| |
In den Geschichtsbüchern, wenn die Babisten-Aufstände überhaupt einer Erwähnung Wert sind, ist nur von religiösen Revolten zu lesen. Hierbei handelt es sich um ein ähnliches Dilemma wie etwa bei den Erhebungen des Banda Singh Bahadur um 1710 in Indien. Wir finden im Persien der 1830er und 1840er Jahre ein völlig desolates und korruptes Staatswesen, militärische Niederlagen bei langwierigen Kriegen mit dem Ausland, eine unglaubliche und zerstörerische Ausbeutung der Bauern und ein erpresserisches Steuersystem, das gerade dabei war, die Naturalsteuer in eine Geldsteuer umzuwandeln. Die Priesterkaste diente mit ihrer Verlogenheit dem Schah oder den örtlichen Feudalherren und diese wiederum revoltierten fortlaufend gegen die Zentralgewalt. Mit Beginn der dreißiger Jahre verschlechterte sich die Lage der Bauern auf besondere Art. Kaufleute, die mit europäischen Ländern Handel trieben, fanden zunehmend Interesse am massenhaften Anbau sehr spezieller Exportkulturen. Sie erwarben ehemalige Lehnsländereien als Privateigentum und so entwickelte sich eine neue Schicht von Grundbesitzern, die in der Ausnutzung der Arbeit der Bauernschaft den alten feudalen Kräften nicht nachstand. Im Gegenteil, die verschärfte Praxis der Pachtzins führte zu Abgaben in Höhen von zwei Drittel bis vier Fünftel des Ernteertrags.(1) Kriege gegen Rußland und zahlreiche Aufstände der örtlichen Feudalherren gegen die persische Zentralgewalt ruinierten das Land. Hinzu kam der Zustrom englischer Waren und das Eindringen britischen Kapitals und damit ein Niedergang des Handwerks. Anders als in Indien 130 Jahre zuvor standen die neuen Kolonialherren nicht mehr wartend vor den Grenzen, sondern sicherten sich nach den militärischen Niederlagen Persiens mit Verträgen den direkten wirtschaftlichen und politischen Einfluß auf die weitere Entwicklung des Landes. Vorerst verhinderte die besondere Rivalität zwischen den Mächten Rußland und Großbritannien eine direkte Besetzung Persiens (die erfolgte erst 1909 von den Truppen dieser beiden europäischen Staaten). So kam es, das zwischen 1847 und 1852 zahlreiche "religiöse" Aufstände das Land erschütterten. Diese Aufstände der Babisten wurden vor allem von den unteren Volksschichten getragen, allerdings nicht spezifisch allein von Bauern. Der ungehemmte Zustrom englischer Waren und das Eindringen britischen Kapitals in die Wirtschaft hatten den Niedergang der vorherrschenden handwerklichen Heimproduktion zur Folge. Gleichzeitig verelendete die Bauernschaft durch die beginnende Umwandlung der Naturalsteuer in die Geldsteuer. Wie in der Geschichte der Bauernkriege in Europa finden wir auch eine soziale Differenzierung in der muslimischen Geistlichkeit. Die unteren Schichten der Priester, deren Lebensbedingungen sich kaum von denen der einfachen Bevölkerung unterschieden, stellten sich in Opposition. Aus ihren Reihen traten die Ideologen der Aufstandsbewegung hervor, durchaus vergleichbar mit einem Segareli um 1300 in Italien, einem Jan Hus um 1410 in Böhmen, einem Thomas Müntzer von 1525 in Deutschland oder dem Banda Singh Bahadur 1710 in Indien. In Persien hieß der Held Sayyid Ali Muhammad. Die religiöse Situation ist ähnlich geprägt wie beispielsweise um 1500 in Europa. Die verschiedenen Sekten des Islam, Ismailiten und Scheichiten u.a. erwarteten die bevorstehende Ankunft eines neuen Messias. Die Schiiten insbesondere hofften darauf, das der Imam Mahdi, der ihrer Überlieferung nach vor Tausend Jahren im Unsichtbaren verschwand, wiederkehren oder wenigsten Zeichen geben würde, um die Welt zurück in eine Ordnung zu bringen, die nicht durch Ungerechtigkeit gestört sei. Hinzu kamen Gerüchte und Auffassungen, die besagten, das es immer einen Menschen auf Erden gebe, der mit dem unsichtbaren Imam in geheimen Kontakt stehe und dessen Wille kenne. Als diesen Mann gab sich am 23.Mai 1844 ein junger Geistlicher aus. Ali MMuhammad (auch: Mohammed) behauptete von sich, er sei dieser Auserwählte für