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Jahrhunderte lang schien das Thema des deutschen Bauernkrieges vergessen. Das hatte gute Gründe.
Politik und somit auch die Kunst wurde lange Zeit von der feudalen Übermacht bestimmt. Die
Feudalherren, der Adel und der Klerus, entschieden über Wohl und Wehe der Kunst und der Künstler.
Der Klarheit und Aufrichtigkeit des frühbürgerlichen Humanismus, die in den deutschen Landen
heimatlos geworden waren, begegnete man lange nur in den hervorragenden Werken der niederländischen
Kunst.
In Deutschland meldet sich das Thema des Bauernkrieges zuerst wieder in der Literatur.
Martin Rinckhardt, ein Thüringer Dichter verlor infolge der Prägung "leichten Geldes" während der Zeit des
Dreißigjährigen Krieges sein Vermögen. In seinem Drama
Der Münzerische Bawrenkrieg und was mehr vorgegangen von 1521 bis 1525
läßt er die Bauern mit ihren Klagen urwüchsig zu Wort kommen. Das Stück selbst ist genau einhundert
Jahre nach dem Ende dieser großen Erhebung geschrieben und den Städten Mühlhausen, Langensalza und WEisleben gewidmet.
Das Buch wurde 1625 in Leipzig gedruckt.
Intelektuelle Anstöße zur Diskussion der nationale Frage im deutschen Kleinstaatenwesen
bot der Deutsche Bauernkrieg mit Goethes
Götz von Berlinchingen.
1773 geschrieben, fand das Drama mit der Weimarer Aufführung von 1804 weitläufigeres Interesse.
1795 erschien in Leipzig
"
Der Bund des armen Konrads Getreue Schilderung einiger merkwürdiger Auftritte
aus den Zeiten der Bauernkriege des 16. Jahrhunderts". 1806 ließ die Verfasserin Benedicte Naubert,
vermutlich vom Puplikumserfolg angeregt, das Buch in dem umgearbeiteten Briefroman
"
Die Gräfin von Fronsberg"
als eine "vaterländische Geschichte aus den Zeiten des Mittelalters" erneut auflegen.
Der Abgeordnete Dr.Wilhelm Zimmermann, auch Bauernkriegszimmermann genannt, gehört eigentlich in die Kategorie der
wissenschaftlich arbeitenden Historiker. Doch Dank seiner lebensnahen und berührenden Schreibweise
wurde er in der Arbeiterschaft zu einem viel gelesenen Autor.
Erstmalig erschien seine "Allgemeine Geschichte des großen Bauernkrieges" 1841/1843
eine brandaktuelle Problematik des Pauperismus berührend.
Die mit der Industrialisierung einhergehende allgemeine Verarmung
betraf nicht nur die aufkommende Arbeiterschaft, sondern auch die Klasse der Bauern, eben weil aus ihr die neue
Arbeiterschaft erwuchs. Im Gegensatz zur Mehrzahl der zeitgenössischen Autoren stellte sich Zimmermann
mit seiner Geschichtsauffassung beherzt auf die Seite der Aufständischen! Das mag keinen
geringen Einfluß darauf gehabt haben, das er folgerichtig ein Mandat für die Frankfurter Nationalversammlung errang.
1857 schrieb Ferdinand Lassalle den
Franz von Sickingen.
Vierzig Jahre später wurde Gerhart Hauptmann's
Florian Geyer in Berlin aufgeführt.
Der heute wohl unbekannte
Rober Schweichel
(1821-1907) konnte 1899 in Stuttgart seinen
"Um die Freiheit. Geschichtlicher Roman aus dem deutschen Bauernkriege 1525" veröffentlichen. Das
Buch erlebte mehrere Auflagen, so im Internationalen Arbeiterverlag 1926 , bei Weichert 1950 in Berlin und
1953 bei Rütten & Loening. Schweichelt soll früher, wie sein vermutliches Vorbild Lassalle (?),
ebenfalls einen Arbeitervein gegründet haben.
