewinnsucht, die selbst dem neu entstehenden Bürgertum zuwider wurde. Die Intellektuellen der damaligen Jahre - und das müssen Intellektuelle tun - geißelten nicht nur Üppigkeit und Hochmut der Pfaffen, sie stellten die Wespennestfrage der Reformation: Kann diese Kirche überhaupt die Bibel richtig interpretieren, vermag sie die Sprache der Heiligen wahrheitsgemäß auszulegen? Diese Frage war kein einfaches "Zurück zur Bibel" mehr, diese Frage stellte schon eine geistige Revolution dar, denn sie hielt zugleich Ausschau nach neuen Wegen zur Gestaltung des alltäglichen Lebens der arbeitenden Menschen. Um diese geht es, um die Bürger und die Bauern, um die ehrlich zu Gott aufsehenden Prediger, um die redlichen Kaufleute und die Handwerker. All diesen Menschen begegnen wir in den Figuren des Künstlers Riemenschneider, der sich nicht zu fein dafür war, Partei zu ergreifen für die Sache der Bauern. Und das in einem Krieg, in dem sich nur die Klügsten und Mutigsten auf die Seite der Unterdrückten stellten. Ausgemacht war ein Sieg der fortschrittlichen Geister nicht, es war nicht abzusehen, wer in diesem Kampf gewinnen wird, aber die Frage, ob man auf Seiten derjenigen stand, die nach dem reinen Evangelium leben wollten, die war einfach mit ja oder nein zu beantworten. Bei Riemenschneider wissen wir genau, auf wessen Seite er stand, und das, obwohl die Gegenseite versucht hat, ihn nachträglich zu verleugnen. Auf dem Altar in der Kirche von Maidbronn haben die damaligen Sieger eine lateinische Inschrift angebracht, die übersetzt ungefähr so lautet: Im Jahr 1525 haben die ostfränkischen Bauern, vom wahren Glauben abgefallen, diese Stätte und andere Klöster und Burgen, schlimmer als Feinde, durch Plünderung und Mord und Brand verheert, bis sie durch Waffengewalt besiegt wurden und im folgenden Jahr dafür dieser Altar zu Ehren der glorreichen Mutter Gottes und des Heiligen Kilian und seiner Gefährten errichtet wurde. In diesen Altar hatte Riemenschneider eines seiner wenigen Selbstbildnisse eingebracht, und wer sehen will, kann es sehen: fragende Trauer um den niederliegenden Gekreuzigten, der muskulös und dünn statt fett und feist, ein wahres Bild des Glaubens zeigt. Unter den Menschen an Christus Seite finden wir nicht einen einzigen, der so aussieht wie die Pfaffen aus dieser bewegten Zeit. Altar: Die Beweinung des Herrn Wie schon einmal im Jahre 1399 hatten die Würzburger sich gegen den Bischof erhoben. Dieses mal nicht etwa weil der besonders drastische Abgabeleistungen verlangte, sondern weil er aus herrschaftlicher Arroganz verhandlungsunfähig war. Das zeigte er nicht nur dadurch, das er von der Burg aus auf die ungedeckte Stadt herabschießen ließ - sein wahres Christentum sollte sich auch darin zeigen, welche Kontributionen er den Städtern auferlegte, nachdem die Bauern ihre Schlachten verloren hatten. Zwei Wochen lang hielt man die Ratsherren in Haft und sie hatten ein klägliches Papier unterschreiben müssen. Mit ihrem gesamten Vermögen hatten sie für Schäden zu haften. Die Stadt hatte alle Rechte verloren, der Bischof setzte von nun an die Räte selbst ein. Nach der Entwaffnung der Städter hetzte sich eine gnadenlose Verfolgungsjagd durch die Straßen. Über sechzig Enthauptungen fanden auf den verschiedenen Plätzen der Stadt statt, obwohl die Würzburger sich kampflos ergeben hatten. In der Kapitulation wurde von den Siegern ein Kapitel durchgesetzt, das die Bestimmung der Wiedergutmachungen an den Bischof von ihm selbst festgelegt werden durfte: ein Fest der ungehemmten Habgier sollte daraus werden. Die