Notizen zur kunstgeschichtlichen Widerspiegelung
des Großen Deutschen Bauernkrieges

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"Die rasche Entwicklung der Städte ... mit all ihren Folgen - Anhäufung großer Reichtümer in den Händen großer Kaufherren und Patrizier, des Adels und der Kirche - brachte neben andauernden Machtkämpfen um die Vorherrschaft unerhörten Luxus und den Verfall aller Sitten mit sich. Vergewaltigungen, Raub und Plünderungen, Verrat und Denunziationen ängstigten die Menschheit. Nirgens war Sicherheit... Je mehr der Warenhandel durch die gesteigerte Warenproduktion zunahm und je weiter der Fernhandel seinen Bogen spannte, um so undurchsichtiger und geheimnisvoller wurden die gesellschaftlichen Zusammenhänge. Es gab zwar für viele daran mit Gewinn Beteiligte ein erweiterstes Weltbild, aber ausgeschlossen blieben die breiten Schichten der Bauern und Leibeigenen und ebenso der Handwerker... Das war der Boden, auf dem sich ... Reformatoren der Kirche und der leibeigenen Bauern zu Wort meldeten und durch die Bibel bewiesen, das die Ungerechtigkeit der weltlichen Machthaber nur durch eine urchristliche ... Gemeinschaft zu überwinden sei." (Hans Grundig, Manuskript 1947)
Bauern vor Gericht Holzschnitt des Petrarca-Meisters 1519/20
Bauern vor Gericht
Holzschnitt des Petrarca-Meisters 1519/20
Es ist bekannt, das Künstler, die gewillt und fähig zum Parteiergreifen sind, soziale Auseinandersetzunge früher erkennen oder zumindestens voraus ahnen. Betrachtet man den Hozschnitt und die Federzeichnung, beide etwa um 1519, also fünf Jahre vor dem Ausbruch des Deutschen Bauernkrieges, kann man noch heute darin Aussagen über den sozialen Zustand der Bauern ablesen. Es ist unmöglich zu glauben, das solche Realitäten von den fürstlichen und kirchlichen Zeitgenossen nicht gesehen wurden.

Weinende Bäuerin
            Federzeichnung von Albrecht Dürer zum Gebetbuch Kaiser Maximilians um 1515
Weinende Bäuerin
Federzeichnung von Albrecht Dürer
zum Gebetbuch Kaiser Maximilians I. , um 1515
Unmittelbare Widerspiegelung fand der große deutsche Bauernkrieg von 1525/1526 vor allem im damals neu aufgekommenen Medium der gedruckten Graphik. Oft zeigten die Drucke die Aufständischen als Opfer, als Gefangene, Gefolterte oder als Hingerichtete. Aber die Künstler sahen auch Ursachen für die Gewaltausbrüche. Schließlich wollten die Bauern ihre Rechte verteidigen. Der Holzschnitt vom Jörg Breu schildert den amtlichen Vorgang der Verkündigung eines Ablasses und das angeordnete Geldkassieren. Der Mißbrauch amtlicher Einrichtungen der Kirche hatte solche Ausmaße angenommen, das die Bauern in manchen Gebieten klugerweise zur Selbsthilfe griffen, wie uns die Federzeichnung des Niklaus Manuel Deutsch von 1525 berichtet.
Verkündung eines Ablasses  Holzschnitt von Jörg Breu d.Ä.  um 1530
Verkündung eines Ablasses
Holzschnitt von Jörg Breu d.Ä.
um 1530
Bauern hängen einen Ablaßkrämer
Federzeichnung von Niklaus Manuel Deutsch 1525
Bauern hängen einen Ablaßkrämer  Federzeichnung von Niklaus Manuel Deutsch 1525
Es gab natürlich sehr viel mehr Ursachen für die Aufstände als den Ablaßhandel, wie aus den Forderungen der berühmt gewordenen Zwölf Artikel hervorgeht, die mit 25.000 Drucken im Lande verteilt wurden. Noch heute erzählen uns zeitgenössische Holzschnitte vieler unbekannter Künstler von den bewaffneten Bauern, ihren Fahnen und Zeichen, von ihrer Arbeit und ihren Kämpfen und selbst von ihren Feinden. Auch die furchtbare Niederlage der Aufständischen wird nicht verschwiegen.
Überliefert sind uns vor allem die Arbeiten der Brüder Beham, die des Petrarca-Meisters und die von Albrecht Dürer. Viele der zeitgenössischen Drucke trugen den Charakter von Kampfschriften, hüben wie drüben, und sie fanden ihre Verbreitung vor allem auf Märkten und in Trinkstuben. So wurde politische Propaganda erstmalig schriftlich ausgetragen. Die zugehörige Theorie war längst entwickelt, noch aus dem Hussitentum heraus. Doch 1525 wirkte im Unterschied zu den Taboritenkämpfen ein neues Medium: die Presse. Die Feststellung, das der Bauernkrieg gewissermaßen vom ersten Medienspektakel der europäischen Geschichte begleitet wurde, ist nicht ganz von der Hand zu weisen.
Bauern, Handwerker und Landsknechte schlagen auf Ritter,Mönch und Papst ein
                      Holzschnitt von Erhard Schoen
                      um 1525 Bauern, Handwerker und Landsknechte schlagen auf Ritter,Mönch und Papst ein
Holzschnitt von Erhard Schoen
um 1525
(Abb. rechts)
Verhandlung aufständischer Bauern mit einem Adligen
                    Holzschnitt des Petrarca-Meisters  1519/1520
Verhandlung aufständischer Bauern mit einem Adligen
Holzschnitt des Petrarca-Meisters
1519/1520