Etwas zeitverzogener setzte die Rezeption in der Bildenden Kunst ein: 1844 mit "Graf Helfenstein, im Bauernkrieg gefangen"
von Gustav Metz. Der epochemachende Zyklus zum Bauernkrieg wird aber erst von einer Frau geschaffen:
von 1903 bis 1908 arbeitete Käthe Kollwitz an den weltberühmt gewordnen Grafiken.
Aus dem Zyklus "Bauernkrieg":
"Der Losbruch" 1903 von Käthe Kollwitz
Auch andere Künstler widmen sich diesem Thema, das sich von nun an besonderer Beliebtheit in der
deutschen Arbeiterbewegung erfreut:
Max Lingner,
Bert Heller,
Johannes Wüsten,
Lea Grundig,
Wilhelm Geißler,
Hanns Zethmeyer.
Gemälde zum Grossen Deutschen Bauernkrieg von Max Lingner 1951-1955 (unvollendet)
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Die mißhandelten Hände des gefolterten
Tilman Riemenschneider sind das zentrale
Thema einer Radierung Lea Grundigs, offenbar ganz bewußt in Traditionsfortsetzung
der Radierungen der Kollwitz, deren Kunst sie seit etwa 1930 bewunderte. Das zeigt
der hier links abgebildete Ausschnitt aus "Tilman Riemenschneider".
Diese Arbeit, 1958 auf der 4.Deutschen Kunstausstellung gezeigt,
ist eine von mehreren Radierungen zum Thema Deutscher Bauernkrieg.
Interessant ist vor allem der Gegensatz der Hände zur Figur im Hintergrund, die noch
gesund und kräftig erscheinen als Hände des Schnitzers in einer
auf gewisse Weise angelegten Nachbildung. Diese solll vermutlich eines der
ungesicherten Selbstbildnisse Riemenschneiders zitieren, zumindest aber
die Hände eines Heiligen! Eine dieser Grafiken (die hier leider nicht mit abgebildet werden konnte)
kennzeichnete die Künstlerin eigenhändig mit:
"Zum Deutschen Bauernkrieg" Tilmann Riemenschneider
Lea grundig 1954 früher Zustand.
Ihre Affinität zu Werken des Hieronymus Bosch wird am Zitat (rechts) deutlich sichtbar. Der nebenstehende
Ausschnitt der Arbeit von 1956 "Verbrennung des Jäcklein Rohrbach" zeigt ihre Abrechnung mit der
Dummheit der Leichtgläubigen, die selbst betrogen und ausgeplündert werden: hier sehen diese den Qualen des
Jäcklein Rohrbachs zu, bei Hieronymus Bosch jene der Kreuztragung Christi. Lea Grundigs Rohrbach ist kein
strahlender Held im Untergang, sondern eine gequälte Kreatur in den Flammen.
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Durch die sozialistische Weltbewegung im 20.Jahrhundert angestachelt, breitet sich die
künstlerische Bearbeitung vom Thema "Deutscher Bauernkrieg" ausgreifend auf den
Befreiungskampf der Bauern aus.
Weltweite Anerkennung finden Werke lateinamerikanischer Maler
(Diego Maria Rivera, Beweinung eines Revolutionshelden, 1926/27). Wenig später tragen Arbeiten
chinesischer Künstler dazu bei, den Kampf der Bauern darzustellen.
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Der sozialistische Realismus,in der DDR 1949 zur Staatskunst avanciert, zeigte sich durchaus in der Lage,
entgegen
allen antikonzeptionellen Verissen der Gegenseite, das neue bäuerliche Leben und Arbeiten künstlerisch zu widerspiegeln.
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Curt Querner Bauer Rehn 1952 Kunstarchiv Beeskow |
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Günter Neubauer Steinleser 1984 Kunstarchiv Beeskow |
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Bernhard Heisig Dorfweg 1984 Kunstarchiv Beeskow |
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Das zeigen noch die Arbeiten der Künstler, die im
Kunstarchiv Beeskow
untergebracht wurden:
Curt Querner, Märzabend bei Karsdorf, 1953
Erich Fraaß, Zirkelstein und Friedenskrone, o.J.