Stadtmauern wurden geschleift, die Festung oben auf dem Berg aber blieb dem Herrn, trug dem Bischof offenbar allein genügend Schutz vor der merkwürdigen Türkengefahr - die Stadt selbst blieb von nun an ungeschützt. Und Schutzlosigkeit war die Voraussetzung für die Erpressung: das bischöfliche Rentamt legte die Zahlungen jedes einzelnen Bürgers fest. Nach Zahlung einer festen Summe war zukünftig jeder dritte Pfennig des Guts abzugebn. Niemand durfte etwas verkaufen, ohne vorher das Amt zu verständigen. So ging billiger Boden an den Stift. Immer noch nicht schlimm genug: sämtlicher Gemeindebesitz (Geld, Schätze, Häuser) wurde eingezogen, das Spital für die Armen ging der Stadt verloren. Privilegien und Urkunden über Freiheiten und Rechte wurden ausgeliefert - kein gesetzlicher Rückhalt war den Menschen geblieben. Und schließlich noch das Reiseverbot für Steuerschuldige, und das betraf nach Erhebung der Kontributionen fast jeden in der Stadt. Um die Erniedrigung zu vollenden, hatten die Bürger in öffentlicher Versammlung ein erniedrigendes Demutsgelübde abzulegen, in der sie ihre Schuldigkeit eingestanden und ihre eigenen Ehrlosigkeit zu bestätigen hatten und die Verpflichtung abgaben, für alle Zeiten keine Verteidigungsmittel mehr zu beanspruchen. Wehr- und Waffenlos hatten sie zu bleiben. Sollten sie dagegen verstoßen, dürfe der Herr mit ihrem Leben und ihrem Besitz verfahren, wie er wolle. Zum Abschluß dieser wahrhaft christlichen Zeremonie wurden noch weitere zehn Bürger und ein Bauer vor dem versammelten Schwurchoral hingerichtet. Im Altar für die Pfarrkirche in Maidbronn, das letzte größere Werk von Riemenschneider, ist ein sehr wichtiger Moment festgehalten, der uns das Wesen des Christentums verständlicher machen soll: die Geschichte der heimlichen Kreuzabnahme. Jesus ist am Ende seiner Leiden und vor dem Wunder seiner Auferstehung! Er hatte das Leiden für die Menschen auf sich genommen, doch ihnen blieb die Trauer um seinen Tod und der Mutter Gottes ein Schmerz, den die sie umgebenden Gestalten zu mildern versuchen durch Anlehnung und Hilfsbereitschaft. An den hoch drohenden Kreuzen vorbei schweben Engel, die als zarte Vorboten eine Auferstehung ankündigen zu wollen scheinen , aber eben noch nicht dürfen. Und an die Auferstehung glaubte Tilman Riemenschneider ehrlichen Herzens. Deswegen hat das dargestellte Leid, das den Menschen dieser wilden Zeit tagtäglich begegnete, hier nichts Entwürdigendes! Vielleicht schaut deshalb Maria auch friedsam und ergeben... Der Nikodemus ist eine außerordentlich interessante Figur in der Religionsgeschichte des Christentums. Von ihm wird nur sehr wenig berichtet, dafür aber an einer der entscheidensten Stellen. Er stellte die Frage nach der Wahrhaftigkeit des neuen Glaubens an die Auferstehung. Denn Nikodemus war in der Tagen des Jesus ein (reicher!) Anhänger der alten Religion geblieben und erhielt in einer geheimen Nacht von Jesus eine Lehrstunde zum neu entstehenden Glauben. Ihm blieb die Sache aber unklar, als ein Parteigänger der korrupten und verlogenen Pharisäer kann er nicht gleich begreifen, was Jesus ihm zu sagen hat. Der Gottessohn selbst aber wußte um die Welten, die beide von einander trennte, indem er Nikodemus die eine Gegenfrage stellte: "Glaubt ihr nicht, wenn ich euch von irdischen Dingen sage, wie werdet ihr glauben, wenn ich euch von himmlischen Dingen sage?" Belehrt aber ungläubig ging Nikodemus zurück zu seinen Leuten und verteidigt Jesus. Den hohen Priestern und reiche Handelsherren mußte eine Gestalt wie Jesus unbedingt suspekt gewesen sein