die gegenwärtige Zeit und führte von nun an den Namen Bab, was übersetzt etwa bedeutet: "Pforte zum Wort Gottes". Die Predigten, die der Bab hielt, sind den Inhalten der christlichen Revoltierer von 1525 fast analog. Der Bab rechnete mit den obersten Geistlichen ab, hieß sie käuflich und machtgierig und warf ihnen Untreue am Glauben vor. Während sie Abgaben der Bauern zusammenraffen, behandeln sie die Menschen als Sklaven. Aber die Geduld der rechtgläubigen Untertanen ist erschöpft und die Zeit der Ankunft des Mahdi ist gekommen. Mit ihm werde das Reich der Gerechtigkeit errichtet, in dem es keine Willkür und Gewalt mehr geben wird. Männer und Frauen seien gleich. Seine religiösen Mitstreiter forderten radikaler die Verweigerung des Gehorsams und der Steuer- und Abgabenzahlungen. Es gäbe gegenüber den bisherigen Herren keine Verpflichtungen mehr! Alle, die bisher groß und bedeutend schienen, würden erniedrigt werden und alle, die niedrig waren, würden erhöht werden. Wer privates Eigentum besitze, nehme anderen Menschen die Möglichkeit, es nutzbringend anzuwenden. Daher werde es kein privates Eigentum mehr in der Welt geben. Bereits 1847 wurde der Bab verhaftet und in der Festung Maku gefangen gehalten. In der Gefangenschaft schrieb er eine neue religiöse Vorschrift "Bejan", der er größere Bedeutung als dem Koran zuschrieb. Vielleicht waren es die Haftbedingungen, die ihn erklären ließen er selbst sei der erwartete Imam Mahdi. Jedenfalls brachte der Kerker dem Bab unerwartet breiteste Sympathien im Volk, und in mehreren Provinzen bewaffneten sich die Bauern. Die Truppen des Schah Nasir ad Din schlugen diese Erhebungen blutig nieder. Sayyid Ali Muhammad kam nun vor Gericht und die Anklage war einfach zu gestalten. Seine Verkündung, ein Werk vergleichbar mit dem Koran zu schreiben, war schon ketzerisch genug, aber sich selbst auch noch als Prophet auszugeben, der die Wahrheit verkündet, war tödlich. Am 9.Juli 1850 richteten die Häscher in Täbris den Bab hin. Insbesondere die Kämpfe um die Festung Scheich-Tabersi hatte den Babisten den Ruf von entschlossenen und mutigen Kämpfern eingebracht. Schlecht bewaffnet widerstanden bis zum Frühjahr 1849 wenige Verteidiger den 10.000 Mann der Regierungstruppen. Nach feierlichen Versprechungen, den sich Ergebenden die Freiheit zu gewähren, wurden die Gefangenen umgebracht, ihre Anführer nach grausamen Folterungen öffentlich hingerichtet. (Auch in dieser Phase des Kampfes können wir vergleichbare Aktionen der Feudalherren beispielsweise in den Bauernaufständen von 1525 erkennen.) Doch der Tod des Bab hatte, statt die Lage zu beruhigen, nur neue Erhebungen angefacht. Erst im Dezember 1850 konnte die Regierung, mit nunmehr 30.000 Soldaten in die Stadt Sendschan eindringen. Wie in Scheich-Tabersi brachte man auch hier die Babisten, die sich auf Gnade ergeben hatten, grausam um. Von einem namentlich genannten Bauernaufstand wissen wir in Niris. Anfangs hatten die Regierungstruppen die Festung der Babisten nach harten Kämpfen erstürmt und alle Verteidiger getötet. Das war den mit den Babisten sympathiesierenden Landleuten das Signal für eine weitere Erhebung und der Beginn erneuter hartnäckiger Kämpfe. Spontan und schlecht organisiert, ein deutliches Charakteristikum von Bauernrevolten, wurde auch diese Erhebung niedergeschlagen. Fast wie im Aufstand des Dolcino in Italien von 1304 bis 1307 zwang die militärische Übermacht der Herrschenden die Bauern zur Flucht in die Berge, von wo aus sie noch einen langen Partisanenkampf gegen die Truppen des Schahs führten. Nach ihrer Niederlage wurden die Gefangenen verbrannt oder erschossen, ihre Hauptleute nach schlimmen Foltern öffentlich hingerichtet. Dieser Aufstand in Niris blieb offenbar der letzte große Kampf der Babisten, obwohl noch bis 1852 immer wieder erneute Kämpfe aufflammten, die stets niedergeschlagen werden konnten. Von den Verfolgungen gejagte Anführer der Bewegung verübten noch im August 1852 ein Attentat