H. Reinhold, Dorf, 1953
Herbert Bergmann-Hannak, Volksgut Blankenfelde, 1958
Gabriele Mucchi, Volksgut Buch, 1958
Wolfgang Speer, Feldbaubrigadier, 1960
Paul Michaelis, Gespräch im Frühjahr 1960, 1961
Hermann Schepler, Dörfliches Erntefest, o.J.
Hermann Schepler, Bauernhof, 1964
Tom Beyer, Landschaft mit Kornfeld, o.J.
Heinz Wodzicka, Fahrt zur Ernte, 1967
Werner Haselhuhn, Abgeerntete Felder, 1974
Werner Haselhuhn, Traktoristen, 1970/71
Walter Womacka, Bodenreform, 1972
Rudolf Graf, Rast auf dem Feld, 1973
Renate Niethammer, Landbriefträger, 1974
Heinz Mäde, Kartoffelernte – Frühschicht, 1976
Günter Horn, Friedrich (Schweinestall), 1979
Günther Brendel, Alt-Wustrow, 1983
Heide-Marlis Lautenschläger, Rübenhacker, 1984
Karlheinz Wenzel, Jugendbrigade im Gewächshaus, 1985/86
Günter Richter, Letzter Sommer für Eythra, 1986
Wolfram Schubert, Ernte in Potzlow, 1986
Dieter Rex, Erntelandschaft, 1987
Christian Heinze, Das Brot, 1986
Wolfgang Wegener, Staudengärtnerei „Förster“ im Winter, 1988
Jürgen Parche, Gehöft bei Roter Krug, 1989
Jürgen Parche, Meisterin in der Kälberaufzucht, 1989
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Am speziellen Thema des Bauernkrieges wurde in der DDR mit geradezu klassenkämpferischer Treue gearbeitet.
Noch heute können die von klarer Aussagekraft und Schönheit bestimmten 115 Zeichnungen von Hans Baltzer
Zeichnung von Hans Baltzer
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begeistern, die viele Auflagen der Zimmermannschen Volksausgabe des "Der Grosse Deutsche Bauernkrieg" vom Dietz-Verlag zieren.
Das jetzt zu den Klassikern zählende Werk Wilhelm Zimmermanns durfte in keiner Bibliothek fehlen.
Den bildenden Künstlern wurde stets genügend Raum (und Material) gelassen, wie die vielen Arbeiten
der DDR-Zeit beweisen. Beispiel bietet das Thomas-Müntzer-Standbild in Mühlhausen von
Will Lammert (1956)
und die Ölgemälde (168 cm x 274 cm) "Thomas Müntzer predigt" 1958 von Wilhelm O. Pitthan und
"Thomas Müntzer setzt den ewigen Rat ein" 1960.

Thomas-Müntzer-Plastik aus rotem Sandstein von Franz Eisele (geb. 1900, Bildhauer)
an einem Eckhaus in Halberstadt. Die auch nach Müntzer benannten Straße gehörte zu jenen
nach 1956 entstandenen Wohnungskomplexen, die für die im Krieg zerstörte Halberstadt
neu errichtet wurden.
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Ein interessantes Detail der
kunstgeschichtlichen Widerspiegelung des Bauernkrieges findet sich in
seltenen Buchausgaben der DDR-Verlage, die graphische
Darstellungen direkt vom Stock gedruckt enthielten. Der Graphiker
Karl-Georg Hirsch,
den man seit 1969 zur dritten Generation der Leipziger Schule zählen kann,
schuf zur
Sonderausgabe
des Werkes von Friedrich Engels "Der deutsche Bauernkrieg" Holzstiche
von ausdrucksvoller Dynamik. Die Holzstecher hatten an der Hochschule für Grafik und Buchkunst
ihr Zentrum und speziell in einer Klasse diese Technik gelehrt.