und sie veranlassten seinen Tod. Erst nach dessen Auferstehung wird Nikodemus begreifen, das Gott die Welt liebte , das er ihr seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben erhalten. Nikodemus, außerstande gewesen, eine Kreuzigung Jesu zu verhindern, hilft traurig bei der Kreuzabnahme und um Jesus zu Ehren, spendet er außergewöhnlich viele (altgläubig erforderliche) und teure Duftkräuter. Er muß aber noch Fragen in sich fühlen, denn die Auferstehung ist ihm noch nicht erkennbar. Riemenschneider entschied sich für die Selbstdarstellung in der Figur des Nikodermus nicht nur aus Bescheidenheit. Er entschied sich für den Mann, den das Leid besonders hart ankam, da seine Fürsprache für Jesus in den Ohren der reichen Herren ungehört blieb. So konnte Nikodermus die Qual des Gottessohnes nicht verhindern, so blieb ihm nur die Trauer, blieb ihm das Leiden. Genau jene Erfahrungen, die Riemenschneider lebenslang begleiteten und bestimmten. Aber dadurch begreift er eben wie dieser unbekannte Nikodemus, das Gott seinen Sohn nicht in die Welt gesandt hat, damit er die Welt richte, sondern das die Welt durch ihn gerettet werde! |
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Die Sage um den heiligen Totnan liest sich heutzutage ungefähr so: Ein Dreiergespann von Mönchen
setzt sich von Irland aus in Bewegung nach Germanien um dort die Heiden zu bekehren.
Sie bringen nicht nur Religion sondern auch landwirtschaftliche Kenntnisse mit, was sie für
die Einheimischen glaubhafter macht. Die Sache blieb aber ambivalent und konfliktlos
ging der neue Glaube nicht in die Menschen. So verbot eine der neuen Regeln, das Witwen
wiederverheiratet werden. Dagegen wehrte sich die betroffene Frau und ließ schließlich die drei
heiligen Einwanderer in einer Kirche erschlagen. Einer von denen hielt den rabiaten Mördern noch ein Buch entgegen
und das war wahrscheinlich besagter Totnan. Die Rache des neuen Glaubens ließ nicht lange auf sich warten, gehört
aber schon nicht mehr hierher, denn sie war weniger christlich als mörderisch. Wichtig an dieser Geschichte ist hier der tapfere Wehrlose, der das Buch hoch hält! Zeitweilig ist das Buch eben dem Schwert gegenüber zu schwach.
In der Redlichkeit liegt aber zugleich die Schwäche gegenüber der Habgier. Mit Redlichkeit vermag niemand in dieser Welt reich werden. Doch etliche wollten den Gegenbeweis im Leben antreten. Riemenschneider war so einer, ein harter Arbeiter, ein begnadeter Künstler, ein bewußter Bürger, dessen zwanzigjährige Tätigkeit im Rat kein geringer Beweis ist! Trotz einiger Wohlhabenheit kennt er das Leid, der Tod war nicht selten in seiner Familie zu Gast. Aber die Evangelien gaben ihm Kraft zum Glauben und zum Leben. Und dabei spielt das Buch eine besondere Rolle. Im Gegensatz zu den Unruhen der Hussitenzeit existierte ein neues Medium in der Welt, das Gedanken speichern und massenhaft verbreiten konnte: das gedruckte Buch. Genau genommen nicht nur das gedruckte Buch, auch das schnell gefertigte Pamphlet, die hastig verteilten Flugschriften. Und selbst in der Geistlichkeit hatte sich eine Dreiteiligkeit herausgebildet: Die hohen Pfaffen ( wie eben der Bischof von Würzburg), die sich längst von jeder religiösen Inhaltlichkeit entfernt hatten und mehr dem Feudaladel glichen. Die mittlere Schicht der Geistlichkeit, die zunehmend aus Angehörigen der bürgerlichen Schichten entstammte, zuweilen akademisch und humanistisch hochgebildet. Und schließlich die niedere Geistlichkeit. Alle diese Leute vertraten nicht einfach eine gemeinsame christliche Auffassung, nein