Matthias Grünewald alias Mathis Gothart-Nithart


              

Matthias Grünewald Engelkopf um 1520 Von der Sehnsucht der arbeitenden Menschen nach gütiger Gerechtigkeit im Alltag und nach der Hilfe eines mildtätigen Gottes ist in der Geschichtsschreibung oft nur die Berichterstattung über Massenhysterien stupiden Mobs übrig geblieben. Die Beschreibungen der Walfahrten von vierzigtausend Bauern 1476 zum Pfeiffer von Niklashausen legen davon beredtes Zeugnis ab. Dabei hatte sich ein Hans Böheim auf die Milde der Jungfrau Maria berufen, als er um etwas weniger Ungerechtigkeit bat. Er wurde deswegen als Ketzer verbrannt.
Aber die Bewegungen der Reformation und schließlich die im Bauernkrieg explodierende Unzufriedenheit über alltäglich erduldete Drangsale sind nicht die Hysterien der Straßenmobs gewesen sondern man möchte fast sagen: gesetzmäßige Reaktionen der Menschen auf die sich häufenden Unerträglichkeiten.
Künstler vom Format eines Grünewald spürten das eher intuitiv als vernünftig und deswegen sehen wir in seinen Bildern Geheimnis und Anklage zugleich. Grünewalds Mystik wird bestimmt durch die Farben und ganz besonders durch das Licht, dessen Herkunft bis auf eine Ausnahme (in der Auferstehung) unklar bleibt. Mit der Anklage verhält es sich komplizierter und manche Kunsttheoretiker negieren sie heute vollständig. Aber wahr ist es schon, das die zerrissenen Kleider seiner Heiligen auf einen niederen Stand verweisen, das sie eher Bauern gleichen. Dagegen tragen seine römischen Schergen mit abstoßender Häßlichkeit das Pupur der päpstlichen Macht. Die fast zeitgleiche Arbeiten Dürers beweisen uns, das die Bauern Fetzen tragen mußten, aber Dürer stellte Bauern definitiv als Bauern dar - Dürer war deutlicher und direkt.
Das überzeugenste Argument für Grünewalds Anschuldigungen ist seine Jesusdarstellung selbst. Dieser Gottessohn hat wirklich gelitten, sein Sterben ist genau genommen eine Anklage auf diesen entarteten Klerus, der täglich und immer aufs Neue eine Schuld auf sich lädt. Diese Darstellung von Tod ist nicht schlechthin Naturalismus. Wenn die Welt so wäre, wie sie Grünewald zu sehen bekommt, wäre Gott wirklich tod! Und der Maler arbeitet vorrangig im Kreis von Hofleuten, von Schranzen! Und so treibt ihn dieses Erleben in die Darstellung des Häßlichen, das er nur wenige Male zu überwinden vermag. Man muß schon bei der offenkundigen Tatsache bleiben - Grünewald scheint das Häßliche zu bevorzugen - als Mittel zum Zweck, aber er sehnt sich nach Schönheit! Doch in seinem Lebensumfeld ist sie schwer zu finden. Anders bei Dürer! Dürer: ein freier Mann! Er konnte Schönheit sehen und zeigt sie uns auch in wunderbaren Porträts starker Persönlichkeiten. Dürer geht in seiner direkten Suche nach einer Formel für Schönheit sogar viel weiter: er findet sie nicht selten in der leichten Abweichung von der Norm! Dagegen versucht es Grünewald mit strahlendem Licht - mit einer nicht uninteressanten Aureole. Dafür wählte Matthias Farben, die heute oft und damals kaum verwendet wurden. Manches könnte aus moderner Zeit sein - auch das Häßliche!
Vielleicht wurde er deswegen im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts kommerziell entdeckt, als die Neon-Reclamen massenhaft aufzugrellen begannen.