Von Heinz Zander entstand 1971 der Zyklus "Der Große Deutsche Bauernkrieg". Die Arbeit wurde zu DDR-Zeiten in der
Mühlhauser Kornmarktkirche ausgestellt.
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Fast als retardierenden Höhepunkt der DDR-Rezeption möchte man das Bauernkriegspanorama
"Frühbürgerliche Revolution in Deutschland" von Werner Tübke (1983-1987) nennen. Denn hier (siehe Bildausschnitt)
hält Thomas Müntzer die Fahne bereits gesenkt, die Schlacht ist offenbar verloren, das Morden an den
Bauern beginnt. Der Müntzer von Hans Baltzer (Anfang der 1950er) schwört noch zuversichtlich seine
Bauern auf ihre Fahne ein,
auch wenn einige den Kopf gesenkt halten angesichts der Übermacht ihrer Feinde gewiß.
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Panorama Bad Frankenhausen
Link zum Monumentalbild "Frühbürgerliche Revolution in Deutschland"
(von Werner Tübke)
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In der Bundesrepublik Deutschland gingen die wenigen Künstler, die sich des Themas Bauernkrieg
annahmen, mehr experimentelle Wege.
Als ein bemerkenswertes Beispiel sei hier die
Die Schwarze Hofmännin
von Dieter Erich Klumpp (1982-1986) erwähnt.
Doch auch nach 1989 stellt sich das Thema selbst neu und immer wieder neu. Wir können ausgezeichnete Werke aus der
Gegenwart finden, die wie selbstverständlich in postsozialistischer Zeit leider so gut wie keine
mediale Erörterung finden. |
Bronze-Denkmal des "trauretten Bauern" von Peter Brauchle
zum Gedenken an den Pfälzer Bauernkrieg 1525
in Nußdorf (Landau)
Das Motiv zitiert überzeugend den
Entwurf einer Gedächtnissäule
von Albrecht Dürer
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Denkmal in Sulmingen für
Ulrich Schmid, dem Anführer des Baltringer Haufens
Foto mit freundlicher Erlaubnis von F.Liesch, Verein "Baltringer Haufen - Freunde der Heimatgeschichte"
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Folgender Link führt zu einer Abbildung des
Bauernkriegsdenkmal in Würzburg, das an die vegebliche Erstürmung der Festung erinnert.
Über den Aufrührer Hans Böheim, am 19.Juli 1476 als Ketzer in Würzburg verbrannt, zwei seiner Mitstreiter waren zuvor enthauptet worden, findet sich in der Stadt auf dem Schottenanger eine kleine vorzügliche Stele. Sie erinnert an seine Predigten,
die sich als sehr frühe Vorankündigung der sozialen Auseinandersetzungen von 1525 offenbaren sollten.
Der Pfeifer von Niklashausen wurde bereits 1493 in Hartmann Schedels Weltchronik erwähnt und es gibt kunstgeschichtliche Analysen,
die vermuten, das selbst Albrecht Dürer und Sebastian Brant dem mutigen Mann in ihren Werken ein Denkmal setzten.
Das Denkmal in Würzburg für den Pfeifer von Niklashausen
Der Ratgeb-Altar (2003-2004) von Hans Kloss,
jüngstes Beispiel für aufrichtiges Engagement von Künstlern für das Thema
Deutscher Bauernkrieg gehört seit 2005 zur Sammlung Würth in Schwäbisch Hall.
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Im Jahr 2011 ist in Mühlhausen eine Sonderausstellung zur Rezeption von
Reformation und Bauernkrieg in der aktuellen Kunst geplant. Als zeitliche Zäsur soll das
Jahr 1970 dienen, in dem
Gustav Heinemann
in seine
Bremer Rede
das deutsche
Geschichtsbewußtsein kritisch betrachtete.
Angestrebt wird ein gemeinsames Projekt der Bauernkriegsmuseen Mühlhausen und Böblingen.
Man darf auf die Auswahl der vorgestellten Kunstwerke gespannt sein.
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An der Fortsetzung wird gearbeitet.
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