sie waren ebenso vielschichtig in die Fragen der Zeit involviert, wie auch die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung - die Bauern. Aber der Buchdruck hatte ihnen die völlig neue Möglichkeit gegeben, die Wahrheiten aus der Bibel selbst zu lesen, die Evangelien selbst erkennen zu dürfen. Und wer nicht lesen konnte, ließ sich vorlesen - nicht in Latein sondern in der Landessprache. Die Schreibkundigen spielten in den Bauernhaufen eine äußerst wichtige Rolle, oft hatten sie sogar eine führende Funktion inne. Der Buchdruck brachte den Humanisten die Möglichkeit, ihre Ansichten weit zu verbreiten, ihre Ziele besser zu formulieren und den vielen Gleichgesinnten tatsächlich zum ersten mal klar zu machen, das sie mit ihrem Denken und Fühlen keine Ausnahme bilden sondern das es sehr viele sind, die genau so glauben und hoffen. Das Buch, im weitesten Sinn und das Buch im Sinne von die Bibel hatten in jener Zeit etwas verändert, aber nicht nach Wunsch der habgierigen, fetten und feisten Kleriker. Hier hält ein anderer Mensch das Buch, einer von den Wissenden und Wissen-Wollenden. |
um 1510-1520 (Lindenholz) |
Das Jahr der Erschaffung der Muttergottes aus Tauberbischofsheim läßt sich heute nicht mehr genau bestimmen, man vermutet es zwischen 1510 und 1520, also noch vor den Geschehnissen des Bauernkrieges und noch vor den wilden Ereignissen des Frühjahrs 1525 um Würzburg. Aber keiner dieser Kämpfe brach abrupt aus. Diese Feuerstürme eines Bürgerkrieges waren für Künstler, die eine aus der Masse heraus hervorragende Empfindsamkeit für gesellschaftliche Vorgänge auszeichnet, ahnbar oder zumindest zu befürchten. Die sozialen Widersprüche nahmen durch völlig verblendete Habgier solche Ausmaße an, das sich keine friedlichen Lösungen mehr andeuteten. Der Einfluß des römischen Rechts brachte ausgerechnet die produzierenden und schöpferischen Schichten in eine unauflösliche Abhängigkeit von geistlichen und adeligen Herren, die selbst unfähig zu gesellschaftlicher Steuerung zivilisatorischen Lebens blieben. Der Druck der rechtlich meist garnicht festgestellten und immer öfter willkürlich gesteigerten Lasten hatte schon manche Aufruhr veranlaßt, ohne das eine besonnenere Herrschaftsausübung dem entsprochen hätte. Die Zukunft der bürgerlichen Menschen kennt mit Reformationsbeginn eine neue Form des Evangeliums, der Sohn dieser Mutter wird sie bringen und verkünden... Doch es wird nicht ohne große Opfer gehen, das größte Opfer wird dieser Sohn selbst bringen müssen und es scheint, als wüßte diese Mutter bereits darum... Der Grad der dauerhaften Entfremdung vom Menschenbild in der Kunst ist eine Meßmethode, wie weit und wie lange noch ein definierter Unterdrückungsprozeß sozial aufrecht erhalten werden kann. Der Beginn einer Auflehnung in der Kunst zugunsten des Menschenbildes widerspiegelt stets den Beginn der Anmeldung von sozialen Ansprüchen einer zur Kunst fähigen neuen Schicht. Das wird besonders deutlich in der bildenden Kunst. Hier bietet die Muttergottes aus Tauberbischofsheim auch historisch ein besonderes Beispiel, weil sie uns immer zeigen wird, das Kunst ohne menschliche Darstellungskraft ihren eigentlichen Sinn verliert. Eine solche Kunst mußte den damaligen Herrschenden mehr als ein Dorn im Auge sein. Das war eine Kunstauffassung, die vor dem Volk verschlossen bleiben sollte. Es müßte den heutigen Erfolgreichen des sogenannten Mittelstandes zu denken geben, das ein Mann wie Riemenschneider schließlich mit seiner ganzen aufstrebenden Schicht aufs engste verbunden, künstlerisch wie sozial, bildnerisch