Mit Recht beriefen sich die Bauern auf Christus und die Evangelien. Sie hielten sich für die wahren Anhänger Christi und fragten: "Als Adam grub und Eva spann, wo war den da der Edelmann?". Sie waren es, die die Werte in dieser Feudalgesellschaft schufen. Die fortschrittlichsten Künstler griffen diese Lebensansicht auf und so findet sie sich in ihren Werken auch als politische Polemik.

Christus wird von der Papstkirche verfolgt
             Holzschnitt von Hans Holbein d.J.  Flugblatt, 1.Hälfte 16.Jhdt.
Christus wird von der Papstkirche verfolgt
Holzschnitt von Hans Holbein d.J.
Flugblatt, 1.Hälfte 16.Jhdt.


Abbildungen selbstbewußter kämpferischer Bauern finden wir auch in den Randzeichnungen zum Gebetbuch Kaiser Maximilians. Dürer, der dafür ebenfalls Arbeiten lieferte, schuf nach der Niederlage der Aufständischen eine Gedenksäule - aus Hochachtung. Von anderen Zeitgenossen ist dergleichen nicht überliefert. Viele Künstler brachten ihre Sympathien für die Bauernsache nur in Anspielungen oder Allegorien in ihre Werke ein, denn der Terror der Sieger machte auch vor hochbegabten Künstlern nicht halt. In Würzburg ließ man die Hände Tilmann Riemenschneiders verstümmeln. Der Hofmaler Grünewald wurde in Mainz aus seinem Amt gejagt. In Pforzheim ließen sie den Jörg Ratgeb von Pferden auseinander reißen. Die Gerechtigkeit hatte ihren Kampf verloren und sich schlafen gelegt, so sah es Beham mit seinem Kupferstich. Diese Zeugnis der Parteinahme Behams für die geschlagenen Bauern zeigt die in Ketten gelegte ermüdete Gerechtigkeit, der vom Fuchs (=Luther - so von Thomas Müntzer genannt) das Schwert geraubt. Von nun an blieben den Künstlern in Deutschland die Hände gebunden...

Der Welt Lauf
Barthel Beham
Kupferstich 1525

Der Welt Lauf  Barthel Beham Kupferstich 1525
Die Hände des Sebastian  Holzplastik (Detail) Tilman Riemenschneider
Die Hände des Sebastian
Holzplastik (Detail)
Tilman Riemenschneider
Mit fortschreitenden Jahrzehnten wurde das Bauernkriegsdrama überlagert von religiös gefärbten Themen. Der dreißigjährige Krieg schob konfessionelle Intoleranz in den Vordergrund und überdeckte die sozialen Gegensätze. Das lag durchaus im Interesse der Landesfürsten, die mit ihrer Unfähigkeit die deutschen Länder langfristig in den Ruin führten.

Fortsetzung

 
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Notizen zur kunstgeschichtlichen Widerspiegelung des Großen Deutschen Bauernkrieges / begonnen am 1.März 2006 / Stand: 21.Mai 2009 / Hans Holger Lorenz / HLorenz500@aol.com / III