Selbstverständlich gibt es Bösartiges auf der Welt. Wenn Kunst eine Form der Wahrheitsfindung ist, und Kunst vermag Das Böse darzustellen, dann ist offenbar eben dieses Böse durchaus ein Teil der Wahrheit, die uns Grünewald nicht verschwieg. Er schien uns sagen zu wollen: eine Abbildung des Bösen ist darstellbar, also ist es existentiell!
Nun ist es gerade aber diese Bösartigkeit, die ein gewisses Pendel praktiziert. In der Kunst handtiert sie damit, wie sie es benötigt: einerseits die unerhört zugespitzte naturalistische Darstellung des Häßlichen und andererseits das generelle Darstellungsverbot. Damit hätte das Häßliche immer siegen können, denn beide Richtungen schließen unbemerkt und unerwähnt die Darstellung des Schönen aus.

Aber das Häßliche leidet unter einer gravierenden Schwäche. Es unterliegt stets der Gewohnheit und verbraucht sich bis zum Ekel und dessen natürlicher Abstoßungskraft. Die Aufgabe des Pendels zeigt sich dann, wenn sich das Häßliche in den Wahrnehmungen endlich verbraucht hat. Genau dann soll das Pendel zum Darstellungsverbot hin aushieven. Es erscheint so wie eine gesundende Erleichterung. Diese Auswege suchten z.B. die Zisterzienser, aber auch die wilden Bilderstürmer Karlstadts - beide Richtungen erfolgreich in die Irre geleitet. In der Realität scheint das Böse klare Vorteile zu genießen, denn die Darstellung des Schönen, und vor allen Dingen der Krönung des Schönen - des Menschen, ist damit ebenfalls nicht erlaubt und zieldirekt unterbunden. Ein generelles Bilderverbot schließt in seiner Diktatur ein Verbot der Darstellung des Schönen mit ein. Zugleich ist menschlicher moralischer Fortschritt und das Erkennen menschlicher Gaben unsichtbar gemacht!
Bei einem Bilderverbot ist es eben nicht so, das die Schwingung zwischen dem natürlichen Häßlich oder Schön pendeln kann - wie es rationale Vernunft und emotionale Kunst verlangen, sondern sie darf sich nur zwischen Häßlich oder Abstrakt bewegen. Vielleicht könnten die Menschen sonst leichter begreifen, das Kunst etwas anderes ist als die bezahlte und angeheuerte Widergabe des Häßlichen, der eigentlichen Negation des Menschlichen.
Weil das ein Grünwald gerade am Erahnen ist, ist er so wichtig in der Darstellung des (häßlichen) Menschen und weil er gerade am Begreifen ist, es ist noch nicht das Erkennen selbst, kann er die Kraft eines Dürers nicht finden! Beim dem Holzschnitzer Riemenschneider gleicht die menschliche Schönheitsgabe gar einem Gottesgeschenk.
Schönheit liegt im Wesen des Menschen - deswegen haben wir eine unstillbare Sehnsucht danach und deswegen hat uns die Natur auch mit der Gabe ausgestattet, zuweilen besagtes Negativ-Pendel anzuhalten und zur menschlichen Ansicht der Welt zurückzukehren.

So verläßt im Gegensatz zu Grünewald der jüngere Hans Holbein die Mystik, nachdem er sich mit ihr in seinem Holzschnittzyklus "Der Totentanz" (entstanden 1526) ausgiebig beschäftigt hatte und er verläßt das durch die Niederschlagung der Bauernbewegung erstarrte Deutschland. Holbein widmet sich den Porträts der modernen englischen Hofgesellschaft, kühl wie diese, mit klarem nüchternen Urteil. Das ist wahrer Naturalismus, ruhig, leidenschaftslos und genau. Wer von seinen Modellen hochmütig ist, wird so wider gegeben, Zyniker sind zynisch und Selbstzufriedene eben selbstzufrieden. Aber es sind alles Menschen - keine Heiligen, keine Götter und keine Genies, auch ein Erasmus nicht. Das Vertrauen zu den Menschen, das einen Dürer immer wieder beflügelte, ging dem Holbein verloren - das Menschliche nicht!

Nach Ende des Bauernkrieges wurde Grünewald aus dem Hofdienst entlassen, war er doch als "Lutheranhänger dem Gericht verfallen". 1526 erhielt er die letzte Zahlung aus der fürstlichen Kammer in Mainz. Er ging über Frankfurt a.M. nach Halle. Der Künstler versuchte sich noch als Wasserbaumeister, Seifensieder und Farbenhändler. Als im Oktober 1528 eine Kommission den Nachlaß des Mathis Gothart-Nithart inventarisierte, fand sie die gedruckten Zwölf Artikel der aufrührerischen Bauern.