wie politisch, in einem Kampf unterlag, der ausschließlich gegen finsterstes Altzeitdenken der Habgier ausgerichtet war. Die bittere Konsequenz der Niederlage lautete nämlich auch wirtschaftlicher Niedergang. Und aus guten Gründen wird heute die Tatsache verleugnet, das diesem Künstler schließlich die Hände gebrochen wurden - eben weil seine Kunst - bildnerische Kunst der menschlichen Darstellung den Herrschenden zu gefährlich schien! Man tut so, als könne man heute dafür keine Beweise mehr finden, außer der einen Tatsache, das Riemeschneider nach seiner Gefangenschaft keine großen Werke mehr zustande brachte. Man schiebt es auf eine fehlende Nachfrage - es klingt wie aus einem aktuellen Börsen-Newsticker abgeschrieben - wohl wissend, das die siegenden Herren gerade in der Stadt Würzburg und ihrer Umgebung eine Strafexpedition nach der anderen vollführten, deren fester Bestandteil Folter und Totschlag waren. Es ist völlig einleuchtend, das gerade heute so getan werden muß, dem Künstler ein Versagen selbst zuzuschreiben, da man entgegen allen Erkenntnissen der bürgerlichen Aufklärung, die Jahrhunderte brauchte, um einfache humanistische Grundregeln zu erklären, die Folter durch dienende Knechte wieder gesellschaftsfähig machen will. Es ist kein Zufall, das gerade beim erfolgreichen Künstler Riemenschneider die Geschichte seiner Kunst und seiner Qualen umgeschrieben werden soll! Vorgebliche Naivität ignoriert, das die Namen primitiver Folterknechte in ihrer Bedeutungslosigkeit verloren gehen. Bleibende Bedeutung errangen dagegen Riemenschneiders Kunstwerke und uns sind davon wunderbarerweise einige der Schönsten des großen Meisters erhalten geblieben. Vielleicht ahnte das schon die Mutter Gottes, denn in ihrem Antlitz ist eine Ernsthaftigkeit - nicht Angst oder Furcht - sondern eine Ernsthaftigkeit, die den heutigen Betrachter nachdenklich stimmen sollte... |
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In der Gegenwart, die besonders von sogenannten neoliberalen Tendenzen durchdrungen ist,
wird ein Aspekt
unmerklich übergangen, der mit dem blutigen Ende der Bauernrevolten zu tun hat. Eine Erkenntnis, die in der
Kunsttheorie bereits lange bekannt ist, wird heute nicht negiert, sie wird einfach verschwiegen. Denn das Ende der
Kunst eines Arbeiters wie
Riemenschneider einer war, zugleich doch ein erfolgreicher Kapitalist, ist wie ein im
Brennglas festgehaltenes Moment von einem
viel schlimmeren Ende. Mit dem Herabsinken des Bauernstandes nach der Niederlage der Landmänner waren zugleich christliche Werte ungültig geworden, nämlich die der Einfachheit und der Arbeit. An ihre Stelle traten Bereicherung und Betrug besonders hervor, Arbeit selbst wird in Europa für lange Zeit von großen Künstlern nicht mehr dargestellt, erst mit dem Aufkommen des französischen Impressionismus und des russischen Realismus werden die arbeitenden Menschen wieder in der bildnerischen Kunst erscheinen... Mit der Erniedrigung der Bauern auf dem Land ging ein Freiheitsverlust der Bürger, gar eine Entmachtung der Städte einher. Die schwankende Politik der Städte hatte selbst den damals tatsächlichen Liberalen keinen Profit gebracht. Aber mit dem würdelosen Abstieg der freien Städte war geradezu zwangsläufig ein Absinken in der Wissenschaft und in der Kultur verbunden. Damit bahnten sich in unaufhaltsamer Weise die völlig unzivilisierten Religionskriege geradezu zwanghaft an. Und immer noch ist damit der Niedergang nicht ausreichend beschrieben, denn ein Absinken im Niveau in der Wissenschaft und in der Kultur schaltete