auf den Schah, welcher allerdings nur leicht verletzt wurde. Dieser Versuch einer Abrechnung erreichte jedoch das Gegenteil seiner vermutlichen Absicht. Die Attentäter konnten verhaftet werden und wurden nach grauenhaften Folterungen hingerichtet. Das Attentat selbst wurde zum Anlaß genommen, eine Massenverfolgung ohne Beispiel einzuleiten. Wer auch nur in Verdacht geraten war, ein Sympathiesant zu sein, mußte sterben. Während dieser Todesorgie des Mobs tötete man die Dichterin Kurrat-ul-ain. Der Schah zwang seine Untergebenen, selbst an den Massakern teilzunehmen, weil er die Verantwortung der Massentötungen auf sie abzuwälzen hoffte. Dieses Vorgehen läßt durchaus die Vermutung zu, das der Anschlag nicht allein den Babisten zuzuschreiben war. Nach Niederschlagung der Aufstände sinkt Persien in den Rang einer Kolonie herab, um die sich die Großmächte Rußland und England permanent streiten. Die Bemühungen des Armeeführers und Großwesirs Mirza Chan Amir Khabir um Reformen, der zuvor mit unglaublicher Brutalität die Aufständischen niederwerfen ließ, scheitern an den Interessen der ausländischen Kapitalgeber und deren willfährigen feudalen Hilfskräfte. Seine Versuche um eine Reorganisation der Armee und der Verwaltung enden mit seiner Hinrichtung 1852. Sein Nachfolger wurde ein Mann, der insgeheim die britische Staatsbürgerschaft besaß. Alte und neue feudale Großgrundbesitzer, die fast allen Boden in ihren Besitz gebracht hatten, forcierten den Anbau weniger Kulturen, die von den Kolonialmächten gefordert wurden: Baumwolle und Mohn. Dieser Mohn diente ausschließlich der massenhaften Rauschgiftproduktion an Opium, das eine besondere Rolle in den folgenden nach ihm benannten Kriegen um eine Kolonialherrschaft in China spielen wird. |
|
|
Dolgoruki, russischer Fürst, Botschafter Rußlands in Teheran verglich die Situation mit den Revolutionen von 1848 in den europäischen Hauptstädten und behauptete, das die Babisten den Kommunismus mit bewaffneter Gewalt in Persien errichten wollten. |
| Mirza Taghi-Khan auch:
Amir-Nizam
(= Fürst der Truppen) Persischer Diplomat und Staatsmann, ließ als Armeechef die Babistenaufstände mit grausamer militärischer Gewalt niederschlagen. Anhänger der Zentralgewalt des Schahs, strebte nach einer Armeereform und einer Reform des Finanzsystems und beschloß Maßnahmen zur wirtschaftlichen selbständigen Entwicklung des Landes. Als Gegner der lokalen Feudalherren und der geistlichen Würdenträger am Hof des Schahs wurde er im November 1851 entlassen und 1852 getötet. |
| Mulla Muhammad Ali aus Barferusch bedeutender und radikaler Anführer der Babisten, forderte die Einstellung der Steuerzahlungen, die Beseitigung des Eigentums der Reichen und behauptete, der Koran hätte seine Wirkung verloren. |
| Sayyid Ali Muhammad , auch: Ali Mohammed, der Bab (= die Pforte zum Wort Gottes) Ideologischer Anführer der Babistenaufstände, verkündete die Ankunft des Messias Imam Mahdi, der nicht erst zum "Jüngsten Gericht" sondern gleich erscheinen werde und ein Reich der Gerechtigkeit den Menschen bringen wird. Der Bab schrieb den Koran der nach ihm benannten Babisten: den "Bejan", geriet 1847 in Gefangenschaft und wurde am 9.Juli 1850 in Täbris erschossen. Später berief sich auf seine Ideen die Sekte der Baha'i und philosophisch der Behaismus. Die sozialen Ansprüche der ursprünglichen Babisten sind darin nicht fortgesetzt worden. |
| Zarrin Tadsch ; auch: Kurrat-ul-ain (= Augentrost) kämpfte für die Verwirklichung der Ideale des Babismus, war außergewöhnlich populär als junge Frau von seltener Schönheit und mit großer dichterischer Begabung. Wirkte in Kaswin als Prophetin für die Babisten, wurde 1849 eingekerkert und 1852 ein Opfer der Hinrichtungskampagne. Zarrin steht wahrscheinlich für golden. |
| Inhaltsverzeichnis | globale Zeittafel | Bauernrevolten in Asien | Bauernrevolten in Afrika | Bauernrevolten in Europa | Bauernrevolten in Amerika | Revolten in Australien | Impressum | Quellen |