Vergleichsdarstellung über das Empfinden von
»Häßlichkeit« und »Schönheit«
an zwei Engelsköpfen


              
                            
Engelkopf
Matthias Grünewald
(um 1520)
Kopf eines Engels
Andrea del Verrocchio
2. Hälfte 15. Jh.
Schwarze Kreide
zum Zweck der Übertragung perforiert
208x180 mmm
Florenz, Galleria degli Uffizi
Cabinetto Disegni e Stampe





Zitate

Ein guter Maler hat zwei Hauptdinge zu malen, nämlich den Menschen und die Absicht seines Geistes.
Leonardo da Vinci, (1452 - 1519)
Quelle: ARS SACRA Christliche Kunst und Architektur des Abendlandes, Tandem Verlag 2010, S. 434




Menschengesicht, unstillbar ist meine Lust, dich anzusehen in der unendlichen Vielheit deiner Züge.
Lea Grundig (1906 - 1977)
Quelle: Gesichte und Geschichte, Dietz Berlin 1958 S. 214




Anmerkungen und Fragen
Anmerkung 1 In der Werkstatt Verrocchios (1435-1488), in der Malerei und Plastik zugleich produzierten, wurde auch ein intensives Studium von Anatomie, Mathematik, Optik und Analytik des menschlichen Körpers betrieben. Große Werke sind gründlichst vorbereitet worden, wie oben abgebildete Studie zeigt. Auch andere Künstler der Renaissance hofften, das Ideal der Schönheit vielleicht in Maß und Zahlen finden zu können. Das resultiert aus der Platonschen Vorstellung, nach der die Prinzipien göttlicher Schöpfung auf Maße, Zahlen und Gewichte beruhen und der Kosmos danach gestaltet worden sei.
Berühmte Beispiele lieferten ⇒ Leonardo da Vinci und ⇒ Albrecht Dürer.
Anmerkung 2 Interessant ist, das Dürer nicht nur nach den Proportionen des Ideal-Typs des schönen Menschen sucht, sondern nach ihren Variationen:
z.B. gestreckt und überlang, plump und dick, dürr und mager usw.
Anmerkung 3 Wenn Dürer sagt, er wisse nicht, was Schönheit sei, so meldet er sich als Suchender, und er fügt hinzu, wem es offenbart wird, der weiss es auch. Dürer ist auf der richtigen Spur - wie seine Werke beweisen. Er kann die Schönheit darstellen und weiß um die kleinen Abweichungen von der Norm. Moderne Ansichten betonen sein "daz weis ich nit" und nehmen die Aussage wörtlich - eine Folge permanenter Nutzung aktueller Medienlanguage, die das mehrdimensionale Wirken der Sprache nur zu verflachen und zu kanalisieren vermag.
Anmerkung 4 Bereits Dürer trennt in der Theorie die Schönheit des Bildes von der Schönheit seines Gegenstandes.
Anmerkung 5 Künstler können auch das Häßliche schön darstellen. Gemeint ist dabei nicht die Verschönerung des Häßlichen, sondern die Darstellung seiner Echtheit.
Ein wunderbares Beispiel zeigt (oben) der Engelkopf von Matthias Grünewald.
Frage Frage: Ist Schönheit auch eine Art Auswahl? Schönheit konstruieren, produzieren oder darstellen ist eine anspruchsvolle und intellektuell mehrdimensionale Herausforderung. Das Formen des flachen Häßlichen ist eine Gabe, die jedem zugestanden werden kann. Der Blick auf die Realität des heutigen Kunstmarktes erlaubt die Frage: Ist in der Natur tatsächlich das Häßliche öfter als das Schöne zu finden? Ist in ihrer Widerspiegelung das Häßliche eher deshalb vorrangig, weil das "Unschöne" von jederman produziert werden kann?
Anmerkung
zur
Frage
Diese Frage führt auf die subjektive Seite der Arbeit des Künstlers und seiner individuellen Wahrnehmung der Welt. Wenn der Künstler diese Welt und seine Sicht darauf darstellen will - die unmittelbarste Voraussetzung ist, das er es überhaupt handwerklich vermag - werden seine Werke sich mal der einen Seite (Schönheit), mal der anderen (Häßlichkeit) zuwenden. Sein subjektives Leben und Erleben wird die Vorzugsrichtung bestimmen. Den Blick auf die eine oder andere Seite zu richten, ist die Sache von Jedermann - die Einmaligkeit der Darstellung ist die Sache des Künstlers!
Anmerkung 6 Es kann durchaus ein methodischer Aspekt zwischen allgemeinem Abbildungsverbot und abstrakter Kunst hergestellt werden. Das Pendeltheorem behauptet, dass das Empfinden des Unterschieds zwischen Schönem und Hässlichem in der Darstellung (durch den Künstler) und in der Betrachtung (durch den Rezipienten) polymorph ist. Das vieldimensionale Pendel zwischen SCHÖN und HÄSSLICH wird durch das eindimensionale Pendel zwischen abstrakt (im modernen Sprachgebrauch) und Bildverbot (direkte Wortaussage) ersetzt. Das moderne Abstrakte negiert die Schönheit in der Realität und ersetzt sie durch Eindimensionales. Das Bildverbot schafft Darstellung der Schönheit generell ab. Beides sind wesentliche Einschränkungen der Freiheit, sowohl der des Künstlers als auch der des Rezipienten.
Anmerkung 7 Ausschließliches formelles Benutzen von Farbe und Geometrie, von Muster oder Chaos als Transformation für einen Gedanken des Künstlers (und des Rezipienten) haben schließlich zu gedanklicher Einschränkung und letztlich zur Gedankenlosigkeit geführt. Abstraktion ist (im eigentlichen Wortsinn) gedankliche Widerspiegelung! Die Disputanten im Universalienstreit des Mittelalters waren der Wahrheit bereits näher als die Mediatoren des heutigen Kunstmarktes.
Anmerkung 8 Die Schönheit der Fraktale ist eine kalte und eine relative. Selbstverständlich existiert sie in der Natur wie wir aus den Mannigfaltigkeiten der Schneeflocken oder der Pflanzenblätter wissen. In der Natur finden wir ebenso den Würfel (⇒ Pyritchristall) oder die Kugel (⇒ Andenbeere). Fraktale lösen den Konflikt zwischen schön und häßlich nicht. Es gibt sowohl schöne (z.B. das ⇒ IFS-Fraktal) als auch häßliche (z.B. der ⇒ Mandelbulb). (Gewohnte Wortbedeutungen spielen in der gedanklichen Widerspiegelung immer eine Rolle. Das ist deutlich an den Wortverbindungen Dimension und gebrochene Dimension erkennbar. Mit dem Adjektiv gebrochen ist der Urzustand des Begriffs völlig neu definiert.)







Bild Bilderverzeichnis Quellen
Bild oben links Engelkopf
Grünewald (um1520)
(6) S.268
Bild oben rechts Kopf eines Engels
Verroccio
W.Ames
Italienische Meisterzeichnungen
Im Bertelsmann Lesering, New York 1963 S.47








Andrea del Verrocchio Matthias Grünewald Albrecht Dürer Tilman Riemenschneider Jörg Ratgeb Pendel-Theorem Hutcheson und Shaftesbury Bilderstreit Nominalismus Quellen

Notizen über Schönheit und Häßlichkeit • Dipl.Ing. Hans Holger Lorenz • begonnen: 7.November 2008 • Stand: 12. Juli 2017 • WB-To