nicht nur die politische Herausbildung eines deutschen Nationalstaates aus, er beschädigte auch eine kulturelle oder zumindest religiöse Einheitlichkeit Europas so nachhaltig, das über fünfhundert Jahre später offene Ressentiments hinsichtlich einer religiös christlichen Einigung weiterhin als zumutbar gelten! Es muß nachdenklich darüber stimmen, das die unkultivierte Niederschlagung der Schicht der damals wichtigsten Nahrungsmittelproduzenten zivilisatorische Folgen hatte, das sich merkwürdige Profiteure in das Rampenlicht der Geschichte schieben konnten und das sich ein komplexer Niedergang einer Gesellschaftsformation damit einleitete. Kunsttheoretisch betrachtet, ist dieser Vorgang relativ einfach zu beschreiben: die bildende Kunst, die gesellschaftlicher fungiert als andere Künste, wird nach der militärischen Niederschlagung der produzierenden Kräfte der Gesellschaft nur noch vom Geschmack der zum produktiven Schaffen völlig unfähigen Fürstenschicht bestimmt. Wir können genaustens verfolgen, wie fast schlagartig eine ganze Richtung in der Architektur, in der Malerei und in der Plastik einfach verschwindet. Diese Heroen aus den künstlerischen und intellektuellen Formationen in der Schlacht um die Realisierbarkeit der Evangelien auf Erden, sind innerhalb weniger Jahre so gut wie ausgestorben. Es gibt in den deutschen Landen keinen nach Dürer, keinen nach Riemenschneider, keinen nach Grünewald und keinen nach Fischer. Jörg Ratgeb wurde gevierteilt und der Sohn Holbeins ging lieber ins Ausland! Was in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten kommt ist Repräsentationslust, Protzerei und Manierismus. Vieles ohne Inhalt, nicht einmal die Andeutung einer Frage nach den Wurzeln des wahren Christentums. Aus dem Triumph der kleinen Landesfürsten wurde ein tragisches und dauerhaftes Schisma im großen Christentum und viele kleinliche Schismerei in Wissenschaft und Kultur, in Produktion und Gesellschaft. |
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Riemenschneiders Bildschnitzer- und Bildhauerschaffen knüpft an die Kunst Schwabens und des Oberrheins an.
Offenbar studierte er die Naturnähe und psychologische Charakterisierung der
Arbeiten des
Nicolaus Gerhaerts van Leyden.
Die aufrechte Menschendarstellung und den Ausdruck ihrer Würde mag er
bei Gregor Erhart gesehen haben.
Graphische Vorbildwirkungen gingen vielleicht von
Martin Schongauer
und
Albrecht Dürer
aus. Als Material bevorzugte er Lindenholz und Sandstein, seltener Marmor und Alabaster. Mit zunehmender Erfahrung werden seine Arbeiten aussagekräftiger und plastischer. Die immer anspruchsvolleren Kompositionen bringen verschiedenste menschliche Charaktere und Gefühle zum Ausdruck, niemals reicht ein einmaliges Hinsehen. Auch nach längerem Betrachten gibt er neue Geschichten preis, auch bei wiederholten Begegnungen mit seinen Figuren findet man neue Aussagen. Eine gewisse Mystik klingt da schon aus dem Holz oder aus dem Stein, der Falten zu werfen vermag. Besonders in den Schnitzaltären geht Riemenschneider seinen Zunftbrüdern voraus. Zur Gestaltung seiner Menschen braucht er nicht die flächendeckende Farbe - Riemenschneider braucht das Licht, das Göttliche! Er nutzt allein das Licht und die Schattenspiele bringen alles von selbst in Bewegung. Weil Bewegung mehr Raum erfordert, durchbricht er die Rückwände der Altäre. Seine (Heiligen-)Geschichten folgen zartfühlender Lyrik, seine volkstümlichen Helden vermeint man zu kennen, als wäre man ihnen sogar in der heutigen Zeit begegnet. Seine Menschengesichter könnten auch aus der Jetztzeit