Der heilige Joseph Bildausschnitt Matthias Grünewald nach 1515




Bildausschnitt aus Kreuzigung Christi vom Tauberbischofsheimer Altar
     Grünewald (1523/1524)





Bildausschnitt aus Die Auferstehung Christi
     rechter Flügel der zweiten Schauseite des Isenheimer Altars
     Grünewald (1512-1515)



Bild Bilderverzeichnis Quellen
Bild oben links Engelkopf
Grünewald (um1520)
(6) S.268
Bild oben rechts Bildausschnitt aus "Der heilige Joseph"
Grünewald (nach 1515)
(6) S.269
zweites Bild rechts Bildausschnitt aus "Kreuzigung Christi" vom Tauberbischofsheimer Altar
Grünewald (1523/1524)
(1) Nr.27
drittes Bild rechts Bildausschnitt aus "Die Auferstehung Christi"
rechter Flügel der zweiten Schauseite des Isenheimer Altars
Grünewald (1512-1515)
(1) Nr.17



Vergleichende Ansichten

Albrecht Dürer
1471 - 1528
      Grünewald
Mathis Gothardt-Neithardt
um 1470 - 1528
      Hans Holbein der Jüngere
1496 - 1543
1498 "Selbstbildnis"
Madrid
1501 Beginn der Holzschnittfolge des Marienlebens Die Jungfrau auf der Mondsichel Albrecht Dürer
"Die Jungfrau auf der Mondsichel"
Titelholzschnitt, von Dürer um 1510 nachgetragen
1503 "Verspottung Christi" Verspottung Christi  Matthias Grünewald 1503
"Isenheimer Altar"
(ab 1511 ?) Isenheimer Altar  Matthias Grünewald (ab 1511)
1514 "Bildnis der Mutter" Dürers Bildnis der Mutter 1514 "Die Mutter des Hans Schenitz"
Zeichnung
wahrscheinlich Grünewald zuzuordnen.
1517 "Stuppacher Madonna" Stuppacher Madonna Matthias Grünewald 1517
Porträt des Erasmus von Rotterdam
Porträt des Erasmus von Rotterdam 1520
1522 Erasmus von Rotterdam "Erasmus von Rotterdam"
1524 mit der Drucklegung Unterweisung der Messung wird die Bauernsäule veröffentlicht. Heute einzusehen im Original-Dokument des Museo Galileo - Istituto e Museo di Storia della Scienza Florenz.
Bauernsäule von Dürer
um 1524 Die Heiligen Erasmus und Mauritius
Münchener Pinakothek
1524 "Madonna des Bürgermeisters Meyer"
Das Dreigesicht
Schwarze Kreide auf bräunlichem Papier
um 1525 Dreigesicht
1526 "Vier Apostel"
Münchener Pinakothek
Holzschnitte zum Totentanz
und
erste Reise nach England
1527 "Thomas Morus" Thomas Morus
John Morus, der Sohn des Thomas Morus
Farbige Kreidezeichnung 1528
aus Die Kinder des Thomas Morus Kreidezeichnung Hans Holbein d.J. 1528
Tochter des Thomas Morus
Farbige Kreidezeichnung 1528
aus Die Kinder des Thomas Morus Kreidezeichnung Hans Holbein d.J. 1528






Namen aus der Zeit

Christoph Scriptoris Pfarrer von Tauberbischofsheim, vermutlich einer der Auftraggeber der Tauberbischofsheimer Tafeln des Malers Grünewald. Lutherisch beeinflußt und daher 1522 abgelöst von seinem Posten.






Häßlich oder Schön Das Pendel-Theorem
www.bauernkriege.de

Inhaltsverzeichnis globale Zeittafel Bauernrevolten in Asien Bauernrevolten in Afrika Bauernrevolten in Europa Bauernrevolten in Amerika Revolten in Australien Impressum Quellen
Notizen zur Bauernkriegszeit / Hans Holger Lorenz / 25. März 2013 / HLorenz500@aol.com / IX WB-To