gekommen sein. Diese Schönheit ist nicht ohne Parteienkampf - diese Schönheit, allgegenwärtig, ist immer auf der richtigen Seite, auf der der Menschlichkeit. Damit erreicht er die höchste Stufe, die Kunst erreichen kann: Darstellung des Menschen. Ohne Darstellung des Menschseins ist hohe Kunst heute nicht mehr denkbar, bleibt sie ohne Würde und ohne Aussage! Bei Riemenschneider können wir wieder lernen, das der Mensch mehr ist als nur ein biologischer Prozeß, mehr als neurologischer Stromfluß, mehr als vorherbestimmtes Material für billigste Verwendung in der Produktion! Nur für eine Gesellschaft, die diesen Blickwinkel Riemenschneiders nicht mehr nachvollziehen kann, ist der Mensch vergleichbar mit Ratten oder Mäusen, menschliches Denken identisch mit Mikroelektrizität, menschliches Verhalten vererbt von Schimpansen und menschliche Arbeit eine allseitige Umweltverschmutzung. Dennoch ist Riemenschneiders Kunst, nur weil sie menschlich ist, nicht weltfremd! Der Mann war Bürgermeister einer Stadt mit 10.000 Einwohnern - im Mittelalter eine Großstadt! Im Gegenteil, er lehrt uns heute das notwendig gewordene Mißtrauen jenen gegenüber, die uns naiven Bürgern weis machen wollen, das Menschlichkeit mit Weltfremdheit gleichzusetzen ist. Um solche Kunst schaffen zu können, ist harte Arbeit erforderlich, eben weil Arbeit zum Menschen gehört, weil der Mensch die einzige Spezies ist, die gestaltende Arbeit zu vollbringen vermag! Riemenschneiders Arbeitsleistung muß unglaublich gewesen sein. Wie weit ist der künstlerische Werdegang von den Plastiken "Adam und Eva" (1491-1493) über die Gestaltung der Wandgrabmäler des Rudolf v. Scherenbergs(1496-1499) oder der Dorothea v. Wertheim (... ) bis zur Maria (1510...1520 ??) von Tauberbischofsheim! Aufzählung weiterer Werke des Tilman RiemenschneiderTumbengrab für "Heinrich II. und Kunigunde" (1499 - 1513) Bamberg, Dom Heiligblutaltar der St.Jakobskirche zu Rothenburg o.d.T. (1501 - 1510) Marienaltar der Herrgottskirche b. Creglingen (1505 - 1510) Apostelaltar der Stadtkirche in Windsheim (1507 - 1509) Büsten der Frankenapostel (1508 - 1510) Die Reste des 1701 zerstörten Würzburger Domhochaltars (Büsten der Frankenapostel) wurden 1945 bei der Zerstörung Würzburgs vernichtet.(1) Kreuzaltar der Dorfkirche zu Dettwang (1510- 1513 ?) Grabmal des "Lorenz v. Bibra" (1516 - 1522) für den Würzburger Dom Beweinungsrelief auf dem Hochaltar der ehem. Zisterzienserinnenkirche in Maidbronn (Würzburg,Mainfränk.Mus.) |
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1460 | Geburt in Heiligenstadt im Eichsfeld. Sein Vater war Münzmeister. | |
| 14?? | Wanderschaft, wahrscheinlich über Erfurt nach Schwaben und dem Oberrhein. | ||
| 1483 | Riemenschneider wird als Geselle in Würzburg seßhaft und am 7.Dezember in der Lukasgilde Würzburgs aufgenommen. | ||
| 1485 | Eheschließung mit Anna Schmidt. Riemenschneider erhält das Bürgerrecht Würzburgs und die Meisterwürde. | ||
| 1497 | Eheschließung mit Anna Rappolt. | ||
| 1505 | Berufung in das Ratskollegium der Stadt Würzburg. | ||
| 1508 | Eheschließung mit Margarete Wurzbach. | ||
| 1509 | Erstmals Mitglied des Oberen Rates in Würzburg. | ||
| 1514 | Mitglied des Oberen Rates in Würzburg. | ||
| 1518 | Mitglied des Oberen Rates in Würzburg. | ||
| 1520 | Eheschließung mit Margarete. (Nachname unbekannt) (4. Ehe des Tilman Riemenschneider) | ||
| 1521 | Bürgermeister der Stadt Würzburg. | ||
| 1522 | Bürgermeister der Stadt Würzburg. | ||
| 1525 | Im Bauernkrieg stellt sich die Stadt auf die Seite der Bauern und gegen den Landesherrn.
Nach der Niederlage der Bauernheere muß sich die Stadt ergeben. Tilman Riemenschneider wird verhaftet, ist zwei Monate in Festungshaft und wird gefoltert. Ein großer Teil seines Vermögens wird eingezogen. Er wird vom Bischof aus dem Rat ausgeschlossen. |
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| 1531 | Am 7. Juli stirbt Tilman Riemenschneider in Würzburg. |
| Zur Skulpturensammlung Berlin Madonna (um 1510-1520) |
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| La Scultura Mondiale | Scultura Italiana.com | ||||
| Mainfränkisches Museum Würzburg und
über den Besuch der Riemenschneider-Ausstellung in Würzburg am 7. Juni 2004 für Mitglieder der Badischen Bibliotheksgesellschaft |
Claudia Lichte / Jürgen Lenssen (Hg.): Tilman Riemenschneider. Werke seiner Blütezeit / Werke seiner Glaubenswelt Katalog zur Ausstellung im Mainfränkischen Museum Würzburg und im Museum am Dom, Würzburg, 24.3.-13.6.2004 Regensburg: Schnell & Steiner 2004, 2 Bde., 383 S. + 345 S., 549 meist farb. Abb. ISBN 3-7954-1661-2 EUR 39.00. |
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| Riemenschneider - Das Heilige im Holze von Thomas Wagner Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2004, Nr. 77 / Seite 35 Bildmaterial: Nachbar Fotografie, Reichenberg |
FAZ.NET
v. 9.1.2008 |
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| Tilman Riemenschneider Weg Zweitägige Wanderung zwischen Rothenburg und Creglingen |
Internet 19.11.07 | ||||
| 16.01.2001 - (idw) Freie Universität Berlin Die Frage um den Geburtsort Tilman Riemenschneiders, eines der bedeutendsten spätgotischen Bildhauers Deutschlands, dürfte gelöst sein: Des Rätsels Lösung liefert eine von Riemenschneider geschaffene Lindenholzfigur im Berliner Bode-Museum, deren Gebetsinschrift mit ihren spezifischen Dialektmerkmalen die bisherige Vermutung, daß Riemenschneider in Heiligenstadt im Eichsfeld geboren wurde, bestätigt. Dies fand der Sprachwissenschaftler und Indogermanist Dr. Matthias A. Fritz von der Freien Universität Berlin heraus. |
www.uni-protokolle.de Internet 19.11.2007 |
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Illustre Gäste - Die Weimarer Inkunabelsammlung in der Badischen Landesbibliothek Ausstellung vom 31. August bis 1. Oktober 2005 Ausstellungsraum der Badischen Landesbibliothek |
Internet 3.12.2007 | |||
| Deutsche Demokratische Republik Künstler: Heinz Rodewald |
Internet am 11.01.08 Muentztreff.de |
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| Die Bauernkriegsschlacht auf dem Turmberg von Königshofen 2. Juni 1525 |
Internet am 5.1.2007 | ||||
| siehe Quellenverzeichnis | |||||
| siehe Quellenverzeichnis | |||||
| HL: Hinweis: wird noch hinzugefügt! Das Steinmetzzeichen von Tilman Riemenschneider |
siehe Quellenverzeichnis | ||||
| Wörterbuch zu den Texten zum Großen Deutschen Bauernkrieg | Kleines Wörterbuch | ||||
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